28.07.2016
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Kampagne für gesündere Mahlzeiten: Ernährungsminister Schmidt will Schul- und Kita-Essen deutlich verbessern

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt und Ulrike Arens-Azevedo.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt und Ulrike Arens-Azevedo.

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dpa

Für fast alles gebe es an Schulen Regeln – von der Gestaltung des Pausenhofs bis hin zu den Inhalten des Matheunterrichts, sagte Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU). Doch ausgerechnet beim Schul- und Kita-Essen fehle es an verbindlichen Vorgaben, kritisierte er. Die Folge sei in vielen Fällen mangelhafte Qualität. Der Minister kündigte in Berlin an, er wolle diesem Problem mit „einer Art Tüv für Schul- und Kitaessen“ entgegenwirken. „Gutes Essen in Kita und Schule darf keine Glückssache sein, sondern muss zur Selbstverständlichkeit werden“, sagte er.

Zu viel Fleisch, zu wenig Salat und Rohkost – so beschrieb die Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Arens-Azevedo von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften die häufigsten Defizite. Und das ist nicht zuletzt auch deshalb problematisch, weil durch den Ausbau der Ganztagsbetreuung immer mehr Kinder und Jugendliche in ihrer Bildungseinrichtung essen. So stieg die Zahl der Kinder, die in ihrer Kita verpflegt werden, nach Angaben des Statistischen Bundesamtes zwischen den Jahren 2008 und 2015 von 1,4 auf 2 Millionen. Auch in den Schulen gab es ein erhebliches Plus.

Schmidt erinnert an langfristige Folgen

Dort würde also eine wichtige Grundlage dafür gelegt, wie sich die Kinder und Jugendlichen jetzt und auch später ernährten, sagte der Minister. Und das habe Folgen für den Einzelnen, aber auch für die gesamte Gesellschaft. Allein die Folgen von Fettleibigkeit kosteten das deutsche Gesundheitssystem in jedem Jahr 17 Milliarden Euro, so Schmidt.

Wie tiefgehend die Probleme in den Bildungseinrichtungen sind, zeigt eine aktuelle Studie, die Arens-Azevedo mit Mitteln des Bundesernährungsministeriums durchgeführt hat und für die etwa 7000 zufällig ausgewählte Kitas befragt wurden. Das Ergebnis: Noch nicht einmal die Hälfte der Kitas kennt die Standards, welche die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) zur Verpflegung in solchen Einrichtungen formuliert hat. In ihnen geht es etwa darum, dass täglich Gemüse auf den Tisch kommen soll, aber nicht häufiger als acht Mal in 20 Tagen Fleisch oder Wurst.

Kaum ausgestattete Küchen, kaum Fachpersonal

Hinzu kommt: Die wenigsten Einrichtungen sind optimal ausgestattet: Nur rund 16 Prozent der Kitas verfügen demnach über voll ausgestattete Küchen. In der Mehrzahl der Kitas gibt es zudem keinerlei Fachpersonal mit Ausbildungen wie Hauswirtschafter oder Koch. „Das heißt, das Essen wird in den meisten Fällen vom Caterer warm gehalten geliefert“, sagte Arens-Azevedo. Über die Auswahl beim Speiseplan entschieden häufig Erzieher, die dafür nicht ausgebildet seien. Eine weitere Umfrage unter mehr als 1500 Schulleitungen im Jahr 2014 ergab zudem, dass hier zwar zumindest mehr als die Hälfte die DGE-Standards kannte – diese aber dennoch oft nicht eingehalten wurden.

Was möchte Bundesernährungsminister Schmidt jetzt also tun? Was steckt hinter der von ihm vollmundig angekündigten „größten Qualitätsoffensive für gesunde Ernährung in Kitas und Schulen, die es in Deutschland je gab“? Mit einigen Mitarbeitern will er im ersten Halbjahr dieses Jahres ein „Nationales Qualitätszentrum Schulverpflegung“ starten, welches ein Siegel für Essenslieferanten entwickeln soll. Dann will er bei den Bundesländern dafür werben, dass diese das Prüfverfahren samt Kriterien übernehmen und verbindlich machen. „Das kann nicht Jahre dauern, das ist dringend nötig“, sagte Schmidt.

Grüne kritisieren: „Eine Luftnummer“

Aber will er auch Geld für die Verpflegung zur Verfügung stellen? Der Minister verneint und sieht hier im Föderalismus die Länder am Zug. Stattdessen fordert er einen „gesellschaftlichen Pakt für gutes Essen an Schulen und Kitas“. Auch die Eltern sollten den Verantwortlichen Druck machen, dass es gutes Essen gebe – wofür Schmidt die Väter und Mütter mit einer Informationskampagne rüsten will. Einerseits kann nichts daran verkehrt sein, die Eltern in den politischen Prozess mit einzubeziehen. Andererseits hat sich gerade in Berlin gezeigt, dass es Eltern gibt, die nicht bereit sind, auch einen unter sozialen Gesichtspunkten ermäßigten Beitrag zu zahlen. Mit der Folge, dass ihre Kinder zuschauen müssen, während die anderen essen.

Die Grünen nennen Schmidts Kampagne „eine Luftnummer“. Mit der tatsächlichen Verbesserung des Kita- und Schulessens lasse der Minister die Kommunen, Schulträger und auch die Eltern allein, sagte die Sprecherin für Verbraucherpolitik, Nicole Maisch. Genervt zeigte sich Maisch zudem von einer Forderung, die Schmidt aktuell einmal mehr vorgebracht hat: der Einführung eines Schulfachs Ernährung. Das Thema müsse selbstverständlich in der Schule verankert werden – allerdings in unterschiedlichen Fächern und auch außerhalb des Fachunterrichts.