24.08.2016
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NSU-Prozess: „Es kann keiner aus unserer Straße gewesen sein“

In München gehen zum Prozess Menschen auf die Straße und demonstrieren gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

In München gehen zum Prozess Menschen auf die Straße und demonstrieren gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

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dpa

München -

Der Nagelbomben-Anschlag in der Kölner Keupstraße im Juni 2004, den die Bundesanwaltschaft Beate Zschäpe, der Hauptangeklagten im Münchner NSU-Prozess, als Mittäterin anlastet, hatte für viele Gewerbetreibende erhebliche  wirtschaftliche Konsequenzen. Der bei dem Attentat leicht verletzte Musiker und Gastronom Ali Y. (45) sagte am Donnerstag als Zeuge  aus, jahrelang seinen Gäste ausgeblieben, weil sie sich nicht mehr dorthin getraut hätten. Die Umsätze in den beiden Lokalen, die er und seine Brüder in der Keupstraße seinerzeit betrieben, seien stark zurückgegangen. „Ich konnte nichts gegen die Vorurteile tun.“ Selbst Stammkunden hätten das Viertel nach der lange ungeklärten Tat gemieden.

„Es wurde gesagt, es waren die Türsteher“

Ali Y. hatte sich zur Tatzeit in dem Friseursalon aufgehalten, vor dessen Schaufenster die Bombe am 9. Juni 2004 explodiert war. Nach der Explosion sei er im Frisier-Umhang auf die Straße gerannt. In den Haaren hätten sich Glassplitter befunden, und er erinnert sich an große Blutflecken auf seiner weißen Hose. Er    konnte nach ambulanter  Versorgung im Krankenhaus nach Hause entlassen werden.  Bis heute  leide er unter Hörproblemen, „aber damit kann ich leben.“ Die Standardfrage von Richter Manfred Götzl,  ob er „Personen oder Gegenstände“ wahrgenommen habe, muss er  wie fast alle Betroffenen, die bereits vernommen worden sind, ebenso standardmäßig verneinen. Ein Vertreter der Nebenklage wollte wissen, ob  in  seiner Befragung durch  die Polizei seinerzeit das mögliche Tatmotiv eine Rolle gespeilt habe. „Es wurde gesagt“, antwortet der Zeuge, „es waren die Türsteher.“ Über Jahre hinweg hatten die Ermittlungsbehörden die Bombenleger im türkischen Drogen- und Rotlichtmilieu vermutet. Er habe den Vernehmungsbeamten erklärt, „das waren Leute, die unser friedliches Zusammenleben stören wollten. „Ich sagte, es kann keiner aus unserer Straße gewesen  sein.“

„Das geht bei uns Mann gegen Mann.“

Auch Ertan T. (52) , der von „total verwüsteten Vitrinen“ in seinem Laden und von „bestialischem Gestank, wie Schießpulver“ berichtet, kritisiert in seiner Aussage die Ermittlungen der Kölner Polizei nach dem Anschlag. „Von Anfang an wurde auf einen angeblichen  Machtkampf zwischen Türsteher-Szene und Mafia hingearbeitet.“ Er habe den Beamten erklärt, „dass wir bei Streitigkeiten untereinander nie eine Bombe hochgehen lassen würden - Das geht bei uns Mann gegen Mann.“

Bei vielen Opfern des Anschlags sind die psychischen Spätfolgen offenbar weit gravierender als die körperlichen Beeinträchtigungen. In ihrer zum Teil sehr  emotionalen Aussage beschrieb Sermine S. (39), die mit ihrer Familie in der Keupstraße wohnt, dass sie die schlimmen Szenen an jenem Junitag „noch wie gestern“ vor Augen habe. Sie  war damals hochschwanger, litt unter der Hitze und war deswegen in der Wohnung geblieben. Wäre die Bombe tags zuvor hochgegangen, als sie mit vielen Verwandten  ihren Geburtstag feierte,  hätte es viele Schwerverletzte gegeben.

Das Ladenlokal sei total zu Bruch gegangen, Risse im Mauerwerk seien noch heute zu sehen, und natürlich habe sie sich besorgt gefragt, „was man meinem Baby angetan hat“. Doch drei Wochen nach dem Anschlag brachte sie einen gesunden Jungen zur Welt, ihr zweites Kind.Bei Sermin S.stellten sich die seelischen Folgeprobleme erst im Laufe der Zeit ein, Atemnot und Panik-Attacken, gekoppelt mit Platz- und Höhenangst . Menschenansammlungen, geschlossene Räume machten ihr bis heute zu schaffen, Tunnel und Aufzüge könne sie nicht mehr allein benutzen. Ihr Gynäkologe und ein Psychotherapeut bestätigten die Angaben, konnten aber keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den geschilderten Angstzuständen und dem Anschlag herstellen.

Geschehnisse verdrängt, nicht verarbeitet

Während die Zeugin Sermin S. betonte, dass der Auftritt vor Gericht ihr Genugtuung nach den langen Jahren der Ungewissheit bedeute, schildert die Bürokauffrau Fatma T. später,  wie schwer es ihr falle, erneut mit den damaligen Ereignissen konfrontiert zu werden. Sie arbeitete damals in einer Fahrschule in der Keupstraße und blieb unverletzt. Erst als sie die Vorladung erhalten habe, sei ihr bewusst geworden, dass sie die Geschehnisse „nur verdrängt, aber nicht verarbeitet“ habe. Eigentlich habe sie sich nie als Opfer bezeichnen wollen - obwohl sie gemeinsam mit Angehörigen der vom NSU Ermordeten zu einer Begegnung  ins Kanzleramt   eingeladen war - „jetzt weiß ich, dass ich  ein Opfer bin. Plötzlich sind sie wieder da, die chaotischen Bilder von blutenden Nachbarn und aufgewirbelten Staub („wie Sahara-Sand“) und die unbestimmte Angst, es hätte eine zweite Bombe hochgehen können.