25.07.2016
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Interview mit Kardinal Müller: Was ist im Islam anders als im Christentum?

Herr Kardinal, Sie gelten als der mächtigste Widersacher des Papstes und seines Reformprogramms im Vatikan. Wie ist Ihr Verhältnis zu Franziskus?

Ich bin bereits von Papst Benedikt XVI. in mein Amt berufen worden. Mit ihm verbanden mich die Herkunft aus der wissenschaftlichen Theologie, die gleiche Nationalität, die gemeinsame Weltsicht. Papst Franziskus dagegen ist kein „Berufstheologe“, sondern geprägt von seinen Erfahrungen als Seelsorger, die in Südamerika ganz andere sind als bei uns. Er hat aber eine hohe geistliche und theologische Urteilskraft, die sich an der Spiritualität seines Ordensgründers, des hl. Ignatius von Loyola orientiert. Es ist völlig legitim, dass er seine Lebensgeschichte in die Art einbringt, wie er das Papstamt ausübt. Gott sei Dank war ich selbst lange in Südamerika, so dass ich all das gut verstehen und einordnen kann.

Wie denn?

Das Reformprogramm von Papst Franziskus ist nichts revolutionär Neues, sondern folgt der Tendenz seiner Vorgänger seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Das Besondere ist sein Charisma, mit dem er es versteht, Blockaden und verhärtete Positionen aufzubrechen. So wie er jetzt den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill umarmt und gesagt hat: Im Grunde sind wir doch Brüder, wir haben das gleiche Bischofsamt. Und jetzt schauen wir nach vorne. Einfach genial, wie hier dickes Eis gebrochen wird!

Und Sie sind dann das theologische Korrektiv, das sein dogmatisches Gewicht in die Waagschale wirft, damit am Ende alles ins Lot kommt, was Franziskus in seinem charismatischen Überschwang anstellt?

Das hat er selber schon drei-, viermal öffentlich so gesagt (lacht)  und mich umarmt, damit - wie er erklärte - das diesbezügliche dumme Gerede aufhört. Man sollte das theologische Verständnis des Papstes aber auch nicht unterschätzen. Immer wieder verweist er auf die Lehre der Kirche als Interpretationsrahmen auch seiner spontanen Äußerungen in Interviews.

Wie kommt es dann bei so viel Einvernehmen zu Ihrer Kennzeichnung als Papstfeind Nummer eins?

Fragen Sie die, die dieses Märchen in Umlauf gesetzt haben!

Ein Märchen?

Es gibt  gezielte Desinformation von Seiten derer, die den Papst für ihre Ideologien in Anspruch nehmen, statt ihn im Licht der Glaubenslehre der Kirche  zu verstehen. Das muss doch jedem klar denkenden Menschen einleuchten: Der Papst ist nach katholischem Glauben von Christus selbst eingesetzt, und die Glaubenskongregation mit ihren 25 vom Papst ernannten Kardinälen ist das vom Papst selbst legitimierte Instrument, das ihm  bei der  Ausübung seines universalen Lehramtes zur Seite steht und so auch daran teilhat.  Bei uns ist allerdings nicht Kunst des Schmeichelns gefragt, sondern Sachverstand.

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