27.09.2016
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Bio oder nicht Bio?: Fleisch braucht seinen Preis

Die Bio-Verordnung der EU ist wesentlich lascher als die Deutsche.

Die Bio-Verordnung der EU ist wesentlich lascher als die Deutsche.

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Fotolia/Lilifox

Knapp sieben Millionen Deutsche bezeichnen sich als Vegetarier. Für den großen Rest der Bevölkerung sind die Scheibe Salami auf dem Brot und die Bratwurst auf dem Grill ein fester Bestandteil der Ernährung. Aus Gewohnheit, Genuss – oder sogar für die Gesundheit. Fleisch, lautet häufig das Argument, gibt Kraft und gehört zu unserer Kultur.

Billiges Fleisch

In Zahlen ausgedrückt: 160 Gramm Fleischware isst der deutsche Mann im Schnitt am Tag. Frauen kommen auf 84 Gramm. Die Preise machen es möglich: 6,99 Euro für ein Kilogramm Schnitzel oder ein ganzes Hähnchen für 2,99 Euro sind im Kühlregal nichts Besonderes. Trotz vergangener Skandale, etwa um nicht deklarierte Fleischwaren oder Lasagnen aus Pferdefleisch, eines steht fest: Wer in Deutschland Fleisch zu Tiefstpreisen einkauft, muss sich um sein eigenes Wohl nicht sorgen. „Das wird so steril wie möglich verarbeitet, fast wie im OP. Aus gesundheitlicher Sicht ist da rein gar nichts zu beanstanden“, sagt Professor Klaus Troeger, Leiter des Max-Rubner-Instituts für Sicherheit und Qualität bei Fleisch. Und meint: die Gesundheit des Menschen.

Die Gesundheit des Tieres nämlich lässt sich daraus mitnichten ableiten. Und wer wissen will, ob es dem Lebewesen hinter dem Stück Schwein, Rind oder Huhn auf seinem Teller nicht nur physisch, sondern auch psychisch gut ergangen ist, der steht erst recht vor einer Herausforderung. Während die Lebensmittelsicherheit – also die Qualität des Endprodukts – strengen Vorgaben unterliegt, „bringen die geringen Mindeststandards im Tierschutzgesetz sehr viel Leid“, sagt Sabine Klein von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Lahme und verstümmelte Tiere

Um zu ermessen, ob es den Tieren in der Haltung gut geht, unterscheiden Experten sogenannte ressourcenbezogene Faktoren und tierbezogene Faktoren. Erstere sind greifbarer. Wie viel Platz hat das Schwein im Stall und wie hell oder dunkel ist es darin? Kann es sich artgemäß verhalten? Welche Nährstoffe enthält das Futter? Und schließlich: Ist das Tier gesund?

Viel Antibiotika bei Hühnern und Schweinen

Die Antworten auf diese Fragen sind ernüchternd. Lediglich 17 Prozent der Masthühner und 24 Prozent der Schweine wurden im Jahr 2012 keine Antibiotika verabreicht – dafür hat die Qualität und Sicherheit GmbH (QS) von Mai 2012 an rund 2600 Geflügel- und 25 000 Schweinebetriebe in Deutschland untersucht. Die Standardprobleme: Hühner leiden häufig unter Fußballenschäden, denn die Einstreu, auf der sie gehalten werden, ist oft zu feucht. Schweine haben schwere Verletzungen an den Schwänzen, die sie sich aus Langeweile in der engen Bucht gegenseitig abfressen. Deswegen schneiden die Züchter sie in der Massentierhaltung kurzerhand ab – ohne Schmerzausschaltung oder Narkose. Und Rinder schließlich leiden oft unter Lahmheit, weil ihre Klauen nicht an die harten Betonspalten in den Ställen angepasst sind. In den meisten Betrieben leben Tiere auf engstem Raum, meist mit kaum Tageslicht, schlechter Luft und ohne Stroh.

