30.07.2016
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Plagiat: Standards statt Politikerjagd

Annette Schavan

Annette Schavan nach ihrem Rücktritt als Wissenschaftsministerin auf dem Weg zum Kanzleramt

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dpa

Professor Markschies, war der Entzug des Doktortitels von Annette Schavan durch die Universität Düsseldorf ein vorschneller Schritt?

Christoph Markschies: Eine einzelne Dissertation muss immer im Verhältnis zu der Kohorte von Arbeiten beurteilt werden, die an gleicher Stelle zur gleichen Zeit erstellt worden sind. Ich plädiere – als Historiker kaum verwunderlich – für eine geschichtliche Einordnung. Ein kleines Heft mit Zitierregeln als vermeintlich abstrakte Orientierung wie im Fall Schavan hilft da nicht weiter. Aber da spreche ich privat, nicht für die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.

Jenseits des Einzelfalls aber sieht die Akademie Handlungsbedarf, was die Beurteilung wissenschaftlicher Arbeiten angeht. Warum?

Markschies: Die Diskussion über Plagiate und Zitierkonventionen – je nach Disziplin unterschiedlich – hat gezeigt, dass wir viel zu wenig wissen, wie sich die Gepflogenheiten im Lauf der Zeit und in den jeweiligen Disziplinen entwickelt haben. Es geht um größere Klarheit darüber, was gemeinsame Standards sind und wo spezifische Unterschiede liegen. Um Beispiele aus meinem eigenen Werdegang zu nennen: Meine akademische Lehrerin hat mir immer vorgehalten, ich brächte zu viele Fußnoten an. Und es galt als Zeichen von Eitelkeit, sich selbst zu zitieren. Heute würde das Weglassen von Belegen eigener Vorarbeiten als „Selbstplagiat“ angekreidet.

Wo wollen Sie jetzt Abhilfe schaffen?

Markschies: Zurzeit prallen zwei Positionen hart aufeinander: Von der einen Seite kommend sagt die konstruktivistische Position: Es hat nie allgemein verbindliche wissenschaftliche Standards gegeben, sondern die Community legt machtpolitisch alle paar Jahre neu fest, was sie für den Standard hält. Dem entgegnet von der anderen Seite die positivistische Sicht: Es haben immer dieselben Gesetze zur Zitation von Quellen gegolten. Wir halten beides für unzutreffend und wollen über diese falsche Alternative hinauskommen.

Können Sie ein Beispiel geben?

Markschies: Eine philosophische Dissertation der 1920er-Jahre kommt praktisch ohne Fußnoten aus. Auch die philosophische Doktorarbeit von Michael Pieper, Rektor der Universität Düsseldorf, enthält nur wenige Fußnoten – und doch sind diese Arbeiten bis heute valide. Das zeigt, dass es den Wandel im Verständnis präzise zu kartographieren gilt.

Viele Akademiker-Kollegen aus Frau Schavans Generation beharren vehement darauf, dass ihnen die heute gültigen Regularien auch schon vor 30 Jahren klar gewesen seien. Was stimmt denn nun?

Markschies: Zunächst muss zwischen Zitat und Paraphrase unterschieden werden. Was die wörtliche Zitation betrifft, so ist nicht zu bestreiten, dass Zahl und Länge der Fußnoten im Laufe der Jahre deutlich gestiegen sind. Der Übergang zu sehr strengen Vorgaben dürfte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert anzusetzen sein. Sie brauchen nur einmal die Arbeiten etwa des Historikers Leopold von Ranke zur Hand zu nehmen, um sich den seither erfolgten Paradigmenwechsel vor Augen zu führen, erst recht im Vergleich zu antiken Schriften. Die zitieren in der Regel nicht einmal den Autor, bei dem sie sich bedienen, würden ihr Vorgehen aber trotzdem für „wahrhaftig“ gehalten haben. Das Erkennen der Quelle ohne expliziten Beleg war in Antike und Mittelalter geradezu ein Sport unter Gebildeten. Bei der Paraphrase als zusammenfassender Wiedergabe war es früher durchaus statthaft, auf eine längere fremde Textpassage mit dem Vermerk „dazu vergleiche grundsätzlich XY“ hinzuweisen. Auch das ginge heute so nicht mehr.

Kann man dann einer einzelnen Arbeit überhaupt gerecht werden, bevor die Ergebnisse Ihrer Forschung vorliegen?

Markschies: Zumindest fehlen wichtige Instrumente für ein Gesamturteil. Warum sollten Arbeiten mit nachlässiger technischer Machart nicht trotzdem von vorzüglicher Qualität sein können? Mein eigener Lehrer Martin etwa, den ich tief bewundere, war ein – sagen wir mal – sehr sorgloser Zitierer. Gab er als Kirchenhistoriker aus einer antiken Schrift „Buch 3, Kapitel 4“ wieder, konnten Sie fast darauf wetten, dass das Zitat eher in „Buch 4, Kapitel 3“ stand. Trotzdem verdanken wir ihm großartige Einsichten in die Geschichte des frühen Christentums. Und niemand käme auf die Idee zu sagen: „Ach Gott, was sind seine Fußnoten so luschig!“, und das zum Maßstab eines Qualitätsurteils zu machen.

Ihr Projekt will auch wissenschaftssoziologisch prüfen, welche Herrschaftsfunktion Zitate haben. Von welcher Annahme gehen Sie aus?

Markschies: Ein Zitat ist nicht nur objektiver Beleg, sondern erfüllt eine bestimmte Funktion im Wissenschaftsbetrieb. Zitation dient dazu, akademische Hierarchien zu stabilisieren – oder zu destabilisieren. Das geschieht nicht immer bewusst, sondern bisweilen unwillkürlich: „Ich zitiere meinen akademischen Lehrer häufiger als dessen Gegner.“ Oder: „Ich suche besonders unfreundliche Zitate bei Autoren, die nicht zu meiner In-group gehören.“ In einer Zeit von Indizes, in der die Häufigkeit von Zitationen über die Vergabe von Forschungsgeldern entscheidet, hat das auch sehr handfeste Folgen. Übrigens auch und gerade für Frauen.

Eine Gender-Dimension beim Zitieren?

Markschies: Da Frauen im Wissenschaftsbetrieb bis heute unterrepräsentiert sind, verfestigen Zitationskartelle von Männern logischerweise dieses Gefälle zulasten von Frauen. All das zeigt: Zitate, Zitierkonventionen und -kartelle haben etwas mit Herrschaft zu tun.

Und die Suche nach Plagiaten etwas mit Politik, wie Sie beklagen?

Markschies: Wundert Sie das? Die meisten Autoren, deren Doktorarbeiten von Plagiatsjägern unter die Lupe genommen wurden, sind doch prominente Parteipolitiker. Indem die Standards und deren Geltung klarer würden, nähme vermutlich auch die Tendenz einer „Politikerjagd“ ab. Auch damit wäre viel gewonnen – für die Politik wie für die Wissenschaft.

Wenn Sie in zweieinhalb Jahren Ihr Projekt abgeschlossen haben werden, kommen die Ergebnisse für Annette Schavan höchstwahrscheinlich zu spät.

Markschies: So ist das bei Langzeitprojekten. Sie können nicht am Wohl und Wehe von Individuen ausgerichtet sein, sondern am Erkenntnisgewinn für das große Ganze. Unser Ziel ist die möglichst professionelle Beurteilung wissenschaftlicher Leistungen. Wenn wir hier noch erheblichen Handlungsbedarf sehen, stehen wir damit gewiss nicht allein.