26.07.2016
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Hin und Weg: Prag: Keine Privatsphäre im Plattenbau

Hin und Weg

Tobias Hinze fühlt sich wohl in Prag.

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Privat

Als ich Rosenmontag den Kölner Karneval hinter mir ließ und zum ersten Mal die schäbige Lobby eines ehemaligen Hotels im Prager Vorort Hostivař betrat, beschlichen mich erste Zweifel, ob es richtig gewesen ist, Köln gegen eine andere Stadt zu tauschen. Das Plattenbauhotel, das nun ein Studentenwohnheim ist, sollte für die nächsten fünf Monate mein zu Hause, während eines Auslandssemesters an der Karlsuniversität, sein.

An der Uni Köln studiere ich seit fünf Semestern Sozialwissenschaften. In der Hauptstadt der Tschechischen Republik besuche ich vor allem politikwissenschaftliche Vorlesungen, wobei ich den Luxus genieße, mir nicht alle Fächer anrechnen lassen zu müssen und daher auch fachübergreifende Kurse belegen konnte.

Keine Privatsphäre

Luxus ist im Studentenwohnheim allerdings ein absolutes Fremdwort: Zu zweit auf zehn Quadratmetern – von Privatsphäre keine Spur. Das hat mir am Anfang zu schaffen gemacht.  Außerdem liegt das Wohnheim 45 Minuten von der Stadt entfernt. Doch nach wenigen Tagen habe ich die neuen Lebensumstände zu schätzen gelernt. Es gibt wohl kaum einen anderen Ort in der Stadt, an dem so viele unterschiedliche Nationen über einen langen Zeitraum unter einem Dach leben.

Aufgrund der großen Entfernung zur Uni verbringe ich unzählige Stunden in Bus, Metro und Tram. In den öffentlichen Verkehrsmitteln läuft einiges anders als in Köln: So heißt es auf den Rolltreppen der Metro "rechts stehen, links gehen." Wer sich nicht daran hält, wird freundlich aber beherzt beiseite geschoben. Außerdem springen junge Menschen in der Tram sofort auf, wenn ein älterer Mensch einsteigt, um ihren Platz anzubieten.

Kürzere Vorlesungen

Wenn ich endlich in der Uni angekommen bin, ist die Vorlesung nach 80 Minuten schon wieder vorbei. Nicht nur, dass die Veranstaltungen hier kürzer sind als in Köln; in Prag bedankt sich der Dozent sogar bei den Studenten für deren Teilnahme. Insgesamt ist der Arbeitsaufwand während des Semesters an der Karlsuniversität größer, da ich sechs Essays schreiben und mehrere Präsentationen halten muss.

Nach der Gasexplosion am 29. April hatte ich ungeplante Ferien und genug Zeit meine Essays zu schreiben: Die Fenster im Gebäude meiner Fakultät sind durch die Erschütterung zu Bruch gegangen, wodurch dieses für einige Tage nicht betretbar war. Am Tag der Explosion war ich zum Glück nicht im Gebäude.

Alle Zweifel vom Anfang sind verflogen und schnell einer Überzeugung gewichen: Dass ich in Prag viel gelernt haben werde, wenn ich am 11.11. wieder auf dem Alter Markt in Köln stehe. 

Unbedingt machen: mit der Tram 22 an den Sehenswürdigkeiten vorbeifahren und einer älteren Person den Sitzplatz anbieten

Unbedingt lassen: zur vollen Stunde den Altstädter Ring überqueren, wenn Massen von Touristen gebannt auf die astronomische Uhr starren