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Interview mit Kofi Annan: "Musste Teufeln die Hand schütteln"

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Er zählt zu den Stargästen der diesjährigen Lit.Cologne: Der ehemalige UN-Sekretär Kofi Annan auf der Bühne der Uni-Aula. Foto: stefan worring
Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan spricht im Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger über Treffen mit Despoten, den Vorteil einer leisen Stimme und die Freude darüber, für Morgan Freeman gehalten zu werden.
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Nach dem Interview steht Kofi Annan am Fenster seiner Stiftung und blickt auf den Genfer See. Er wirkt in Gedanken versunken, man könnte meinen, er denke noch mal über das Leid in der Welt nach, während er auf die Idylle vor den französischen Alpen blickt. Dann sagt er, dass er eigentlich keine große Lust hatte, sich dort hinzustellen, er habe es nur gemacht, weil der Fotograf so freundlich darum gebeten hat. "Fotografen", sagt er leise und lächelt dabei, "Fotografen sind die letzten wirklichen Diktatoren." Das ist auch Koketterie, denn der 74-Jährige weiß durchaus um die Aura des integren Weltenretters, die ihn, den ehemaligen UN-Generalsekretär, bis heute umweht - trotz aller Fehlschläge, Widersprüche, stagnierenden Reformen.

Kofi Annan: Viele glauben wohl immer noch, dass ich zu weich, zu nachgiebig gewesen sei.

Sie sehen sich anders?

Annan: Ja. Schauen Sie, ich spreche prinzipiell sehr leise. Und das wird von vielen so interpretiert, als könne ich keine harten Entscheidungen treffen. Ich erinnere mich noch, wie ich 1998 von New York in den Irak flog, um mit Saddam Hussein zu verhandeln. Als ich morgens mein Haus verließ, wartete bereits eine Gruppe von Journalisten auf mich. Einer fragte mich geradeheraus: "Mr. Annan, haben Sie überhaupt den Mumm, jemanden wie Saddam zu treffen und mit ihm zu sprechen?" - "Was für eine dumme Frage!", habe ich geantwortet. Genau diesen Satz hat er dann in seinen Artikel eingebaut.

In Ihren Memoiren beschreiben Sie Ihre Treffen mit Tyrannen, auch jene mit Slobodan Milosevic. Der ehemalige Präsident Jugoslawiens, der wegen Völkermords vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagt war, schwärmte in Gesprächen mit Ihnen von seiner Zeit als Banker in New York und fragte Sie, ob es dieses oder jenes Restaurant in Manhattan noch gebe. Was geht Ihnen in solchen Momenten durch den Kopf, wenn Sie wissen: Das ist derselbe Mann, der für zahlreiche Massaker an der bosnischen Bevölkerung verantwortlich ist?

Annan: Milosevic mochte über nette Restaurants in New York reden, so viel er wollte. Ich habe mich davon nicht beirren lassen. Ich habe Despoten wie ihm zwar immer zugehört, ihm dann aber gleichzeitig klarzumachen versucht, dass die internationale Gemeinschaft seine Verbrechen nicht duldet.

Das ist schon ein gewaltiger Spagat - erst Small Talk über Bars in Manhattan, dann konfrontieren Sie ihn mit Vorwürfen, er habe den Völkermord auf dem Balkan verantwortet.

Annan: Das waren sehr seltsame Begegnungen. Ich hatte mich immer akribisch vorbereitet, hatte alle Berichte über seine Kriegsverbrechen gelesen. Ich wusste, was für schreckliche Dinge er und andere getan hatten oder was die internationale Gemeinschaft ihnen zur Last legte.

Haben sich viele Despoten wie Milosevic verhalten?

Annan: Es ist ein weit verbreitetes Verhaltensmuster, ja. Obwohl es auch einige gab, die bewusst versuchten, sich als ganz harte Burschen zu präsentieren. Aber die meisten waren wie Milosevic darum bemüht, so etwas wie Gewöhnlichkeit auszustrahlen. Das gehört zu ihren Abwehrmechanismen, die ich allerdings früh durchschaut habe.

Die "New York Times" hat geschrieben, Sie seien der Abgesandte der Weltgemeinschaft gewesen, der zur dunklen Seite geschickt wurde.

ANNAN: Das war ich wohl. Hinter all den guten Manieren, die Leute wie Milosevic oder Hussein in den Gesprächen zur Schau stellten, gab es diese andere, sehr dunkle Seite. Das Böse hat viele Gestalten - es kommt oft mit guten Manieren daher. Ich habe mir meinen Blick auf ihre Unmenschlichkeit dadurch nicht verstellen lassen. Ich musste vielen Teufeln die Hand schütteln - und dafür gab es immer nur einen Grund: Ich wollte Leben retten, jene Menschen, die unter diesen Despoten zu leiden hatten, die mit dem Tod bedroht waren. Ich hatte keine Wahl.

