24.07.2016
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Cybermobbing: „Das bedeutet 24 Stunden Terror“

Ein neuer Gesetzentwurf sieht auch für Cybermobbing-Täter härtere Strafen vor.

Ein neuer Gesetzentwurf sieht auch für Cybermobbing-Täter härtere Strafen vor.

Foto:

inkje/photocase.de

Frau Katzer, laut einer Studie, die Sie für das Bündnis gegen Cybermobbing durchgeführt haben, waren 20 Prozent der 14- bis 16-jährigen schon Opfer von Mobbing im Internet oder über Kurznachrichten – eine erschreckend hohe Zahl.

Catarina Katzer Ja, allerdings. In anderen Studien sind diese Zahlen aber ähnlich – und zwar im In- und Ausland. Man kann also sagen, dass ein Viertel der Jugendlichen heute bereits Opfer von Cybermobbing geworden ist. Deswegen müssen wir etwas tun. Denn die schnelle technische Aufrüstung bewirkt, dass diese Form von Mobbing heute bereits in den Grundschulen angekommen ist.

Wie sieht Cybermobbing denn überhaupt aus? Wie unterscheidet es sich vom „normalen“ Mobbing?

Katzer Die Formen des traditionellen Mobbings – etwa beleidigen, lästern oder verleumden – finden beim Cybermobbing mit technischen Mitteln statt. Also im Internet, in sozialen Netzwerken, über Mail oder „Whats App“. Die Täter stellen peinliche Fotos online oder sie legen für das Opfer eine gefälschte Profilseite an, auf der abstruse Hobbys oder Sexvorlieben genannt werden. Cybermobbing geht einfacher und schneller.

Die 14-jährige Trisha Prabhu hat einen neuen Ansatz entwickelt, um Cybermobbing zu verhindern: Sie will, dass Nutzer, bevor sie etwas Beleidigendes posten, noch einmal gefragt werden, ob sie das wirklich möchten. Was halten Sie von der Idee?

Katzer Ich finde die Idee von einem so jungen Mädchen sensationell. Dass man Nutzern einen Spiegel vorhält, kann durchaus abschrecken. Dieses Konzept kennen wir auch aus der Sozialpsychologie. Deswegen gibt es ja auch in vielen Aufzügen Spiegel: Weil man sich schwerer tut, etwas zu beschmieren, wenn man sich selbst dabei zusehen muss. Im Netz muss der Täter sich dann fragen: Was mache ich hier eigentlich? Will ich, dass mir selbst sowas passiert? Vielleicht könnte man Anbieter wie Facebook oder Youtube sogar verpflichten, bei jeder Anmeldung oder bei jedem Post einen Button aufploppen zu lassen, auf dem steht: „Denk darüber nach, wie du dich verhältst“.

Trisha Prabhus Konzept beruht vor allem auf der Idee, dass Jugendliche nicht genug über ihr Handeln reflektieren. Trotzdem ist Cybermobbing mittlerweile auch unter Erwachsenen verbreitet. Wie erklären Sie sich das?

Katzer Im Internet ist man körperlich nicht aktiv, man nimmt sein Verhalten anders wahr. Die meisten Menschen wissen, dass man im Laden kein Buch klauen darf. Aber im Internet ist die Hemmschwelle für Straftaten niedriger. Das liegt einerseits daran, dass man im Netz anonymer ist. Andererseits sieht man die Konsequenzen seines Handelns nicht direkt. Ein Cybermobbing-Täter muss nicht mit ansehen, wie sein Opfer weint und schreit. Aber gerade deswegen ist es für die Opfer wichtig, dass die Anonymität aufgebrochen und der Täter bestraft wird.

Was ändert sich beim Cybermobbing für die Opfer?

Katzer Früher war Mobbing begrenzt auf den Schulhof und nur wenige wussten Bescheid. Cybermobbing hingegen ist extrem öffentlich. Rein theoretisch können hunderte Millionen Menschen sehen, was über das Opfer veröffentlich wird. Und das ein Leben lang. Denn selbst, wenn der Anbieter das Video oder die Seite löscht, liegen die Daten längst auf anderen Servern. Dadurch gibt es keinen Ort mehr, an den das Opfer sich zurückziehen kann. Das Mobbing kommt bis ins Kinderzimmer. Das ist ein 24-Stunden-Terror. Aber die Gesellschaft versteht diese Dramatik nicht. Und auch die Täter sind sich über die weitreichenden Folgen nicht bewusst.

Viele Eltern raten ihren Kindern sicherlich, einfach nicht mehr ins Internet zu gehen...

Katzer Nun ja, aber das Cybermobbing geht trotzdem weiter. Am nächsten Tag werden die Jugendlichen in der Schule gefragt, ob sie dieses oder jenes Foto nicht gesehen haben. Wenn man den Kopf unter die Decke steckt, dann eskaliert die Situation noch mehr.

Wie sollten die Opfer sich stattdessen verhalten?

Katzer Die Opfer sollten das Mobbing dokumentieren, indem sie Kopien oder Screenshots machen. Dann sollten sie sich beim Anbieter melden und ihn auffordern, die entsprechenden Veröffentlichungen zu löschen. Die Opfer müssen aber auch den Mut haben, sich Hilfe zu suchen. Oft haben sie es allerdings schwer, den richtigen Ansprechpartner zu finden, denn kaum einer versteht die Folgen von Cybermobbing. Eltern beispielsweise überreagieren oft und verhängen eine Facebook- oder gar Internetsperre. Das hilft natürlich gar nicht. Oft suchen die Opfer deswegen Hilfe im Netz, bei Onlineberatungsportalen. Das ist eine gute Möglichkeit, denn hier gibt es Portale, in denen Jugendliche anderen Jugendlichen helfen.

Wie können wir als Gesellschaft Cybermobbing verhindern?

Katzer Mit Prävention. In den skandinavischen Ländern, wo schon seit Jahren mehr Präventionsarbeit geleistet wird, ist Cybermobbing weniger verbreitet. Hier ist es auch extrem wichtig, die Jugendlichen mit einzubeziehen und sich Konzepte ausdenken zu lassen. So entwickeln sie Verantwortung und Empathie für das Thema. Außerdem müssen Jugendliche verstehen, was es generell heißt, im Netz zu handeln. Viele wissen immer noch nicht, was es bedeutet, ein Bild von sich zu posten, auf dem sie betrunken oder sexy sind. Deswegen brauchen wir ein flächendeckendes Angebot für den richtigen Umgang mit dem Internet an allen Schulformen. Da sehe ich das Bundesfamilienministerium in der Pflicht. Nur so können wir verhindern, dass mehr Kinder zu Cybermobbing-Tätern werden.