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Einzelhandel Köln: Kaum noch Leben in der Porzer City

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Deprimierende Ödnis herrscht am Friedrich-Ebert-Platz, dem ehemaligen Marktplatz, an dem das Hertie-Haus liegt. Foto: Roland Schriefer
Seit der Hertie-Schließung beklagen Geschäftsleute in der Porzer Innenstadt massiven Kundenschwund. Jährlich geht der Umsatz um bis zu 15 Prozent zurück. Der Fall ist beispielhaft für die Verödung von Innenstädten.  Von
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Jimmy schließt. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Einkaufszentrum von Porz. Jimmy Alaoui, den alle nur beim Vornamen nennen, ist der Inhaber der kleinen „Vinoteca Casa Nova“ neben dem ehemaligen Hertie-Haus am Friedrich-Ebert-Platz. Sie galt als letzter Hort gehobener Gastlichkeit in einem Umfeld, das mit großen Problemen zu kämpfen hat, seit das Kaufhaus vor knapp vier Jahren geschlossen wurde.

Alle Versuche, den leerstehenden Komplex im Herzen der Fußgängerzone wieder mit Leben zu füllen, sind bisher gescheitert. Die britische Investmentfirma Dawnay Day, die den Komplex übernommen hatte, forderte einen überhöhten Preis, ließ sich auf Verhandlungen nicht ein und ging schließlich selbst pleite, was die Lage komplizierte. Mit all den gescheiterten Versuchen ist das Hertie-Haus ein Paradebeispiel für die Hilflosigkeit lokal oder regional agierender Unternehmen gegenüber global ausgerichteten Finanzinvestoren. Einer Wiederbelebung stand aber auch europäisches Recht im Weg.

„Wut und Ohnmacht“

„Wir haben keinen Einfluss. Das Gebäude ist in Privatbesitz.“ Mit diesem Satz pariert die Stadtverwaltung inzwischen standardmäßig Nachfragen nach dem Stand der Dinge. Das war nicht immer so. Noch vor rund einem Jahr hatte Oberbürgermeister Jürgen Roters den Vorgang zur „Chefsache“ erklärt und Hoffnung auf baldige Besserung geweckt. Inzwischen sind auch die Politiker, die sich immer wieder mit Durchhalteparolen zu Wort gemeldet haben, verstummt.

Von Gefühlen der „Wut und Ohnmacht“ angesichts des Niedergangs der Porzer Fußgängerzone spricht Wirtschaftsdezernentin Ute Berg. Damit Kommunen nicht weiter tatenlos der Verödung ihrer Innenstädte zusehen müssen, hat sie eine Initiative zur Änderung des Bundesbaugesetzes mit auf den Weg gebracht. Der Grundsatz „Eigentum verpflichtet“ soll darin gestärkt werden. „Hierfür war Hertie zwar der Auslöser, aber für die aktuellen Verhandlungen spielt das keine Rolle mehr“, sagt die Dezernentin.

Der mehrfache Besitzerwechsel, in den auch eine englische Tochter der Deutschen Bank involviert ist, verkomplizierte die Angelegenheit erheblich. In welchem Fonds die Immobilie steckte, war zwischenzeitlich nicht mehr nachzuvollziehen. Alle Bemühungen seien im Sande verlaufen, sagt Ute Berg. Am Ende habe man den inzwischen holländischen Eigentümer sogar in seiner Muttersprache angeschrieben. Eine Antwort blieb allerdings aus. „Dabei dachten wir, wenn wir das als Millionenstadt machen, das wirkt.“

Erfolgreicher war die 25 000-Einwohner-Stadt Bingen, die ebenfalls mit einer leerstehenden Hertie-Immobilie belastet ist. Weil der Bürgermeister den Niedergang des Ortskerns nicht länger mitansehen wollte, rief er die Bürgermeister sämtlicher Städte mit noch nicht weiterverkauften Häusern an einen Tisch. Daraus hat sich der bis jetzt vielversprechendste Ansatz entwickelt: Die einzelnen Gebäude konnten aus ihren undurchsichtigen Verflechtungen gelöst werden und sollen bis Ende 2014 veräußert sein.

Köln war allerdings beim ersten Treffen der Stadtoberhäupter nicht vertreten. Man habe nicht gewusst, dass es in Köln neben dem bereits veräußerten Hertie-Haus in Chorweiler noch einen zweiten Komplex gebe, hieß es aus Bingen. Deshalb sei kein Vertreter eingeladen worden. Inzwischen sitzt aber auch Köln am Runden Tisch.

Doch selbst wenn erste Bewegungen erkennbar sind, in trockenen Tüchern ist noch lange nichts. Denn es gibt noch einen weiteren Haken: die marode, seit ebenfalls vier Jahren geschlossene Tiefgarage unterhalb des Warenhaus-Komplexes. Hier kann – und muss – der neue Betreiber die Stellplätze für das Kaufhaus nachweisen. Die Tiefgarage ist in den Händen der Stadt. Auch in diesem Fall hat es lange gedauert, bis die Verwaltung zu einer Position gefunden hat. Denn erst sollte die Garage für einen symbolischen Euro an einen Investor abgegeben werden. Bei genauerem Hinweis erwies sich das aber als nicht machbar, weil dieses Vorgehen europäischem Recht widerspricht. Es gilt als „unerlaubte Unterstützung“.

Porzer Geschäftsleute leiden

Dann wollte die Stadt das Objekt behalten, auch um Druck auf mögliche Investoren ausüben und damit Fehlentwicklungen vermeiden zu können. Um die Tiefgarage wieder nutzbar zu machen, wären aber hohe Investitionen notwendig geworden. Inzwischen ist auch hier eine Form gefunden: Der Investor darf kaufen.

Während das alles Zukunftsmusik ist, leiden die Porzer Geschäftsleute unter den Zuständen. Es fehlt nicht nur ein Kundenmagnet. Das Haus, an dem immer noch das Hertie-Logo prangt, gibt ein desolates Bild ab: brüchige Außenhaut und defekte, nur notdürftig reparierte Scheiben, an der Innenseite der Fenster hängen die Sichtblenden längst in Fetzen herab. Auch dagegen ist die Stadt machtlos. Das Ordnungsamt kann nur einschreiten, wenn Gefahr für Passanten droht. „Eigentum ist bei uns nun mal ein hohes Gut“, sagt Ute Berg.

Die Kraft, dem Niedergang ihren Widerstand entgegenzusetzen, lässt in der Porzer Geschäftswelt nach. Patrick Wiesner, Geschäftsführer der Porzer Innenstadtgemeinschaft, nennt deprimierende Zahlen: Jahr für Jahr gehe der Umsatz um zehn bis 15 Prozent zurück. Im direkten Umfeld des ehemaligen Kaufhauses seien derzeit 25 Leerstände zu verzeichnen – ohne das Hertie-Gebäude selbst. Die Mieten stehen unter Druck. Inzwischen fürchten die Ladeninhaber, dass weitere Hiobsbotschaften ihnen auch die letzten Kunden vergraulen.

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