29.09.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Statt Sterbehilfe: Meisner für effektive Schmerztherapie

Erzbischof Joachim Kardinal Meisner attackiert den Gesetzentwurf zur Sterbehilfe.

Erzbischof Joachim Kardinal Meisner attackiert den Gesetzentwurf zur Sterbehilfe.

Foto:

Grönert

Köln -

Es ist in unserer Gesellschaft eine todernste Debatte über „aktive Sterbehilfe“ entstanden. Sie wurde aktuell aus dem Haus von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) durch einen Gesetzentwurf dazu veranlasst. Seit Jahren musste man mit einer solchen Entwicklung rechnen, die eigentlich begann, als die Tötung ungeborener Kinder als ungesetzlich, aber straffrei definiert und danach praktiziert wurde.

In den letzten Jahrzehnten der Auseinandersetzung um die Unantastbarkeit und die Würde des menschlichen Lebens vollzog sich gleich einer Wanderdüne ein Eingriff nach dem anderen, bis wir nun an einem Punkt angelangt sind, in dem man mit vollem Ernst meint, an einen lebenden, wenn auch kranken Menschen Hand anlegen zu können.

Die Entwicklung in europäischen Nachbarländern ging uns darin voraus, und es war abzusehen, dass wir in Deutschland eines Tages an dieser letzten Station landen werden. Innerhalb Europas galt in Deutschland immer noch die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens bis zu seinem Tod.

Natürlich ist es menschlich, dass viele Menschen das Thema Tod und Sterben mit Angst und Schrecken verbinden. Dass wir sterblich sind, will unserer Lebensfreude nicht gefallen. Wenn dann noch die Vorstellung hinzukommt, dass das Sterben mit Leid und Schmerzen verbunden sein kann, ist für viele der Ruf nach aktiver Sterbehilfe naheliegend. Die damit erhoffte Abkürzung des Sterbens und die Besänftigung unserer Ängste haben aber notwendig gravierende Auswirkungen auf unser Menschsein.

Für das Ende des menschlichen Lebens gilt das Gleiche wie für seinen Beginn: Wir haben keine Verfügung darüber und dürfen sie uns auch nicht anmaßen – es sei denn um den Preis unserer menschlichen Würde. Glücklicherweise haben auch viele unserer Politiker noch ein waches Bewusstsein für diese Tatsache. Aktive Sterbehilfe darf es daher grundsätzlich nicht geben. Sie bedeutet nämlich, bewusst und willentlich den Tod eines anderen Menschen herbeizuführen. Unsere Pflicht ist es dagegen, jedem Menschen ein Sterben in Würde zu ermöglichen.

Dazu gehört zweifellos auch eine effektive Schmerztherapie, auch wenn dies unter Umständen das Leben des Patienten verkürzt. Es ist ein Gebot der Würde, dem Sterbenden die Schmerzen zu nehmen, wenn das Leben zu Ende geht. Deshalb ist es notwendig, sich bewusst mit der Wirklichkeit von Tod und Sterben auseinanderzusetzen. Angst ist ein schlechter Ratgeber, zumal wenn es um solch grundlegende Fragen geht.

Das Christentum kannte im Mittelalter den Begriff einer „ars moriendi“, der „Kunst des guten Sterbens“, die immer auch eine Lebenskunst meinte: weil sie den Tod nicht verschwieg und verdrängte. Heute gehören zu einer solchen Lebenskunst auch fundierte Informationen über die Möglichkeiten der Medizin, Schmerzen auszuschalten und etwa trotz einer unheilbaren Erkrankung ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu führen.

Informationen über Palliativmedizin und die Arbeit von Hospizen sind ein weiteres wichtiges Feld. Hier sind vor allem die Mediziner in der Pflicht, sich und ihre Patienten sachgerecht auf den Stand der Dinge zu bringen. Sachliche Informationen und vor allem gute Gespräche sind also erste Schritte, wenn der Tod seinen Schrecken verlieren soll.

Hinzutreten muss eine Sterbebegleitung, die ihren Namen ernst nimmt: liebevolle Zuwendung, wenn der Lebensweg zu Ende geht; die persönliche Gelegenheit, bewusst Abschied zu nehmen; eine haltende Hand, wenn die Todesnähe ängstigt. Das erfordert Zeit, persönlichen Einsatz und Geduld – Dinge, die uns teuer erscheinen und tatsächlich wertvoll sind. Der Mensch soll an der Hand des Menschen sterben, nicht aber durch seine Hand.