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"Searching for Sugar Man": Südafrika sucht den Superstar

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Porträt des Künstlers als junger Mann: Sixto Diaz Rodriguez.  
Eine Story aus dem Pop-Märchenbuch: Wie der amerikanische, in seiner Heimat praktisch unbekannte Sänger Sixto Diaz Rodriguez in Südafrika zum Superstar wurde. Eine neue Doku erzählt diese unglaubliche wahre Geschichte.  Von
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Wenn einmal ein Pop-Märchenbuch veröffentlicht wird, möchten wir diese Geschichte darin lesen. Ihre Protagonisten sind ein mexikanisch-stämmiger Sänger und Songwriter namens Sixto Diaz Rodriguez und einer seiner größten Fans, der Plattenladenbesitzer Stephen Segerman aus Kapstadt. Es war nur eine kleine Frage, die Segerman in den von ihm verfassten Liner-Notes zur Wiederveröffentlichung des zweiten Rodriguez-Albums "Coming From Reality" in den Raum stellte, die eine Lawine an Ereignissen lostrat. Gibt es denn da draußen keinen Detektiv, der herausfinden möchte, wie Rodriguez starb?

Die Geschichte, die der Journalist Craig Bartholomew-Strydrom daraufhin recherchierte, könnte frei erfunden sein, so mysteriös, so schön ist sie. Dokumentiert in einem wundervoll verschneiten Bilderbogen, der jetzt unter dem Titel "Searching For Sugar Man" in die Kinos gekommen ist. Im Film sieht man den 70-jährigen Rodriguez über die winterweißen Straßen seiner Heimatstadt Detroit schlurfen, unsicher, ein wenig gebeugt. Ein Mann, der ein paar Jahre zuvor erfahren hatte, dass seine Musik ein Eigenleben entwickelt hatte, das ihm über Jahrzehnte vollkommen fremd geblieben war.

Als der Journalist aus Südafrika auf der Suche nach dem geheimnisvollen Toten einen quicklebendigen Rodriguez in Detroit aufgespürt hatte, musste der sich einen Teil seiner Geschichte erst einmal erzählen lassen: Die Songs des in den USA erfolglosen Musikers überlebten 13.000 Kilometer entfernt am anderen Ende der Welt, in Südafrika kennt sie jedes Kind. Rodriguez ist dort so bekannt wie Elvis oder Madonna. Seine Alben kursierten erst als Bootleg, wurden von südafrikanischen Plattenfirmen neu aufgelegt und über eine halbe Million Mal verkauft.

Maloche auf dem Bau

Vor allem ist Rodriguez' Geschichte eine Fan-Geschichte: Sie beginnt mit einer Touristin aus den USA, die das Album 1970 einem südafrikanischen Freund mitbringt, der es auf Cassette kopiert und in Umlauf bringt. Fan Segerman vergleicht die Popularität von Rodriguez' Debüt "Cold Fact" mit "Abbey Road" von den Beatles und "Bridge Over Troubled Water" von Simon & Garfunkel, zwei Alben, die die US-Charts im März 1970 anführten. Was keiner in Südafrika ahnte: Rodriguez lebte in seiner Heimat USA von Gelegenheitsarbeiten auf Baustellen und in Abbruchhäusern, engagierte sich für Obdachlose und sozial Schwache. Sein großartiges Debüt war in den USA gefloppt.

Weil niemand etwas über Sixto Diaz Rodriguez wusste, durfte seine Geschichte aus den wildesten Gerüchten wachsen, die Fans aufgeschnappt haben wollten. Einmal hatte er seine Frau umgebracht, war in den Knast gewandert und hatte sich dort das Leben genommen, eine andere Version favorisierte eine damals zeitgemäße Überdosis Heroin, den größten Zuspruch fand der grandiose Bühnenselbstmord des Künstlers (wahlweise mit einer Flinte oder via Selbstentzündung).

Selbst als der wiederentdeckte, leibhaftige Rodriguez 1998 eine triumphale Konzert-Tour durch Südafrikas Arenen bestritt, sollen Zuschauer noch ein Double auf der Bühne vermutet haben. Der TV-Film "Dead Men Don't Tour" dokumentierte die unfassbare Hysterie dieser Tage - als wären Dylan, Jagger und McCartney auf die Bühne getreten, um gemeinsam ihre Klassiker zu spielen.

Rodriguez-Liebhaber und Kritiker haben seitdem nicht mit Dylan-Vergleichen gespart, viel eher aber hat der selbst ernannte Working-Class-Sänger sich zum Paten eines erweiterten Songwriterbegriffs gemacht. "Cold Fact" steht als Folk-, Blues- und Psycho-Rock-Platte zwar mit einem Bein noch in der Tradition der Sixties, weist aber mit seinen genial gesetzten Arrangements weit über seine Entstehungszeit hinaus. Streicher- und Bläsergruppen umschmiegen die Songs komfortabel, der Sänger thront wie ein Soul-König auf den Klangspitzen.

Eine Art von Verschwinden

Seinen bekanntesten Song, "Sugar Man", hat er an einen Drogendealer adressiert, der ihm doch endlich Farbe in die Träume bringen soll, im Refrain öffnet Rodriguez die Pforten der Wahrnehmung: "Silver magic ships you carry/jumpers, coke, sweet Mary Jane". Rodriguez' Stimme driftet weit aus dem Song, als verabschiede er sich für immer von uns. Belege für das Verschwinden des mysteriösen Songwriters fand das Publikum auch an anderen Ecken und Enden in dessen OEuvre.

Dass Rodriguez zu einer Legende werden konnte, verdankte sich ironischerweise dem repressiven kulturellen Klima im Apartheid-Staat Südafrika, einem weltweit isolierten System, dass dem Hauch eines Widerstands mit Zensur begegnete. Im Apartheid-Archiv in Johannesburg ist auch ein Exemplar von "Cold Fact" von 1970 zu finden, einzelne Titel hatte die Zensurbehörde bis zur Unspielbarkeit zerkratzen lassen.

Ein Akt der Wichtigsprechung - das Verbot beförderte Rodriguez zum Rebellen der Stunde und seine freigeistigen Songs zu Mitsinghits der Anti-Apartheid-Bewegung. Der Sänger wurde zum Superstar, den Südafrika insgeheim suchte. In "Sugar Man" und "I Wonder" entdeckten Segerman und seine Altersgenossen den Soundtrack ihres Lebens: "Jede Revolution braucht Hymnen, diese hier verkündeten: Befreie deinen Geist!"

Rodriguez gibt inzwischen weltweit Konzerte, seine vom Spezialisten-Label Light In The Attic wieder veröffentlichten Alben werden von der Musikpresse mit Höchstnoten bewertet, in Blogs rauf- und runtergefeiert. Der spät entdeckte Pop-Klassiker Rodriguez möchte das Rätsel um seine Person aber gar nicht aus der Welt schaffen, der Film macht sich zu seinem Komplizen. Am Ende bleibt auch "Searching For Sugar Man" eine Antwort auf die Frage schuldig, wie es passieren konnte, dass der Autor der Songs keinen Dollar von den Tantiemen erhalten haben soll, die ihm zustanden. Das wäre nicht der Stoff für ein Märchen, sondern für "Monitor" in der ARD.

In Köln läuft "Searching for Sugar Man" in der Filmpalette.

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