EU-Öko-Verordnung ist lascher

„Wer in diesen Punkten sichergehen und sich von der konventionellen Haltung abgrenzen möchte, für den ist Bio eine echte Alternative“, sagt Dr. Lars Schrader vom Institut für Tierschutz und Tierhaltung in Celle. Die Haltungsanforderungen für Ökobetriebe seien klar geregelt und gingen deutlich über die gesetzlichen Mindeststandards hinaus: „Schwänze werden nicht kupiert, es gibt mehr Platz, mehr Stroh und vor allem regelmäßigen Auslauf.“ Ein Vergleich: Für ein konventionell gehaltenes Mastschwein mit einem Körpergewicht von über 50 bis 110 Kilogramm muss eine Stallfläche von mindestens 0,75 Quadratmetern zur Verfügung stehen. Der Mindestwert für ökologisch gehaltene Schweine liegt laut EU-Verordnung bei 1,3 Quadratmetern im Stall plus einen Quadratmeter Auslauf. Das ist zwar mehr – aber auch nicht gerade viel. Zahlreiche Biobauern orientieren sich deshalb bewusst nur an den Maßgaben der EU-Öko-Verordnung, die deutlich lascher sind als die Vorgaben der Bioanbauverbände wie Bioland, Naturland oder Demeter. So erklärt sich dann auch manch verwirrender Bio-Billigpreis im Kühlregal. Denn während bei den Verbänden beispielsweise nur 280 Masthähnchen pro Hektar gehalten werden, sind es auf EU-Ökohöfen 580. Die EU lässt beim Anbau der Futtermittel auch mehr Düngung zu und erlaubt doppelt so viel Kupfer im Pflanzenschutz.

Strenges Bio ist teuer

Allerdings hat die Ware aus den strengen Verbänden ihren Preis. Wem der zu hoch ist, der leistet auch schon mit günstigerem Ökofleisch etwas für mehr Tierwohl. Schrader: „Zur konventionellen Haltung ist Bio ein gewaltiger Unterschied, so oder so.“ Doch Experten sehen selbst in der alternativen Haltung ein Dilemma: „Auch sie birgt für Tiere Gesundheitsrisiken“, sagt der Tierethiker Peter Kunzmann, Professor an der Universität Jena. Denn freilaufende Tiere seien Parasiten und Viren ausgesetzt, die es in dieser Vielfalt nicht gibt in einem abgeriegelten Stall, den niemand betritt außer Menschen im Schutzanzug. Das könne zur Herausforderung werden, weil der Biobauer mit medizinischen Behandlungen deutlich restriktiver umgehen muss. „Dafür leben die Tiere dann aber artgerechter“, hält Tierschützer Schrader dagegen.

Der Billig-Trend hält an

Wer Fleisch essen will, muss wohl Abstriche machen. Die ressourcenbezogenen Faktoren Licht und Stallgröße machen noch kein glückliches Schwein. Hier kommt auch die Ökohaltung an ihre Grenzen, denn sie hat vor allem Nachhaltigkeit und nicht allein das Wohlbefinden der Tiere zum Ziel. Der höhere Fleischpreis dient auch dem Umwelt- und nicht nur dem Tierschutz, da geht es um ausgefeilte Logistik mit kurzen Transportwegen oder ökologisch angebautes Futter, nicht nur um fröhliches Vieh. „Tierbezogene Indikatoren werden auch in der Ökohaltung nicht genügend berücksichtigt“, kritisiert Lars Schrader, der in Celle an der Entwicklung solcher – bisweilen schwer messbaren – Kriterien arbeitet. Um die Befindlichkeit der Tiere zu beurteilen, müssen demnach Ausdrucksverhalten, Lautgebung und Nervenkostüm hinzugezogen werden. „Ob ein Rind auf der Wiese herumspringt oder apathisch am Boden liegt, ist ein wesentlicher Unterschied“, sagt Schrader. Den kann man sogar in Zahlen fassen – über die Ausschüttung von Neurotransmittern, die Glücksgefühle auslösen können, oder über das Maß an vorhandenen Stresshormonen.

Deutsche sind preisempfindlich

Gesetzlich vorgeschrieben sind solche Untersuchungen freilich nicht. „Mehr Tierschutz kostet eben mehr Geld, und der deutsche Verbraucher ist sehr preisempfindlich“, sagt Schrader. Er schätzt, dass alle Fleischpreise wohl mindestens 30 Prozent, gut aber auch noch deutlich teurer sein müssten, um ausreichenden Tierschutz zu ermöglichen.

Discounter: Preise weiter senken

Der Markt aber bewegt sich gerade in die entgegengesetzte Richtung. Die Discounter Aldi und Norma haben vor kurzem angekündigt, ihre Preise sogar noch um bis zu neun Prozent zu senken. Verbraucherschützerin Sabine Klein warnt vor einem Trugschluss: Von teurem Fleisch dürfe man nicht gleich auf bessere Haltungsbedingungen schließen. Der Preis allein sei nicht aussagekräftig. „Wer es heute ganz genau wissen will“, sagt Klein, „der muss schon zum Hof fahren und sich selbst ein Bild von den Tieren machen.“