Ihr Name ist eng mit zwei Katastrophen verbunden, die sich während UN-Missionen ereigneten: der Genozid 1994 in Ruanda mit mehr als 800.000 Toten, ein Jahr später der Völkermord in Srebrenica, als 8000 Bosniaken in den UN-Schutzzonen ermordet wurden. Sie waren zunächst verantwortlich für die UN-Friedenssicherungs-Einsätze, danach UN-Sonderbeauftragter für Jugoslawien. In Ruanda hatten Sie die Warnung eines UN-Kommandanten vor Ort vor der sich anbahnenden Gewalt nicht ernst genug genommen. In Ihrem Buch beschreiben Sie sehr offen Ihr Hin-und-Hergerissen-Sein in dieser angespannten Situation.

ANNAN: Man hat immer Zweifel, was richtig und was falsch ist. Ich habe diese Zweifel in meinem Buch deshalb offen artikuliert, weil wir Lehren aus der Geschichte ziehen müssen. Aber man muss auch den damaligen Kontext sehen: Nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion standen die Vereinten Nationen vor einer völlig neuen Situation. Der UN-Sicherheitsrat war zwar nicht mehr durch die Ost-West-Spaltung blockiert, das bot neue Möglichkeiten, aber andererseits auch neue Unsicherheiten. Die friedenssichernden Missionen beispielsweise wuchsen innerhalb einer relativ kurzen Zeit von 100 auf bis zu 71 000 UN-Soldaten an. Und sie kamen auf einmal in unberechenbaren Bürgerkriegs-Situationen wie in Somalia, Ruanda oder Bosnien zum Einsatz. Das war nicht mit vorherigen Beobachter-Einsätzen in Kriegen zwischen Staaten zu vergleichen.

Noch einmal zu Ruanda: Sie zitieren in Ihrem Buch das Telegramm des damals in Kigali stationierten UN-Befehlshabers Romeo Dallaire. Er forderte ein entschiedenes Vorgehen der UN-Soldaten, um die Waffenlager der Hutu-Milizen auszuheben, die seiner Information nach die systematische Ermordung der Tutsi-Minderheit planten. Sie hatten das damals abgelehnt. Drei Monate später wurden schätzungsweise 800 000 Tutsi von den Hutu-Milizen ermordet. Dallaire warf Ihnen später vor, ein früheres Eingreifen der UN hätte die Eskalation verhindert oder zumindest eingedämmt. Wie würden Sie sich heute in einer vergleichbaren Situation verhalten?

ANNAN: Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten, weil wir heute wiederum in einer anderen, komplexeren Welt als damals leben. Meine Entscheidung stand damals unter dem Eindruck der desaströsen Ereignisse im Zusammenhang mit dem UN-Einsatz in Somalia. Nach dem Tod von 18 US-Soldaten hatten die Vereinigten Staaten 1993 dort ihr UN-Truppen-Kontingent abgezogen. Das vom Bürgerkrieg zerrissene Somalia versank weiter im Chaos. Die Regierungen waren nach Somalia nicht mehr bereit, Risiken einzugehen. Dann spitzte sich die Lage in Ruanda zu. Als mich Dallaires Bitte erreichte, standen ihm nur sehr begrenzte UN-Truppen vor Ort zur Verfügung. Wir waren besorgt, dass, wenn sich in Ruanda Ähnliches wie in Somalia ereignen würde, die UN-Truppen abgezogen werden würden. Das hatte sich dort ja schon abgezeichnet: Nachdem im April 1994 zehn belgische UN-Soldaten getötet worden waren, hatte Belgien sein UN-Bataillon abgezogen. Und Dallaire war noch davon ausgegangen, dass die Ausschreitungen sich auf Kigali beschränken würden.

Eine fatale Fehleinschätzung.
Annan: Das wissen wir heute, aber wir wussten damals nicht, dass der Völkermord landesweit geplant war.

In Srebrenica waren Sie es, der 32 000 UN-Soldaten zusätzlich forderte, um die Menschen zu schützen. Die "UN-Schutzzonen" wurden nach Srebrenica zu einem Synonym für die Hilflosigkeit und das Scheitern der UN, weil der Völkermord vor den Augen der Blauhelme geschah. Sie schreiben nun: "Ich hätte von den Dächern schreien müssen, wir brauchen mehr Soldaten." Selbst wenn Sie es gemacht hätten, oder es jetzt in vergleichbaren Situationen täten - was brächte es?

