29.07.2016
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Geschichte in 140 Zeichen: Historiker twittern die Pogromnacht

Das Twitter-Profil von @9Nov38. Historiker schildern hier die Geschehnisse rund um die Reichspogromnacht.

Das Twitter-Profil von @9Nov38. Historiker schildern hier die Geschehnisse rund um die Reichspogromnacht.

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Köln -

Sie erzählen Geschichte in 140 Zeichen: Fünf junge Historiker lassen im Kurznachrichtendienst Twitter die Ereignisse um die Reichspogromnacht am 9. November 1938 wieder aufleben. Am Samstag jähren sich die judenfeindlichen Gewaltausbrüche bei denen 400 Menschen starben und Tausende in Konzentrationslager deportiert wurden, zum 75. Mal.

Wer dem Twitteraccount @9Nov38 folgt, bekommt die Ereignisse in den Wochen vor und nach der Reichspogromnacht in „Echtzeit“ nacherzählt. Die Tweets schildern zum Teil persönliche Geschichten. Sie sind bedrückend. Wer mitliest braucht starke Nerven. Und auch an den fünf jungen Wissenschaftlern geht das Projekt nicht spurlos vorbei.

Mit der Nachricht von der Ausweisung tausender polnischer Juden aus dem deutschen Reich am 28. Oktober 1938 begann das Twitterprojekt – genau 75 Jahre später. Jeder einzelne Tweet von@9Nov38 stützt sich auf belegbare Quellen, die die Historikergruppe in regionalen Archiven und Fachliteratur recherchiert hat.

Auch eine Rheinländerin ist an dem Projekt beteiligt: Geschichtsstudentin Charlotte Jahnz von der Universität Bonn twittert mit. Ihre Freizeit zwischen Seminaren und Vorlesungen verbringt die 24-Jährige seit Wochen vor allem in der Bibliothek.

Es sind Zitate aus Tagebüchern, alten Zeitungen und Postkarten, die nach wissenschaftlichen Kriterien ausgewertet werden und dann als Tweets im Internet landen. Sie werden datums- und wenn möglich sogar uhrzeitgenau abgeschickt. „Was am 8. November 2013 getwittert wird, ist also am 8. November 1938 tatsächlich passiert“, sagt Charlotte Jahnz im Gespräch mit ksta.de.

Während ihre Mitstreiter in Mainz, Jena, Freiburg und Heidelberg recherchieren, kümmert sich Charlotte Jahnz um Augenzeugenberichte aus dem Rheinland. Wie die Synagoge in Bonn am 10. November in Brand gesteckt und der Feuerwehr die Löscharbeiten verboten wurden, hat sie nachlesen können. Und sie stieß auf Quellen aus ihrem Heimatort Meschede im Sauerland. Zu lesen was damals in der Stadt, in der sie aufwuchs, geschah, dass sich Menschen aus Angst vor der Deportation das Leben nahmen, „das nimmt einen richtig mit. Man sitzt fassungslos vor diesen Augenzeugenberichten“, sagt Jahnz.

Den Kurznachrichtendienst Twitter haben die Wissenschaftler bewusst für ihr Projekt ausgewählt. „Wir möchten ja nicht nur erinnern, sondern wir möchten auch erklären. Und Twitter ist ein tolles Medium, um mit kurzen Nachrichten Interesse zu wecken und viele Menschen zu erreichen.“

Mehr als 2300 Follower zählt der Twitter-Account @9Nov38 mittlerweile. Wer neugierig wird und mehr als die kurzen 140-Zeichen-Nachrichten lesen will, findet auf der Internetseite www.9nov38.de weitere Informationen. „An manchen Tagen werden die dazugehörigen Quellen dort mehr als 600 Mal angeklickt“, freut sich Charlotte Jahnz. „Dass das Projekt so durch die Decke geht, hätten wir nie gedacht.“

Bis Ende November wollen Jahnz und die anderen vier Historiker die Ereignisse aus dem Jahr 1938 noch twittern, vielleicht auch länger. Im Anschluss soll auf www.9nov38.de dann eine kleine Datenbank entstehen, in der die Inhalte aller Tweets mit Fußnoten versehen und Quellenangaben belegt werden.