28.07.2016
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NSU-Prozess: Keupstraßen-Verhandlung in Gefahr

Keupstraße

Zerstörung nach der Bombenexplosion 2004: die Keupstraße.

Foto:

stefan worring

Köln -

Der junge Anwalt, der kürzlich auf der Keupstraße in Mülheim aufschlug, hatte Infozettel mit seiner Handynummer dabei. Spontan soll er Anwohner und Geschäftsleute in ein Café unweit des Friseurladens geladen haben, der beim Nagelbombenanschlag 2004 verwüstet wurde. Im Café soll der Advokat aus Süddeutschland „eine Art Informationsveranstaltung“ abgehalten haben, berichtet ein Zeuge.

Eine Art Werbeveranstaltung trifft es womöglich besser. Denn der Anwalt soll damit geprahlt haben, „wie toll er sei“, wie erfolgreich und überhaupt: dass er jedem Opfer des Attentats vor dem NSU-Prozess in München zu seinem Recht verhelfen werde.

Ob das stimmt, lässt sich schwer nachprüfen. Der Anwalt jedenfalls, dessen Name dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ bekannt ist, war am Freitag für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Er ist allerdings nicht der einzige Rechtsanwalt, der in der Keupstraße auf Mandantenfang gewesen sein soll. Mitat Özdemir, Chef der IG Keupstraße, berichtet von sieben Anwälten, die allein ihm ungefragt seine Dienste für die Opfer des Anschlags vor neun Jahren angeboten hätten.

Seit Monaten zögen Anwälte durch die von türkischen Geschäften geprägte Straße und „fischen nach Mandanten“, berichtet auch die Kölner Rechtsanwältin Sabine Singer, die zwei Opfer des Nagelbombenanschlags im Prozess gegen Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte vertritt. „Sie sind nicht aus dem Kölner Raum, sie kommen aus dem ganzen Bundesgebiet. Sie kennen die Keupstraße gar nicht, fahren da hin und versprechen den Bewohnern irgendwas.“ Manche hätten gleich türkische Dolmetscher mitgebracht.

Unmittelbar nach dem Anschlag im Juni 2004 hatten sich zunächst 22 Verletzte gemeldet. Andere gingen erst später zur Polizei. In München lautet die Anklage inzwischen auf 31-fachen Mordversuch. IG-Chef Özdemir hat Verständnis für die Nachzügler: „Viele zogen sich erst mal zurück, weil sie Angst hatten, selbst in den Fokus der Ermittlungen zu geraten.“ Aber dass jetzt, neun Jahre später, Anwälte versuchen, weitere potenzielle Opfer zu animieren, sich zu outen, um an ein Nebenklagemandat bei dem historischen Prozess zu gelangen, sei „geschmacklos“, sagt der Kölner Anwalt Mustafa Kaplan, der ein Opfer vertritt.

86 Nebenkläger im Prozess

„Man hört von Leuten, die jetzt plötzlich ankommen und behaupten, sie wurden damals verletzt“, klagt Abdulla Özkan, der beim Bombenanschlag von mehreren Splittern getroffen wurde. Nachweisen könnten sie das aber nicht. Schon jetzt sind in dem Prozess vor dem Oberlandesgericht in München 86 Nebenklagevertreter zugelassen. Mit jedem weiteren steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Gericht das Kölner Attentat vom Hauptverfahren abtrennen könnte, glauben Prozessbeobachter; denn der Platz im Gerichtssaal ist knapp. Und eine Abtrennung könnte einer Einstellung des Keupstraßen-Verfahrens gleichkommen. Ein Nebenklagevertreter hatte bei Prozessbeginn sogar gefordert, 75 weitere Anwohner im Umkreis von 250 Metern um den Tatort zu befragen, ob auch sie von der Explosion betroffen waren. Der Antrag ist aber vom Tisch.

Dass das Gericht den Komplex Keupstraße vorerst nicht abtrennen will, haben die Opfer mit Erleichterung aufgenommen. Anwalt Tobias Westkamp betont: „Der Terroranschlag in Köln war einer der schwersten in der Geschichte der Bundesrepublik, er ist zentral für das Verfahren.


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