Annan: Das stimmt. Ich bin mir nicht sicher, ob Regierungen zum gegenwärtigen Zeitpunkt mit robusten Mandaten ausgestattete UN-Truppen schicken würden, um solche Schutzzonen zu verteidigen. Wir schickten damals einen Bericht an den UN-Sicherheitsrat, in dem wir eine große Truppe forderten, die in der Lage wäre, die Schutzzonen zu verteidigen. Wir bekamen die Truppen nicht. Wenn wir heute eine ähnliche Situation hätten, wäre es nicht anders.

Eine bittere Bilanz.

Annan: Es ist für die Vereinten Nationen nicht leichter geworden, Konflikte beizulegen. In der Internationalen Gemeinschaft gibt es heute weder den erkennbaren politischen Willen noch die Mittel, das durchzusetzen. Erschwerend hinzu kommt, dass Regierungen heute weniger denn je bereit sind, Risiken einzugehen.

Vor einem Jahr haben Sie Ihren Ruhestand unterbrochen und sich als UN-Sondervermittler für Syrien einspannen lassen. Sie wussten schon damals, dass der UN-Sicherheitsrat über die Konfliktlösungsstrategien ebenso uneins war, wie Assad und die Opposition untereinander zerstritten waren. Als Sie nicht weiterkamen, schmissen Sie hin. Warum haben Sie sich überhaupt darauf eingelassen?

Annan: Es fällt mir schwer, stillzuhalten, wenn ich im Fernsehen jeden Tag mitverfolgen muss, wie Frauen, Kinder und Männer in Syrien ermordet werden. Als mich die UN um Hilfe baten, konnte ich nicht Nein sagen. Ich hatte in meinen Gesprächen mit dem Sicherheitsrat schon gesagt: Das ist eine Mission-impossible. Ich war darauf vorbereitet und entschlossen, es dennoch zu probieren. Wenn die UN bis zum Ende vereint geblieben wären, den Druck auf die Konfliktparteien aufrechterhalten hätten, hätte der Waffenstillstand Bestand gehabt. Wie auch immer: Er hielt nicht. Ich unternahm noch weitere Versuche, wir verabschiedeten ein Kommuniqué, das eine Übergangsregierung vorsah. Die Kämpfe begannen von neuem. Da wurde mir klar: Wir bewegen uns nirgendwohin.

Sie haben hingeschmissen. Als UN-Generalsekretär hätten Sie das nie tun können.

Annan: Nein, niemals. Aber leicht ist es mir nicht gefallen. Ich mache mir große Sorgen um Syrien. Wenn sich die Internationale Gemeinschaft nicht zusammenrauft und einen alternativen Weg aus dem Desaster aufzeigt, wenn sie die Dinge weiter aus dem Ruder laufen lässt, befürchte ich das Schlimmste.

Das klingt deprimiert. Sehen Sie Ihre Bemühungen mit Füßen getreten?

Annan: Einen kleinen Lichtblick sehe ich. Mein Eindruck ist, dass der UN-Sicherheitsrat langsam zu verstehen beginnt, dass sich die Gewalt auf die gesamte Region ausbreiten könnte. Das bringt sie hoffentlich dazu, entschiedener zu handeln.

Trotz gescheiterter Missionen, vieler Anfeindungen sind Sie im Vergleich zu Ihren Vorgängern und Ihrem Nachfolger der populärste UN-Generalsekretär. Wundert Sie das?

Annan: Ich mache mir darüber keine großen Gedanken, ich habe lediglich all die Jahre versucht, mein Bestes zu geben.

Es scheint noch eine andere Wahrnehmung von Ihnen zu geben: Sie sollen oft mit Morgan Freeman verwechselt werden.

Annan: Das stimmt. Es ist eine Erleichterung, mit Morgan Freeman verwechselt zu werden. So kann ich anonym bleiben und ein weitgehend normales Leben leben. Das ist mir erstmals in einem Tabakladen am Comer See passiert. Ich wollte eine Zeitung kaufen, eine Gruppe von Männern starrte mich an. Dann kam einer auf mich zu, mit einem Zettel und einem Stift: "Sie sind Morgan Freeman, nicht wahr? Kann ich bitte ein Autogramm haben."

Und, mit welchem Namen haben Sie unterschrieben?

Annan: Ich lachte und unterschrieb mit "Morgan Freeman".

Haben Sie je mit ihm darüber gesprochen?

Annan: Ja, wir haben uns darüber kaputtgelacht.

Das Gespräch führte Martin Scholz.

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