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Familien: Hilfe für Asylbewerber läuft langsam an

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Glückliche Kinder dank Spielzeugspenden von Nachbarn Foto: Roland Schriefer
Die Asylbewerber-Familien sind wie geplant im Hotel Dürscheidt angekommen. Die Dependance läuft seit geraumer Zeit ohne größere Probleme. Trotzdem befürchten einige Porzer eine steigende Kriminalitätsrate.  Von
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Urbach

Es ist ein Rein und Raus im hell möblierten Empfangsraum des Hotels Dürscheidt. Türen öffnen und schließen sich. Der 16-jährige Evard kommt gerade aus einem Raum, in dem sechs Waschmaschinen für die Bewohner bereit stehen. Er gehört zu den Roma-Flüchtlingen, fünf Familien mit 28 Kindern, die seit ein paar Tagen an der Kaiserstraße im Hotel von Jürgen Odenthal Junior untergebracht sind.

Mit seinen Eltern und Geschwistern war er aus der Gegend von Sarajevo, der Hauptstadt der Föderation von Bosnien und Herzegowina, nach Deutschland gekommen und spricht bereits ein paar Worte Deutsch. Denn wie viele andere Bewohner besucht er derzeit einen Sprachkurs des Deutschen Roten Kreuz (DRK). So gibt er zu verstehen, dass es ihm in diesem Hotel gut gefällt. „Hier ist es auch sehr sauber.“

Doch reichen seine Kenntnisse noch nicht aus, um zu erzählen, was ihn und seine Familie dazu veranlasst hat, aus ihrem Heimatland zu fliehen. Anders ist dies bei Surija Vejselov. Der 34-Jährige ist Vater von neun Kindern und scheint froh zu sein, dass er von seinen Erlebnissen aus seiner Heimat Makedonien berichten kann.

Ungewisse Zukunft in der Heimat

Die Familie Vjeselov lebt seit einigen Tagen im Hotel Dürscheidt.
Die Familie Vjeselov lebt seit einigen Tagen im Hotel Dürscheidt.
Foto: Roland Schriefer

„In Makedonien gibt es für uns Roma keine Häuser, keine Arbeit, keine Sozialleistungen. 20 Jahre musste ich mit meiner Familie in Zelten leben“, schildert er. „Die Kinder konnten dort nicht zur Schule gehen, von der Polizei, die uns vertreiben wollte, wurden wir geschlagen.“ Zudem hätten Polizisten immer wieder die Zelte der Roma-Familien in Brand gesetzt.

In seinem Heimatland habe er für sich und seine Familie keine Chance gesehen, dem Elend zu entkommen. Eines seiner Kinder sei sogar an Hunger und der Kälte, der sie in den Zelten ausgesetzt waren, gestorben. Auch Arbeit habe er keine finden können. „Um trotzdem etwas Geld für Essen zu erhalten, sammelte ich Flaschen auf einer Mülldeponie“, sagt Vejselov.

Schließlich fasste er den Entschluss, seinem Vater Mustafa, der bereits seit vielen Jahren in Aachen wohnt, zu folgen. Damit seine Familie in besseren Verhältnissen leben kann, nimmt Vejselov in Kauf, zwischenzeitlich von ihr getrennt zu sein. Denn weil er bereits als Jugendlicher ein paar Jahre lang bei seinem Vater in Aachen gelebt hatte, bevor er wieder nach Makedonien zog, sei er dort angemeldet, erläutert Vejselov. Außerdem hätten die deutschen Behörden seine nach muslimischem Recht geschlossene Ehe und auch seine Vaterschaft nicht anerkannt.

Bildung ist wichtig

Dieter becker bringt Spielzeug
Dieter becker bringt Spielzeug
Foto: Roland Schriefer

Deshalb dürfe er noch nicht bei seiner Familie in Urbach bleiben und könne sie nur im Hotel besuchen. „Die Ausländerbehörde glaubt mir nicht, dass das alles meine Kinder sind.“ Deren Geburtsurkunden habe er erst nachträglich zeigen können und nicht bereits bei der Antragstellung für Asyl.

„Ich will nie wieder zurück nach Makedonien“, sagt er mit verärgerter Miene. „Darum ist es mir auch egal, in welchem Haus ich leben muss – Hauptsache, meine Kinder können zur Schule gehen.“ Vejselovs Frau und die neun Kinder leben in der ersten Etage des Hotels. Sie teilen sich vier Zimmer mit Doppel- und Hochbetten, ein Badezimmer und eine Kochecke mit einer weiteren Familie.
In einem im Erdgeschoss gelegenen Saal hat Hotelbetreiber Odenthal eine kleine Spielecke gleich neben der Theke eingerichtet. Was den Flüchtlingen aber trotz aller Fürsorge fehlt, seien Kleidung und Schuhe für die Kinder, sagt Vejselov.

Eine erste Unterstützung haben die neuen Bewohner im Hotel Dürscheidt inzwischen erfahren. Eine Nachbarin brachte Kleidungsstücke vorbei, Vertreter der Porzer SPD haben die Asylbewerber an Heilig Abend zudem mit Süßigkeiten und Geschenken begrüßt, und Sozialdemokrat Dieter Becker vom Ortsverein Urbach kam noch mit einer Kiste mit Spielzeug.

Keine erhöhte Kriminalität

Surija Vjeselov beantragt Asyl.
Surija Vjeselov beantragt Asyl.
Foto: Roland Schriefer

Allerdings finden sich unter den Urbachern auch Skeptiker. Sie haben Vorbehalte gegen die Roma-Familien und befürchten, dass die Kriminalitätsrate im Ort steigen könnte. Lutz Flaßnöcker, Pressesprecher der Polizei Köln, beruhigt: „Im Umfeld von Asylbewerberunterkünften können wir keine Zunahme von Straftaten feststellen.“ Viele Bürger denken auch, dass die Asylbewerber länger in dem Hotel bleiben, als zunächst angekündigt wurde. Stefan Ferber, Leiter des Amtes für Wohnungswesen, hatte bei einer Informationsveranstaltung allerdings mitgeteilt, dass sich die Lage in ein bis zwei Jahren wieder entspannen werde sobald zwei neue Wohnheime in Köln gebaut worden sind. „Wir sind dazu verpflichtet, Asylbewerber aufzunehmen. Aber die Unterbringung in Hotels ist die teuerste Variante. Deshalb sind wir natürlich bemüht, die Hotelzeiten so kurz wie möglich zu halten.“

Auch der Verdacht, die Asylbewerber hätten es besser als „deutsche“ Sozialhilfeempfänger, lässt sich nicht belegen. „Der Sozialhilfesatz ist bei allen gleich“, sagt Dieter Becker. Allerdings hätten Sozialhilfempfänger mit mehr als vier Kindern einen Anspruch auf Wohnungen von bis zu 120 Quadratmetern. „Das ist doch deutlich mehr, als die Asylbewerber zum Beispiel hier im Hotel Dürscheidt haben.“

Trotzdem, für Vejselov und seine Familie ist die Unterbringung hier fast das Paradies. Wenn seine Kinder – wie die Jungen und Mädchen aus dem Wahner Hotel – dann noch in die Romaschule in Kalk gehen können, wo sie in ihrer Muttersprache unterrichtet werden, dann ist auch seine Welt vielleicht ein bisschen gerechter geworden.

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