26.07.2016
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Projekt: Muslime helfen Jugendlichen

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (2. v. r.) bei der Präsentation des Projekts im Polizeipräsidium.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (2. v. r.) bei der Präsentation des Projekts im Polizeipräsidium.

Foto:

Arton Krasniqi

Köln -

Als mitten in der Nacht um drei das Telefon klingelte und ein Jugendlicher Hilfe brauchte, weil sein Vater ihn gerade aus der Wohnung geworfen hatte, wusste Mimoun Berrissoun, dass er alles richtig gemacht hat. „Ich bin noch in der Nacht nach Rodenkirchen gefahren und habe zwischen Vater und Sohn geschlichtet“, sagt der 26-Jährige. „Das hat sich ein bisschen angefühlt, als sei ich die Super Nanny.“

Mimoun Berrissoun studiert Sozialwissenschaften und arbeitet ehrenamtlich als Coach für das Projekt 180-Grad-Wende. Er gehört zu einer Gruppe junger Muslime, die Jugendlichen mit ähnlicher kultureller Prägung Vorbilder sein und sie bei Problemen unterstützen wollen. Sie arbeiten eng mit der Polizei und muslimischen Vereinen zusammen – auch, um einer Radikalisierung junger Muslime entgegenzuwirken und den Zusammenhalt in den Kölner Vierteln zu stärken.

Das Bundesinnenministerium zeichnete das Netzwerk, das vor drei Jahren gegründet wurde, im vergangenen Herbst als „Innovative Projektidee“ aus. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich besuchte die junge Gruppe am Montag im Polizeipräsidium in Kalk. „Radikal wird nur, wer sich selbst nicht wertschätzt“, sagte Friedrich. „Wer selbstbewusst ist, weiß, was er wert ist, und muss sich nicht abgrenzen.“ Das Projekt zeige jungen Menschen: „Egal, woher ihr kommt – ihr werdet gebraucht und könnt die Zukunft mitgestalten.“

Die zehn Coaches – alle sind Studenten oder Referendare – arbeiten in den Vierteln, in denen sie aufgewachsen sind. „Wir wissen, wo die Brennpunkte sind, man kennt uns“, sagte Numan Özer, der in Mülheim lebt. „Wir können den Jugendlichen auf Augenhöhe begegnen und sind glaubwürdig.“ Der 28-jährige Rechtsreferendar wird mittlerweile von Jugendlichen auf der Straße angesprochen, wenn sie Hilfe suchen. Das Projekt versteht sich als Ergänzung der präventiven Jugendarbeit. Die Coaches wollen diejenigen auffangen, die keine Schule besuchen, keiner Arbeit nachgehen oder immer wieder Probleme mit der Polizei haben. „Wir versuchen, ihnen Alternativen aufzuzeigen“, sagt Numan Özer.

Da gab es den Jungen, der in der türkischen Bäckerei seines Vaters arbeiten musste, obwohl er viel lieber seine mittlere Reife gemacht hätte. Ein türkischer Coach sprach mit dem Vater, der Schulleiterin und meldete den Jungen schließlich auf einer Abendrealschule an. „Als er gehört hat, dass er dafür auch noch Bafög bekommt, konnte er sein Glück gar nicht fassen“, sagte Mimoun Berrissoun. Sogenannte Multiplikatoren sollen die Idee des Netzwerks bekanntmachen, diejenigen ansprechen, die keine Perspektiven haben. Inzwischen haben sich mehr als 50 Frauen und Männer zu Vermittlern ausbilden lassen.