27.08.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Analyse: Die Guttenberg-Panik

Foto:

AFP

Der Skandal um den Doktortitel der Wissenschaftsministerin Annette Schavan wird die Campuswelt sehr lange überschatten. Schon nach der Affäre Guttenberg war die Unsicherheit unter Studenten - und auch Professoren - groß. Gerne wurde diese Unsicherheit als "Guttenberg-Panik" bezeichnet. Die Seite der Dozenten wollte wissen: Wie können wir mögliche Plagiate noch vor der Notengebung aufdecken? Benötigen wir eine bessere Software, die Plagiate gleich erkennt? Oder vielleicht doch mehr Einführungskurse?

"Spätestens seit der Guttenberg-Affäre sind viele Lehrerende stark aufgeschreckt worden und versuchen, Plagiate besser zu identifizieren", bestätigt Sebastian Sattler, Soziologe aus Bielefeld, der sich in seiner Fairuse-Studie mit dem Thema Plagiat beschäftigt hat. Die Allgegenwärtigkeit des Themas schreckt viele Studenten auf. "Ich gebe mir viel Mühe, richtig zu zitieren, weil ich immer im Hinterkopf habe, dass jemand nachgucken könnte, ob alles stimmt", sagt Teresa Lipski, die im dritten Semester Regionalstudien China an der Berliner Humboldt-Universität studiert. Dabei ist das direkte Zitat für sie und viele andere nicht das Problem. Wer einen anderen Menschen ganz klar zitiert, ohne ihn als Quelle zu nennen, der ist entweder dumm oder täuscht ganz bewusst.

Plagiate von Politikern als Ausrede

Manche Studenten tun das - und rechtfertigen sich mit bekannten Persönlichkeiten wie Guttenberg oder Schavan, weiß Sebastian Sattler. "Das geht dann frei nach dem Motto: Wenn der das kann, warum soll ich es nicht auch probieren?" Durch die Medienberichte könnten Studenten das Gefühl bekommen, dass es nicht besonders wahrscheinlich ist, entdeckt zu werden. Die meisten Studenten jedoch haben Angst. Problematisch wird es für sie, wenn es ans Paraphrasieren geht. Die Studenten tragen den bisherigen Forschungsstand der Wissenschaft zusammen - das ist schließlich Pflicht - und lassen sich dabei von den Gedanken anderer inspirieren. Durch das Gelesene entwickeln sich neue Ideen. Gehören diese neuen Ideen dann ganz dem Studenten, oder doch anderen? Im ersten Fall wäre ein Verweis auf die Quelle nicht nötig, im zweiten schon.

Genau an diesem Punkt wurzelt die Angst der Studenten. "Ich weiß einfach nicht, wo mein eigener Gedanke anfängt - oder ob ich schon etwas geklaut habe", erzählt Max Weber, der im fünften Semester Englisch und Russisch studiert. "Die Grenze zu finden, fällt mir schwer und dabei konnte mir bisher auch kein Dozent helfen." Denn obwohl die Universitäten Einführungskurse geben und diverse Zentren Hilfe bei Haus- und Abschlussarbeiten anbieten, brüten Studenten doch die meiste Zeit alleine über ihren Texten. Und die Affäre Schavan wird sie noch viel mehr verunsichern - und einige vielleicht auch davon abhalten, jemals selbst zu promovieren.

"Der Status eines Doktoranden wird in der Gesellschaft doch mittlerweile sehr in Zweifel gezogen", findet Doktorand Christian Rebhan. "Mittlerweile scherzen sogar Freunde über mich und warnen mich, bloß kein Plagiat einzubauen." An dieser Stelle könnten wir vielleicht das Wort Schavan-Angst etablieren.