24.08.2016
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Nach Silvesterübergriffen - Richard David Precht im Interview: „Der Stimmungsumschwung zeichnete sich schon länger ab“

Richard David Precht

Der Kölner Philosoph Richard David Precht

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dpa

Herr Precht, Sie haben unlängst gesagt, im Jahr 2015 habe sich in Deutschland mit der Ankunft der Flüchtlinge ein Fenster geöffnet, durch das „ein Stückchen blanker Realität zu uns hereinschien: bunte Gesellen vom Sturmwind verweht, Glückssucher mit Plastiktüten, Kopftüchern und Kunstlederjacken. Echtes Leben! Echte Sorgen! Echte Nöte! Echte Träume! Echte Hoffnungen!“ Bleiben Ihnen solche Worte nach der Silvesternacht von Köln im Hals stecken?

Wir haben 2015 eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Von denen sind an Silvester einige wenige kriminell auffällig geworden. Wenn wir jetzt anfingen, Flüchtlinge generell mit Kriminellen gleichzusetzen, begingen wir einen fatalen Fehler. Ich habe übrigens auch geschrieben: Wir müssen mit mehr Kriminalität auf unseren Straßen, mit mehr Machismo in den Köpfen rechnen.

Na toll. Und mit dieser lapidaren Feststellung wollen Sie zur Tagesordnung übergehen?

Überhaupt nicht. Wir werden im Gegenteil gewaltige Anstrengungen unternehmen müssen, um der so beschriebenen Probleme Herr zu werden. Milliarden für Bildung, Integration. Aber auch für mehr Polizeipräsenz und wirksamere Maßnahmen der inneren Sicherheit. Die Flüchtlinge werden uns sehr viel Geld kosten. Ich sage auch nicht, wir müssen alle dauerhaft aufnehmen, die zu uns kommen. Konkret: Die meisten Tatverdächtigen vom Kölner Hauptbahnhof stammen offenbar aus Marokko. Das würde ich als sicheres Herkunftsland einstufen und nach Verhandlungen mit der Regierung in Rabat zusehen, dass man die Täter der Silvesternacht sehr schnell zurück in ihre Heimat verfrachtet.

Hat Köln die Debattenlage in Deutschland verändert?

Ja, aber der Stimmungsumschwung zeichnete sich schon länger ab. Ich glaube, diese Bewegung folgt den Gesetzen der medialen Aufregungs- und Entrüstungsindustrie, insbesondere des Fernsehens. Ganz am Anfang war ja selbst die „Bild“-Zeitung den Asylsuchenden sehr positiv gesonnen. Das hat mich zwar gefreut, ich fand es allerdings fast schon ein bisschen spooky, gespenstisch, wie harmonisch das Loblied der Willkommenskultur klang. Aber zu viel Harmonie – das halten die Medienmacher, die auf Dissonanzen gepolt sind, nicht allzu lange aus. Also war klar, irgendwann wird das kippen.

Ehrlich gesagt, Herr Precht, kann ich die Platte „am Ende sind die Medien schuld“ nicht mehr hören. Sie betreiben damit das üble Spiel all derer, die wahlweise „Lügenpresse“ skandieren oder über die „Scharfmacherei“ der Medien wettern.

Umso wichtiger ist, dass die Medien nicht in den Chor der Undifferenzierten einstimmen. Und ich bleibe bei meiner Kritik, dass sie das in Teilen tun. Dass Köln binnen weniger Tage zu einer von Asylanten gepeinigten Stadt und zum Synonym sexueller Gewalt gegen Frauen werden konnte, hat in erheblichem Maße mit der medialen Resonanz zu tun und führt dazu, dass Leute, die sich bisher sicher fühlten, es auf einmal mit der Angst zu tun bekommen. Aber auch das ist nur eine Momentaufnahme. Zwischen Zagen und Zuversicht wird letztere irgendwann wieder an Kraft zulegen.

Ist das Bekenntnis zu Aufklärung, Menschenwürde, Freiheitsrechten ähnlich wetterwendisch?

Ich befürchte das. Die hehren Werte der Aufklärung, auf die wir – zu Recht – so stolz sind, auch unsere Liberalität und Toleranz haben keine allzu feste Verankerung im Unterboden unserer Gesellschaft und sind hinüber, wenn irgendetwas Bedrohliches vor unserer Haustür passiert. Da gehen dann sehr schnell die Maßstäbe verloren.

Was meinen Sie?

In Köln sind 200 Frauen sexuell belästigt worden. Sehr schlimm, gewiss. Aber unversehens erscheint uns das als eine weit größere humanitäre Katastrophe als das, was in den Herkunftsländern der Flüchtlinge passiert. So eine Wahrnehmungsverschiebung dürfen wir nicht zulassen .

Was wäre dann wohl erst in Deutschland los, wenn es zu Terror-Attacken wie 2004 in Madrid, 2005 in London oder voriges Jahr in Paris käme?

Ganz ohne Alarmismus gesagt: Ich bin mir sicher, dass es zu ungeahnten Hassausbrüchen gegen Asylbewerber und Migranten käme. Das liegt daran, dass die Anzahl derer, die ein grundsätzliches Problem mit „den Ausländern“ haben, relativ hoch ist. Sie haben in einer von „Willkommen“ und „Wir schaffen das“ getragenen Stimmung geschwiegen. Aber schon jetzt machen sie sich lautstark und teilweise handgreiflich Luft.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt: Was in der Praxis für Flüchtlinge und gegen Gewalt getan werden kann

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