27.09.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Papst Franziskus: Bescheiden und beinhart

Papst Franziskus

Kardinal Bergoglio ist der neue Papst Franziskus

Foto:

dpa

Zu schade, dass die Wahl Jorge Mario Bergoglios zum neuen Papst von der großen Geheimhaltung des Konklaves umgeben ist. Noch jedenfalls. Denn der Weg der Entscheidungsfindung und der Verlauf der fünf Wahlgänge wären zweifellos der treffliche Beleg für Wirksamkeit und Effizienz einer "Schwarmintelligenz". Fromm formuliert: für das Wehen des Heiligen Geistes über den Köpfen der 115 Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle.

Kein Italiener hat das Rennen gemacht. Kein Mann aus der Vatikanverwaltung folgt auf Joseph Ratzinger. Nein, die Kardinäle sind mit erstaunlicher Zielstrebigkeit und Schnelligkeit einer anderen Logik gefolgt: Die römisch-katholische Kirche mit dem größten Wachstumspotenzial in der "Neuen Welt" sollte, ja musste auch in ihrer Führungsspitze endlich als "Global Player" sichtbar werden. Reif dafür war die Zeit eigentlich schon 2005 nach dem Tod Johannes Pauls II.

Aber vor acht Jahren scheuten die Kardinäle das Experiment. Sie standen gleichsam noch im Bann eines gerade beendeten Mega-Pontifikats, wünschten sich Kontinuität, theologische und kirchenpolitische Berechenbarkeit und landeten - bei Joseph Ratzinger, dem "Gehirn" des Wojtyla-Pontifikats.

Als Papst hat Ratzinger diese Erwartungen erfüllt. Aber er hat dem Papstamt keinen so prägenden Stempel aufgedrückt, als dass damit die Nachfolge schon wieder vorgespurt gewesen wäre. Unter den vielen nichteuropäischen Kandidaten, deren Namen vor dem Konklave im Umlauf waren, war Bergoglio keineswegs der heißeste Tipp der Vatikan-Experten. Dabei hätten sie ihn als denjenigen auf dem Schirm haben können, der schon im Konklave 2005 auf Platz zwei gelegen und demzufolge eine ansehnliche Unterstützergruppe hinter sich gehabt haben soll - ein wichtiges Indiz angesichts der Übergestalt seines Konkurrenten Ratzinger.

Beinhart in moralischen Fragen

Dass sich Bergoglio jetzt gegen andere "papabili" aus Lateinamerika, Afrika und Asien durchsetzen konnte, hat wiederum etwas mit der Schwarmintelligenz zu tun - oder anders gesagt, mit der Schnittmenge von Eigenschaften und Einstellungen, durch die er sich bei einer großen Mehrheit der Kardinäle zur Wahl empfahl.

In theologischen und moralischen Fragen doktrinär bis beinhart - damit konnte er im konservativen Lager punkten. Mit seinem sozialen Gewissen, dem Kampf gegen ungerechte Besitzverhältnisse, Armut und Ausbeutung in seiner Heimatregion ist er für all jene Katholiken - keineswegs nur die Kardinäle - anschlussfähig, die im gesellschaftspolitischen Engagement einen wesentlichen Auftrag der Kirche in der Welt von heute sehen.

Die Wahl des Papstnamens Franziskus, die an den armen "poverello" aus Assisi anschließt, ist mehr als nur ein Indiz für das Selbstverständnis des neuen Papstes. Und als Jesuit, der seine Ausbildung unter anderem in Deutschland absolviert hat, bringt er für sein Amt die notwendige theologische Profundität mit, ohne dass er es mit seinem Vorgänger, dem " Professor Papst", aufnehmen müsste.

Querschnittsqualitäten hat der neue Mann sogar in der Familiengeschichte aufzuweisen. Mit seiner italienischen Abstammung fungiert er als Brückenkopf zwischen Alter und Neuer Welt. Dafür hat das kirchliche Vokabular sogar einen eigenen, weniger martialischen Begriff parat: den des "Brückenbauers", des Pontifex maximus. Am Beginn des neuen Pontifikats ist dieser traditionelle Titel ein Versprechen, dessen Einlösung Papst Franziskus in bisher einmaliger Weise aufgegeben ist.