24.07.2016
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Pränatal-Diagnostik zu Trisomie 21: Trisomie-Test mit tödlicher Nebenwirkung

Von außen sieht man nicht, ob sich das Kind normal entwickelt - manche Eltern erwägen daher umfangreiche Tests.

Von außen sieht man nicht, ob sich das Kind normal entwickelt - manche Eltern erwägen daher umfangreiche Tests.

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dpa

Berlin -

Jung, alt, schwarz, weiß, blond oder brünett - egal: Hauptsache gesund. Wer die Website des Schweizer Biotechnologie-Konzerns Genoma besucht, weiß, wie er sich unsere Gesellschaft vorstellt. Er wirbt mit diesem Bild für Produkte der „prädiktiven Medizin“. Sie beschäftigt sich damit, die Wahrscheinlich einer Krankheit zu definieren und Maßnahmen einzuleiten, die den Ausbruch der Krankheit verhindern oder ihr Ausmaß einschränken. Das klingt gut und lobenswert.

Genoma vertreibt nicht-invasive Tests zur Früherkennung angeborener Stoffwechselkrankheiten, Allergien und des sogenannten Down-Syndroms. Der Trisomie-Test heißt „Tranqility“, ist einfach anzuwenden und buchstäblich todsicher. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,5 Prozent wird die Anomalie mit Hilfe einer einfachen Blutprobe der Mutter erkannt. Risiken wie bei der herkömmlichen Fruchtwasseruntersuchung sind ausgeschlossen. Einzige Nebenwirkung: Er nimmt mit positivem Ergebnis in mehr als 90 Prozent der Fälle einen tödlichen Ausgang -für den Fötus.

Nun hat die Schweizer Firma in Spanien – wo sie eine Niederlassung hat – für Tranquility mit einer Plakataktion geworben. Die Transparente zeigen das Bild eines kleinen Mädchens mit Down-Syndrom. Der Text ist knapp gehalten: Tranquility – der vollständigste nicht-invasive DNA-Test.

Die Aktion hat Aufsehen erregt, zunächst weniger, weil man die Aussage anstößig fand, sondern weil das Bild des Mädchens ohne Zustimmung der Eltern von einer privaten Internetseite kopiert wurde. Die Kritiker sahen  das Persönlichkeitsrecht des Mädchens verletzt. Dass ein Konzern für ein Produkt wirbt, dass ihr Existenzrecht infrage stellt, empörte vor allem Eltern von Kindern mit Trisomie 21. In Spanien führen 95 Prozent der positiv verlaufenen Tests zu einem Schwangerschaftsabbruch.

Prüfung auf Kassenzulassung

Die spanische Tageszeitung La Razon machte die umstrittene Aktion schließlich landesweit publik. Die kanadische Mutter des Mädchens wurde verständigt und schaltete einen Anwalt ein. Genoma nahm das Bild von ihrer Webseite und kündigte eine Entschuldigung an.

In Deutschland sind Tests dieser Art bereits zugelassen. Die deutsche Firma LifeCodexx vertreibt ihren „Praenatest“ seit drei Jahren. Der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen in Deutschland (G-BA) entscheidet derzeit noch über die Kassenzulassung. In Einzelfällen haben bereits 20 Krankenkassen die Kosten von mindestens 600 Euro pro Test übernommen. Tranquility kostet mindestens 750 Euro. Ein Bombengeschäft für Genoma und LifeCodexx sind die Tests also schon bevor sie zur Regelleistung geworden sind.

Der Neuen Zürcher Zeitung sagte Genoma, die spanische Plakataktion sei ein Fehler gewesen: „Das Bild des wunderschön lächelnden Kindes sollte die Botschaft von Leben und Vitalität übermitteln und Leute zum Nachdenken anregen. Es war ein Fehler.“