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Diagnose ADHS: Forscher vermutet „Schuldoping“

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Diagnose ADHS: Rund sieben Prozent der Jungen und zwei Prozent der Mädchen bekommen Ritalin verordnet. Foto: dpa
Die Anzahl der ADHS-Diagnosen ist in fünf Jahren um mehr als 40 Prozent gestiegen. Betroffen sind meistens Jungen, die als wild, aggressiv und ungeduldig auffallen. Ein Forscher vermutet, das ADHS-Medikament Ritalin werde auch eingesetzt, um in der Schule mitzuhalten.
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Immer mehr Kinder mit Aufmerksamkeitsproblemen verlassen als offiziell Kranke die Arztpraxis - viele davon ausgestattet mit einem Rezept für Psychopharmaka. Die Zahl der diagnostizierten Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) stieg von 2006 bis 2011 bei den unter 19-Jährigen um 42 Prozent, wie aus dem Arztreport 2013 der Krankenkasse Barmer GEK hervorgeht. „ADHS ist eine Modekrankheit“, sagte Vizechef der größten deutschen Kasse, Rolf-Ulrich Schlenker.

Rund 620.000 Kinder und Jugendliche hatten 2011 laut ärztlicher Diagnose das sogenannte Zappelphilipp-Syndrom, davon 472.000 Jungen. Zusammen mit Erwachsenen waren es insgesamt 750.000 Patienten. Im Alter von elf Jahren bekamen rund sieben Prozent der Jungen und zwei Prozent der Mädchen das Medikament Ritalin verordnet. Insgesamt erhielten in dem Jahr 336.000 Patienten Ritalin auf Rezept - binnen fünf Jahren gab es hier einen Anstieg von 39 Prozent.

„Gefragt, ob wir Schuldoping betreiben“

Friedrich Wilhelm Schwartz, der Vorsitzende des Hannoveraner Forschungsinstituts Iseg, das die Studie erstellt hatte, betonte, gerade Jungen vor dem Wechsel aus der Grundschule seien betroffen. Oft herrsche die Sorge, dass die Kinder es nicht in gewünschter Weise schafften. „Ich habe mich gefragt, ob wir nicht befristetes Schuldoping betreiben statt die Behandlung einer Krankheit“, sagte er.

Etwa ein Viertel aller Männer und ein Zehntel aller Frauen sind im Laufe von Kindheit und Jugend mit der ADHS-Diagnose konfrontiert. Das ermittelten die Forscher bei der Betrachtung der Jahre 2006 bis 2011 im Verlauf.

Würzburg ist ADHS-Hauptstadt

Der Arztreport gibt Hinweise darauf, dass die ADHS-Diagnose und der Griff zur Pille auch von den Eltern abhängen. So sinke mit steigendem Ausbildungsniveau der Eltern die Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Diagnose und einer Ritalin-Gabe an die Kinder. Ein rund 50-prozentig höheres Risiko haben Kinder mit jungen Eltern unter 25 Jahren. Kinder Arbeitsloser seien häufiger betroffen. ADHS werde bei Kindern von Gutverdienern seltener diagnostiziert.

Immer mehr Kindern und Jugendliche bekommen die Diagnose „Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen“ (ADHS) gestellt.
Immer mehr Kindern und Jugendliche bekommen die Diagnose „Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen“ (ADHS) gestellt.
Foto: dpa

Auffällig seien regionale Unterschiede - es gebe sogar eine Region, die besonders hervorsteche, nämlich Würzburg und Umgebung. Während die ADHS-Diagnoserate bei Jungen im Alter von zehn bis zwölf Jahren im Jahr 2011 im Bundesschnitt bei knapp 12 Prozent lag, hätten Ärzte in Unterfranken diese Diagnose bei 19 Prozent dieser Jungen gestellt. Schlenker sagte unter Verweis auf internationale Vergleichsdaten sogar: „Würzburg scheint die Welthauptstadt bei ADHS-Diagnosen zu sein.“ Als Grund nannte er, dass dort besonders viele Kinder- und Jugendpsychiater säßen. Tatsächlich gibt es an der Würzburger Uniklinik sogar einen Forschungsschwerpunkt zu ADHS. Auch in Mannheim und Teilen von Rheinland-Pfalz gibt es mehr ADHS-Diagnosen.

Verhaltenstherapie statt Medikamente

Schlenker warb dafür, dass mehr Ärzte und Eltern Psychopharmaka nur als letztes Mittel nehmen. Per Elterntraining könnten sich Mütter und Väter besser auf die Situation ihrer Kinder einstellen. Auch Verhaltens- und Ergotherapie komme in Frage. Schwartz meinte, oft werde zu Medikamenten gegriffen, weil es weniger aufwendig sei.

Einen Löwenanteil der Behandlungskosten für die ADHS machen heute bereits begleitende Therapien aus, wie die Techniker Krankenkasse berichtete. Die Ausgaben für Verhaltenstherapie und Heilmittel wie etwa Ergotherapie lägen bei 44 Prozent der Kosten. Die von Medikamenten nur bei 12 Prozent. (dpa)

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Quelle: Onmeda

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