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Niedersachsen-SPD: Lehrer gegen Pläne zum Sitzenbleiben

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Am Sitzenbleiben scheiden sich die Geister. Foto: dpa
Die Pläne der rot-grünen Regierung in Niedersachsen, das Sitzenblieben in der Schule abzuschaffen, haben eine Diskussion unter Politikern und Bildungsexperten angestoßen. Der Verband der Realschullehrer kritisiert die „leistungsfeindliche Einstellung“.
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Berlin

Die Absicht mehrerer Bundesländer, das Sitzenbleiben in den Schulen mittelfristig abzuschaffen, stößt bei Lehrern auf Ablehnung. „Mit dieser leistungsfeindlichen Einstellung kann man im internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe nicht bestehen und wird langfristig im Mittelmaß enden“, kritisierte der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Realschullehrer (VDR), Jürgen Böhm, laut Mitteilung.

„Wenn die wenigen Kinder oder Jugendlichen, die in einem gewissen Zeitraum trotz aller angebotenen Fördermaßnahmen die gestellten Standards nicht erfüllt haben, dann müssen diese die Möglichkeit der Wiederholung wahrnehmen können“, betonte Böhm. Der VDR vertritt nach eigenen Angaben etwa 20.000 Lehrer an Schulen im Sekundarbereich.

Der Plan von Rot-Grün in Niedersachsen, mittelfristig das Sitzenbleiben abzuschaffen, hatte die Debatte über den Umgang mit leistungsschwachen Schülern neu angefacht. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Stephan Dorgerloh (SPD), begrüßte das Konzept und verlangte mehr individuelle Förderung für Schulkinder. Mehrere Landesregierungen bereiten ähnliche Reformen vor. Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) sagte dagegen: "Das ist bildungspolitischer und pädagogischer Populismus."

Die designierte niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) stellte klar, dass Rot-Grün das Sitzenbleiben nicht sofort und für alle Schulen abschaffen will. "Wir haben ein perspektivisches Ziel formuliert, das nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann", sagte sie.

Löhrmann spricht von „Verschwendung von Lebenszeit“

Ähnlich verfährt die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen. NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) bezeichnete die Wiederholung von Schuljahren als eine "Verschwendung der Lebenszeit". "Meistens haben die Schüler Schwächen in einzelnen Fächern und nicht generell", sagte die Grünen-Politikerin am Sonntag in Düsseldorf. Es gehe darum, in diesen Fächern möglichst früh einzugreifen und individuell zu fördern.

Nach ihren Angaben sind die Sitzenbleiberquoten in NRW in den letzten Jahren spürbar gesunken. "Der Auftrag "Fördern statt Wiederholen" ist angekommen. In den Gesamtschulen gibt es in der Regel kein Sitzenbleiben - und die Erfahrungen sind insgesamt positiv."

Heiligenstadt verwies gleichfalls auf die guten Erfahrungen, die man mit dem Verzicht aufs Durchfallen an integrierten Gesamtschulen gemacht habe: "Wir haben an den Schulen die niedrigste Schulabbrecherquote überhaupt", sagte sie. "Aber natürlich müssen die Schulen auch in die Lage versetzt werden, so arbeiten zu können."

Bundesweit wiederholen pro Jahr etwa zwei Prozent aller Schüler eine Klasse. In den vergangenen Jahren haben eine ganze Reihe von Ländern entschieden, das Durchfallen ganz oder zumindest teilweise für bestimmte Jahrgangsstufen oder Schulformen zu streichen.

In Hamburg zum Beispiel ist Sitzenbleiben zurzeit in den Klassen 1 bis 9 abgeschafft, bis 2017 soll das für alle Klassen gelten. Schulsenator Ties Rabe (SPD) sagte: "Wir haben eine Ersatzregelung eingeführt, die lautet: Wer in einem Kernfach eine Fünf in einem Zeugnis hat, muss in eine kostenlose schulische Nachhilfemaßnahme." Das rot-grün regierte Rheinland-Pfalz will in einem Modellversuch den Verzicht aufs Sitzenbleiben testen.

Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle kritisierte die Pläne Niedersachsens: "Man entkleidet sich ohne Not eines pädagogischen Instruments, das den Schülern die Möglichkeit bietet, Versäumtes nachzuarbeiten", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Josef Kraus, Chef des Deutschen Lehrerverbands, sagte dem Blatt: "Es gibt keine pädagogische Begründung für die Abschaffung, außer man ist ein naiver Utopist." Schulabschlüsse würden damit zu ungedeckten Schecks. (dpa)

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