28.08.2016
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Rundgang KHM: Im Schneckentempo um die Wette

Marc Fischer und Anke Engelke in „Überlast“ von Dolunay Gördüm.

Marc Fischer und Anke Engelke in „Überlast“ von Dolunay Gördüm.

Foto:

KHM

Köln -

Beim traditionellen Rundgang der Kölner Kunsthochschule für Medien zeigen die Studenten, was sie können und im letzten Jahr gelernt haben. Es ist eine wilde, weitgehend unkuratierte Mischung, die am Filzengraben präsentiert wird, im Grunde eine kleine Kunstmesse für die laue Sommerzeit. Ab Donnerstag und bis Sonntag sind bei freiem Eintritt rund 90 Filme, Kunstwerke und Performances zu sehen. Wir haben schon mal reingezappt.

Vorsicht Farbe!

Man kann Farbtöne zwar nicht patentieren, aber mittlerweile als Teil der eigenen Marke schützen lassen. Rozbeh Asmani hat für seine Bilderserie „Abstract Colourmarks“ 25 farbige Quadrate nebeneinander gehängt, die neben dem berüchtigten Telekom-Magenta gleich drei geschützte Gelbtöne zitieren: Deutsche Post, Langenscheidt und ADAC. So sieht der neue Kapitalistische Realismus aus. Beinahe erscheint Asmanis Werk als logische Weiterentwicklung von Gerhard Richters nach Zufallsprinzip zusammengewürfeltem Domfenster (Atelier 3, Filzengraben 2).

Baselitz oder Belüftung

In ihrem Dokumentarfilm „2000 m² mit Garten“ zeigt Tama Tobias-Macht 40 Minuten lang Ansichten der Marienburger Villa zweier Kunstsammlerinnen. Die sind dabei kaum zu sehen. Die Kunstwerke beleben das Anwesen, die Menschen sind eher Staffage. Tobias-Macht verwendet ausschließlich statische Einstellungen, die Kamera ruht wahlweise auf einem Baselitz oder auf einer Belüftungsanlage, Gespräche verlieren sich im Umgebungslärm wie in einem Jacques-Tati-Film, Musik wird nicht eingesetzt. Mal wähnt sich der Zuschauer in einer Edelausgabe von Stanley Kubricks Overlook-Hotel, mal in einer animierten Candida-Höfer-Fotografie, mal gar in einer Art Sozialneid-Porno. (Aulakino, Freitag, 20 Uhr)

Blaue Flecken

Yasmin Angel porträtiert in ihrer zwanzigminütigen Dokumentation „To be a B-Girl“ die junge Kölner Abiturientin Jilou, die sich seit ihrem 13. Jahr im Jungs-Sport Breakdance behauptet. Ein erhebender Film über Lebensträume – vor allem die zum Teil mit subjektiver Kamera gefilmten Tanzszenen sind spektakulär. (Aulakino, Freitag, 15 Uhr)

Nerven wie Drahtseile

In seinem Kurzfilm „Überlast“ begleitet Dolunay Gördüm einen Fahrstuhlphobiker auf seiner ersten Alleinfahrt in den zwölften Stock. Das geht naturgemäß nicht glatt. Aber Gördüm benötigt weder schwitzende Buchhalter mit gestohlenen Firmengeldern – wie Carl Schenkel in „Abwärts“ – noch mörderische Aufzüge wie Dick Maas in „Fahrstuhl des Grauens“. Ihm genügt ein kleiner, verspielter Junge, um in seinem Beitrag zum Mini-Genre lustvoll Panik zu erzeugen. (Aulakino, Samstag, 18 Uhr)

Zeigt her eure Schuh

Scheinbar gesenkten Hauptes ist Roshanak Zangeneh für ihr Video „Auf dem Boden der Tatsachen“ durch Kairo gegangen. Die Kamera schaut an ihren Beinen herab zu Boden und nimmt Füße, herumliegende Dinge, Straßenpflaster und gelegentlich ausruhende Menschen auf. Man kann dabei an die Rolle der Frau im Islam denken oder an den berühmten Schuhwurf auf den Kreuzzügler George W. Bush. Aber vor allem bleibt die geradezu hypnotische Wirkung der Bilder in Erinnerung, das flimmernde Wechselspiel auf dem auf dem Boden liegenden Monitor. Für zehn Minuten halten auch wir den Kopf gesenkt (Trinitatiskirche, Filzengraben 6).

Eigensinn der Dinge

Eine Styroporscheibe tanzt zwischen zwei Windmaschinen. Die einander gegenüber aufgestellten Gebläse halten sie aufrecht – bis sie doch noch fällt. Steffi Lindner spricht vor ihrer mehrteiligen Videoinstallation „And then nothing turned itself inside-out“ listig vom Eigensinn der Dinge, wenn sie die Schwerkraft meint. Auf einem anderen Bildschirm rollen sich an der Wand befestigte Klebebänder im Schneckentempo um die Wette ab, gleich nebenan kommt es zum großen Knall: Zwei lose an einem Holzgerüst befestigte Tassen stürzen – garantiert, wenn gerade keiner hinschaut – nach scheinbar endlosen Minuten auf zwei Teller und gehen zu Bruch (Trinitatiskirche, Filzengraben 6).

Wohnungstausch

Zwei attraktive Menschen umtanzen sich bis in den Morgen. Dann fragt er: „Zu dir oder zu mir?“ und sie antwortet: „Ich zu dir – und du zu mir.“ Sylvia Borges hat aus diesem spontanen Wohnungstausch ein halbstündiges Fest der Parallelmontage gezaubert. „Zu dir?“ ist toll fotografiert, wunderbar natürlich gespielt und gewinnt seiner simplen Grundidee viele kleine erhellende Geschichten ab über die Schwierigkeit, überhaupt jemanden zu vertrauen. (Aulakino, Samstag, 18 Uhr)

Wölkchenüberwachung

Robert Olawuyi hat eine handelsübliche Gesichtserkennungssoftware auf Wolken am Himmel angesetzt. Und siehe da: Nicht nur der Mensch neigt dazu, das alltägliche Wetterphänomen zu vermenschlichen, sondern auch seine Programme (Stapelhaus, Frankenwerft 35). In einer anderen Arbeit von Olawuyi kann man ebenfalls leicht versinken: In „Fleisch und Blüten“ wiegen sich struppige Pflanzen sanft im Wind, dahinter räkeln sich, kaum erkennbar, nackte Leiber (Trinitatiskirche, Filzengraben 6).