27.08.2016
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Kommentar: Das Recht auf Provokation

Mit Stirnband und Hasskappe: Hisbollah-Anhänger demonstrieren in Beirut gegen das Mohammed-Video.

Mit Stirnband und Hasskappe: Hisbollah-Anhänger demonstrieren in Beirut gegen das Mohammed-Video.

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dpa

Es ist Zeit, die Muslime in der Welt in Schutz zu nehmen. Seit Tagen erleben wir gewalttätige Ausschreitungen in islamischen Ländern, die Menschenleben kosten. Doch dies sind geplante Akte der Zerstörung – geplant von Fanatikern mit politischer Agenda. Was wir eben nicht erleben, ist ein Aufruhr der Muslime. Nicht einmal 0,001 Prozent von ihnen sind an den Ausschreitungen beteiligt, die „Demonstration“ zu nennen obszön wäre. Wir haben es nicht mit Menschen zu tun, die ihrer Wut spontan Luft machen, weil der Prophet Mohammed im Internet beleidigt worden sein könnte.

Ohne diese Feststellung sitzen wir zerstörerischen Missverständnissen auf. Ein Missverständnis ist es anzunehmen, Muslime seien nicht in der Lage, rational zu denken – weswegen jedes Video, in dem ein Mohammed auftaucht, automatisch zu einem empörten Mob führen muss. Den meisten Muslimen gehen solche Videos ebenso an der Tagesordnung vorbei wie den meisten Katholiken die Karikatur des Papstes mit besudeltem Gewand auf einer Satirezeitschrift.

Terror und Hass als "Markenkern"

Um extreme Empörung zu schüren, braucht es Menschen, die zu extremer Empörung bereit sind oder von ihr leben. In der islamischen Welt gibt es Gruppen, die jeden Anlass nutzen oder schaffen, um Eigenwerbung durch Terror und Hass zu betreiben – weil dies ihr „Markenkern“ ist, wie es in der Werbesprache heißt. Solche Leute kann man nicht beschwichtigen, man kann sie nur bekämpfen.

Deshalb ist es ein Missverständnis, wenn deutsche Politiker glauben, sie könnten durch Zensur die freie Welt vor Angriffen von Verbrechern bewahren. So fiele unser Markenkern der Gewalt zum Opfer. Freiheit ist unmöglich ohne das Recht auf Provokation. Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit leben davon, dass man sie auch dann verteidigt, wenn der Gegenstand, um den es geht, diese Verteidigung nicht wert ist. Das heißt nicht, dass man Kunst oder Meinungen nicht kritisieren dürfte. Im Gegenteil. Brisant wird es aber, wenn Prinzipien der freien Gesellschaft aus Opportunität oder Angst infrage gestellt werden. Zumal es nichts nützt – Fahnen und Botschaften brennen ja trotzdem.

Welchen Preis zahlen wir morgen?

Es ist eine Stärke der von den Fanatikern so gehassten Gesellschaften, dass deren Reaktionen gemäßigt ausfallen. Der tödliche Angriff auf den Botschafter eines Landes hätte jahrhundertelang zum Krieg geführt. Heute wird von Washington bis Berlin differenziert zwischen Terroristen und dem restlichen Land. Und es wird diskutiert, ob wir genug Rücksicht auf die Gefühle anderer nehmen. Das ist gut.

Doch es gibt keinen Grund, Rücksicht zu nehmen auf Verblendete, die vom Hass leben. Es schadet unserer Glaubwürdigkeit, wenn wir über die Grenze der Selbstverleugnung hinaus überlegen, wie man Angriffen auf Botschaften vorbeugen könnte. Heute ist es das Verbot eines dummen Videos – welchen Preis zahlen wir morgen? Würden wir auch Ausländer ausweisen, damit Nazi-Terroristen keinen Vorwand für Anschläge mehr haben?

Wenn Menschen in einer offenen Gesellschaft friedlich zusammenleben wollen, müssen sie zu Differenzierung und Gelassenheit bereit sein. Wir wissen, dass Muslime nicht dumm und gewalttätig sind, nur weil dies auf eine Bande Fanatiker zutrifft. Und wir wissen, dass man Aufruhr und Mord mit der Zumutung eines miesen Videos nicht entschuldigen kann.