28.07.2016
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Interview zum Sozialwort: „Die Kirchen suchen die Mitte“

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Symbolbild: dpa

Köln -

Professor Emunds, nach dem Sozialwort der Kirchen von 1997 klagten manche Verantwortlichen, das Papier sei von der Politik totgelobt worden. Droht dem Text, der an diesem Freitag veröffentlicht wird, dasselbe Schicksal?

BERNHARD EMUNDS: Ich finde, das Papier von 1997 hat mehr bewirkt als bloße Lobhudelei. Es hat die Kräfte gestärkt, die schon damals für eine Sockelung sozialer Leistungen eingetreten sind. Dass wir in Deutschland heute einen regelmäßigen Armuts- und Reichtumsbericht haben, geht ebenfalls auf diesen Text zurück. Richtig ist, dass die Resonanz überwiegend positiv ausfiel. Aber es gab wenigstens Resonanz!

Die erwarten Sie auf das neue Papier nicht?

EMUNDS: Das gepflegte Sowohl als auch, das sich als Tenor abzeichnet, wird jedenfalls keine Diskussionen anregen, sondern sie einschläfern.

Was soll das Ganze denn dann?

EMUNDS: Ich glaube, es gab den Druck, sich nach fast zwei Jahrzehnten wieder einmal zu Wort melden und auch auf die wirtschaftspolitischen Entwicklungen der letzten Jahre zu reagieren. Die Kirchenleitungen wollen offenbar im Dialog mit den Eliten einen Punkt setzen, ohne damit groß anzuecken. Besonders enttäuschend finde ich es, dass dieser Text wieder – wie so viele kirchliche Verlautbarungen – hinter verschlossenen Türen entstanden ist. Das war beim Papier von 1997 ganz anders, dem eine breite Konsultation vorausgegangen war. Und die kirchliche Basis hat damals das Profil des Sozialworts geschärft – mit der Betonung ökologischer Fragen, mit dem Ruf nach Geschlechtergerechtigkeit oder mit klaren Perspektiven für die Zukunft des Sozialstaats.

Eine vertane Chance?

EMUNDS: Unbedingt, und zwar auch innerkirchlich. Eine breite Befragung der Basis hätte uns endlich ein Stück weit befreien können aus dem Kreisen um Strukturdebatten, aus der Lähmung durch Missbrauchs-, Bau- und Vermögensskandale. Aber die Gelegenheit zu klarer Profilierung in gesellschaftspolitischen Fragen wurde fahrlässig verspielt, vermutlich weil die Kirchenleitung inhaltliche Zuspitzungen sozialer und ökonomischer Themen fürchtete.

Es hieß bereits, das Sozialwort sei der kirchliche Segen für den jüngsten Koalitionsvertrag.

EMUNDS: Nach meinem Eindruck ist es so: Die Kirchen suchen die Mitte, und wenn zwei Drittel der Bürger Union oder SPD wählen, dann ist es kein Wunder, wenn diese Suche bei der großen Koalition landet.

Ist es so falsch, die Mitte zu suchen?

EMUNDS: Es steht jedenfalls in deutlichem Kontrast zu dem, was Papst Franziskus will. Zwar liegen manche wirtschaftspolitischen Ziele der deutschen Kirchenleitungen – Regulierung der Märkte, sozialstaatliche Ergänzungen – auf der päpstlichen Linie. Aber sowohl die Sprache als auch, und das halte ich für entscheidend, die Ortsangabe ist bei Franziskus eine komplett andere: Er will, dass Christen an die Ränder gehen. Sie sollen die zentralen politischen Herausforderungen von den Benachteiligten und Schwachen her identifizieren. Die deutschen Kirchenleitungen dagegen bringen den Konsens der Wohlmeinenden auf den Begriff und treten als religiöse Garanten der Sozialen Marktwirtschaft auf.

Nun holt man mit Forderungen, den Turbo-Kapitalismus zu bremsen und die Märkte sozialstaatlich einzuhegen, doch auch niemanden mehr hinterm Ofen vor. Selbst Wirtschaftsliberale würden sich  solchen Ansinnen nach der Finanzmarktkrise nicht mehr kategorisch verschließen.

EMUNDS: Das stimmt. Beim Papst wird die Sache aber nicht zuletzt durch die rhetorischen Zuspitzungen interessant, die seinen Worten eine zusätzliche prophetische Kraft geben. Dagegen vermitteln die deutschen Kirchenleitungen den Eindruck, dass sie sich das nicht trauen. Mal sagen sie, so war zu lesen, die Marktwirtschaft sei schon an sich sozial. Mal heißt es, sie bedürfe der Ergänzung durch den Sozialstaat. Klare Positionen klingen anders. 1997 hatten die Kirchen noch gesagt: Die Marktwirtschaft muss bewusst sozial gesteuert werden. So weit würden die Kirchenleitungen heute nicht mehr gehen.

Sie unterscheiden zwischen der Verantwortlichkeit der  „Kirchen“ im Papier von 1997 und den „Kirchenleitungen“ als Urhebern des neuen Dokuments?

EMUNDS: Die Freiheit nehme ich mir, denn ich glaube tatsächlich, hinter dem aktuellen Papier steckt in erster Linie der Versuch einiger führender Kirchenvertreter, mit den wirtschaftlichen und politischen Eliten des Landes ins Gespräch zu kommen. Und das ist eben etwas ganz anderes, als das kritische Potenzial in den eigenen kirchlichen Reihen zu heben und zur Sprache zu bringen.

Stichwort „Sprache“: Wenn der Papst sagt, „diese Wirtschaft tötet“, ist das ein Wort, das sich einprägt. Schließt das Papier der Kirchen in Deutschland irgendwie erkennbar daran an?

EMUNDS: Man wird es ja nun erst einmal in Gänze lesen müssen. Aber ich denke, wo immer der Blick sich auf die Armen richtet – beim europäischen Einigungsprozess könnte das zum Beispiel eine Rolle spielen -, folgt das Papier Papst Franziskus und der neuen römischen Optik. Aber im katholischen Koordinatensystem würde ich den Text insgesamt näher an Papst Benedikt einordnen. Bei dessen Sozialenzyklika „Caritas in Veritate“ musste man sich schon fragen, wofür schreibt er denn das alles eigentlich? Und ökumenisch gesehen, versucht der Text eine Vermittlung zwischen dem Ruf nach einem armutsfesten Sozialstaat im Papier von 1997 und zwischenzeitlich entstandenen, eher wirtschaftsliberal oder neo-sozialdemokratisch, Gerhard-Schröder-like grundierten Dokumenten der Kirchenleitungen. Und da ist man dann am Ende halt doch wieder bei der großen Koalition.

Das Gespräch führte Joachim Frank 

Zur Person

Bernhard Emunds, geb. 1962, ist katholischer Theologe und Volkswirt. In Frankfurt lehrt er als  Professor für Christliche Gesellschaftsethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen des Jesuiten-Ordens und leitet dort das Nell-Breuning-Institut. Emunds gehörte zum Redaktionsteam für das Wirtschafts- und Sozialwort der Kirchen von 1997. Er gab dazu mit seinem Vorgänger, Pater Friedhelm Hengsbach SJ, auch einen Sammelband unter dem Titel „Reformen fallen nicht vom Himmel“ heraus.


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