24.07.2016
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Kommentar: Sind menschliche Zellen patentierbar?

Embryonale Stammzellen

Der Umgang mit embryonalen Stammzellen ist umstritten.

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dpa

Wenn der Bundesgerichtshof am Dienstag die Therapieansätze mit embryonalen Stammzellen für nicht patentierbar hält, ändert sich in der Praxis nur auf den ersten Blick wenig. Denn die fehlende Möglichkeit, die eigenen geistigen Leistungen in der Forschung vor anderen durch Patente schützen zu lassen, hält viele junge Wissenschaftler davon ab, im Bereich den Stammzellforschung überhaupt aktiv zu werden.

Der Bonner Neuropathologe Oliver Brüstle streitet mit der Umweltschutzorganisation Greenpeace um die Patentierbarkeit seiner wissenschaftlichen Leistung, die er im Jahr 1999 erstmals beim Deutschen Patent- und Markenamt angemeldet hatte. Die von Brüstle gewonnenen Zellen sollten die Regeneration von Hirnzellen ermöglichen und Patienten mit neuronalen Defekten implantiert werden. Seit der Patentierung haben sich freilich in der Stammzellforschung radikale Umbrüche vollzogen. Der Streit dreht sich also um die allgemeine Frage der Patentierung von Forschungsergebnissen in einem äußerst sensiblen Feld.

Nachdem bereits der Europäische Gerichtshof und auch andere deutsche Gerichte dem Kläger Greenpeace recht gegeben hatten, zeichnet es sich ab, dass sich Europa hinsichtlich der Vermarktung solcher Therapieansätze und auch bei möglichen Investoren selbst vom Rest der Welt abhängt. Natürlich wird die Grundlagenforschung weiter fortgesetzt, wie in Köln bei Professor Jürgen Hescheler, einem Spezialisten für Herzzellen, oder in Münster am Max-Planck-Institut von Professor Hans Schöler. Und auch Brüstle wird den Beruf kaum wechseln. Doch der Anreiz, auf diesem Wissenschaftsgebiet tätig zu werden, wird immer geringer.

Weit gefasster Embryo-Begriff

Die Richter des EuGh haben einen extrem weit gefassten Begriff des menschlichen Embryos genutzt, um die Patentierung von Zellen, die eben keine Embryonen, sondern Nachfolger von embryonalen Zellen sind, zu unterbinden. Zellen, die keine Embryonen sind, sollten demnach den gleichen Schutz wie Embryonen selbst genießen.

Das Urteil wurde damals von vielen kritisiert. Nun liegt es am BGH, es zu bestätigen oder zu verwerfen. Zuletzt hatten Richter des BGH mit einem überraschenden Urteil zur Präimplantationsdiagnostik (PIP) aufgewartet, die sie in gewissen Fällen als straffrei ansahen. Hierbei bezogen sie sich auf einen wesentlich enger gefassten Begriff des menschlichen Embryos.

Vor 14 Jahren gelang es einem amerikanischen Forscher, die ersten Zelllinien aus menschlichen Embryonen zu züchten. Die Arbeit von James Thomson von der Universität Wisconsin wurde damals nicht sonderlich beachtet. Kaum einer war sich darüber bewusst, welche Sprengkraft seine Forschung rein wissenschaftlich haben sollte. Damals ging es nicht um moralische oder rechtliche Fragen, ob sein wissenschaftliches Handeln ethisch sauber sei oder nicht. Erst einige Zeit später erkannten andere Forscher, welches Potenzial in Thomsons genialer Isolierung der Stammzellen steckte. Mit Hilfe dieser Zellen, so die Hoffnung, könnten alte Menschheitsleiden kuriert werden. Parkinson, Alzheimer, ja sogar Krebs könnte, wenn nicht gleich geheilt, so doch besser verstanden werden.

Güte der Zellen ist wichtig

Stammzelllinien werden aus Embryonen im 16- bis 32-Zellstadium gewonnen. Sie sind nicht größer als der Punkt am Ende dieses Satzes. Umso komplizierter ist die Gewinnung der Zelllinien und ihre Kultivierung. In Deutschland arbeiten die Forscher allein mit Zelllinien, die aus dem Ausland gekauft und nach strengen Kriterien importiert werden dürfen. Die Qualität der Zelllinien ist durchaus unterschiedlich.

Wie gut sie geeignet sind, der Forschung Dienste zu leisten, hängt von der wissenschaftlichen Güte, also der Qualität der Forscher ab. Die Fähigkeiten und das Können des Forschers werden gewöhnlich in sogenannten Patenten festgehalten. Allein der Forscher oder das Unternehmen, das sich im Besitz des Patents weiß, bestimmt darüber, wer dieses Know-How nutzen darf.

Mit Stammzellen zu arbeiten ist eine äußerst komplizierte Angelegenheit. Es gibt unter Wissenschaftlern eine regelrechte Arbeitsteilung sowie Spezialisten, die für einzelne Schritte, etwa das Entkernen von Eizellen, verantwortlich sind. Stammzelllinien sind also nicht einfach ein „natürliches“ Ergebnis, sondern das Produkt eines technischen Verfahrens.

Darf der Mensch in die Natur eingreifen?

Die Spannung zwischen Natürlichkeit und Technik durchzieht die gesamte Stammzellforschung, ja sogar das Verständnis der Gentechnik an sich. Die Sorgen vor unkalkulierbaren Folgen dieser Technik und eines unstatthaften Eingriffs des Menschen in die Natur - hier in die Natur des Menschen selbst - beruhen alle auf einer Vorstellung von Natürlichkeit, die in der Alltagsmoral ein ausgesprochen positiv besetzter Begriff ist.

Das Unwohlsein vieler Menschen kreist um die Frage, wie weit der Mensch in die Abläufe der Natur eingreifen darf. Je nach Glaubensrichtung fällt die Antwort unterschiedlich aus. Gentechnik oder Stammzellforschung ist demnach entweder gut oder böse.