30.07.2016
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Kirche im 21. Jahrhundert: Mehr als Moral und Inszenierung

Papst Franziskus während der Feierlichkeiten an Karfreitag in Rom.

Papst Franziskus während der Feierlichkeiten an Karfreitag in Rom.

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dpa

Aufs Inszenieren versteht sich die Kirche, speziell die katholische. Dieses Zugeständnis fällt selbst ihren größten Kritikern leicht. Sie drücken damit nämlich zugleich ihre Überzeugung aus, dass Riten, Symbole, die ganze große Schau ein einziger Mumpitz sind.

An Bestwerten in der B-Note für die Ästhetik ihres Auftritts kann der Kirche darum nur bedingt gelegen sein. Als Antwort auf die Frage: „Was fehlt uns, wenn die Kirche fehlt?“, muss sie mehr bieten.

Bei gläubigen Menschen mag ihr das noch vergleichsweise leicht gelingen. Die großen Feste wie jetzt das Osterfest sind Gelegenheiten dafür. Die Christen erinnern sich des Todes Jesu und seiner Auferstehung. Sie gründen darauf ihre Hoffnung, dass das Dunkle und Abgründige, das Lebensfeindliche und Inhumane im doppelten Sinn des Wortes „aufgehoben“ werden. Im Leben Jesu glauben die Christen die Solidarität Gottes mit den Menschen bis in den Tod und darüber hinaus zu erkennen.

Auch wenn Anders- und Nichtgläubige solchen spirituellen Höhenflügen nicht folgen, sollten sie doch im Christentum einen Mehrwert erkennen können. Es wäre sonst nichts weiter als ein Brummkreisel, der rotiert, aber sich nicht rührt und erst recht nichts und niemanden in Bewegung setzt.

Unerhörte Töne

Nicht von ungefähr hat Papst Franziskus dasselbe Bild gebraucht, als er sich vor seiner Wahl gegen kirchliche Selbstbezogenheit wandte: Eine Kirche, „die um sich selbst kreist, wird krank“. Das sind unerhörte Töne, die in ihrer Prägnanz einen Perspektivenwechsel markieren: Statt wie Benedikt XVI. von den verderblichen Einflüssen der (säkularen) Welt auf die Kirche auszugehen, stellt Franziskus gleichsam eine psychiatrische Diagnose innerkirchlicher Pathologien. Seine ersten Auftritte legen den Gedanken nahe, dass der Papst auch eine überästhetisierte, luxusverliebte Liturgie als Form kirchlichen Narzissmus ablehnt.

Ohne die Kirchen, heißt es häufig, gingen moralische Orientierungen verloren: Nächstenliebe, die Zuwendung zu den Schwachen seien Intuitionen, die der säkularen Gesellschaft gut bekommen. So richtig das ist, so überheblich wäre es, allein den Christen entsprechend altruistische Gesinnungen zuzubilligen. Sie beanspruchen keine „Sondermoral“ für sich, sondern sind einem allen gemeinsamen Wertekanon verpflichtet.

Wohl aber handeln Christen aus einer anderen Motivation: Für sie ist – bildlich gesprochen – die Welt nach oben offen. Das nimmt der Welt nichts, fügt ihr aber eine eigene Dimension hinzu: die Ahnung, dass der Mensch in seiner Freiheit, seiner Selbstverwirklichung und dem Bemühen um das Gemeinwohl nicht die ultimative Instanz ist. Wir müssen nicht die letztlich unerträgliche und untragbare Last einer allumfassenden Verantwortung tragen. Ein solches Bewusstsein führt nicht notwendig zu frommem Schlendrian, sondern schenkt gelassene Souveränität.

Gott ist nur schwer zu packen

Christliche Deuter der Welt haben in der Natur oder auch in der Kunst die Gegenwart Gottes ausfindig zu machen versucht. Vielen Skeptikern geht das angesichts des Elends in der Welt zu schnell.

Vor dem allzu leichtfüßigen Tänzeln in den „Spuren des Göttlichen“ warnt die negative Theologie: Die Menschen begreifen Gott umso weniger, je mehr sie ihn erfasst zu haben glauben.

Dieses Konzept enttäuscht jene, die gern alles gepackt bekommen wollen. Aber es gibt einem Lebensgefühl Raum, das mit dem Unberechenbaren rechnet. Es in einer Welt des Kalküls wachzuhalten und zu kultivieren ist eine Aufgabe der Kirchen, die ihnen keine andere Institution abnimmt und mit der weit mehr gewonnen wäre als mit jeder Moralpredigt und jeder geistlichen Inszenierung.