26.08.2016
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Schülerstudium: Studieren auf Probe

Schülerstudenten

Lea Steimel bewarb sich selbst auf einen Platz im Schülerstudenten-Programm.

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Matthias Meurer

Köln -

Leistungsdruck, 50-Stunden-Woche, Turbo-Abi: Viele Schüler beklagen sich, sie hätten kaum noch Zeit für Freunde und Hobbys. Aber es gibt auch die, denen selbst der ganze Stress noch nicht reicht. Seit mittlerweile zwölf Jahren haben Schüler der Oberstufe die Möglichkeit, an der Uni Köln zu studieren. Sie können Kurse und Vorlesungen fast aller Studiengänge besuchen, von Naturwissenschaften über Jura bis hin zu Geistes- und Kulturwissenschaften. Wenn die Schülerstudenten Klausuren mitschreiben, können Leistungsnachweise später für ihr Studium angerechnet werden.

Lea Kruse (16) wurde vor einem Jahr, damals in der Stufe 10, von ihrem Mathelehrer angesprochen, ob sie bei dem Programm nicht mitmachen wolle. Weil Mathematik aber nicht gerade ihren Vorstellungen für das Studium entsprach, bewarb sie sich für Chemie. "Ich will eigentlich später Medizin studieren, da muss man die Vorlesung sowieso belegen. Außerdem weiß ich jetzt, wie es in der Uni so abläuft, das hat schon viel gebracht."

Kontakt mit Studenten

Auf die Frage, ob man als Schülerin an der Uni nicht schief angeguckt wird, antwortet Lea: "Na ja, ich glaube, meinem Professor ist das gar nicht wirklich aufgefallen, bei hundert Leuten im Hörsaal." Und den Studenten? "Die waren total nett, die fünf anderen Schülerstudenten hatten so ihr eigenes Grüppchen, aber ich hatte auch viel mit den regulären Studierenden zu tun."

So wie Lea werden die meisten Schüler, die später ein Schülerstudium anfangen, von den Lehrern in der Schule angesprochen und auf das Angebot aufmerksam gemacht. Die Lehrer sind es auch, die mit der Schulleitung über Beurlaubungen und die Frage nach der Versicherung verhandeln. Wer Interesse hat, und sich ein Studium schon zu Schulzeiten zutraut, kann das Ganze aber auch selbst in die Hand nehmen.

Ein Schub fürs Selbstbewusstsein

Lea Steimel (ebenfalls 16) bewarb sich, nachdem sie einen Aushang in der Schule gesehen hatte, selbst bei der Uni Bonn, und studiert dort nun Latein. "Ich war mir unsicher, was ich nach der Schule tun sollte", sagt sie. Die Unsicherheit sei geblieben, aber zu studieren stärke immerhin das Selbstbewusstsein: "Ich weiß jetzt, dass ich das Studium schaffen würde." Vor allem für Unentschlossene, die sich noch nicht völlig im Klaren über die Zeit nach dem Abitur sind, kann ein Schülerstudium die Entscheidung erleichtern.

Die Vorlesungen und Kurse, an denen man als Schüler teilnehmen kann, liegen zum Großteil in der Schulzeit. Der verpasste Unterrichtsstoff muss nachgeholt werden. "Da muss man schon viel Arbeit reinstecken, deswegen sollte man es auch am besten noch in der Einführungsphase, also der Stufe 10 machen - da zählt es noch nicht fürs Abi", rät Lea Kruse.

Die Schüler haben aber auch mit Widerstand aus einer unerwarteten Richtung zu kämpfen: Manche Lehrer stehen dem Schülerstudium sehr ablehnend gegenüber. Lea Kruse erinnert sich an den Kommentar eines Lehrers: "Ich glaube nicht, dass Schüler an die Uni gehören, dazu sind sie einfach noch nicht fähig."

Interesse am Fach ist am wichtigsten

Die Tatsache, dass für das Chemiestudium nicht unbedingt die Chemie-, sondern manchmal stattdessen die Geschichtsstunde draufgehen muss, macht es nicht einfacher. Wenn ein Schülerstudent das Schulfach dann noch ohne Klausurpflicht belegt hat, stehen manche Lehrer vor der Herausforderung, jemandem, der nur für einen Bruchteil der vorgegebenen Wochenstunden anwesend ist, eine gerechte Note zu geben.

Auch wenn das Studieren neben der Schule sicher anstrengend und zeitaufwendig ist, muss man dafür nicht unbedingt ein Überflieger in allen Fächern sein. "Ich bin die Letzte, die sich selbst als hochbegabt einschätzen würde", sagt Lea Steimel. "Ja, es ist schon wichtig, fleißig zu sein und zu lernen, aber die beste Voraussetzung ist die Motivation und das Interesse am Fach."

Mit dem Image von Strebern und verschrobenen Intelligenzbestien haben die beiden Mädchen der Stufe 11 jedenfalls nicht zu kämpfen. Und Zeit für Hobbys und Freunde haben sie auch immer noch, wie sie versichern. Wer sich also noch unterfordert fühlt oder noch keinen genauen Plan für das spätere Studium hat, dem kann vielleicht die Uni schon während der Schulzeit eine Perspektive bieten.