28.08.2016
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Falscher Ehrgeiz: Ab wann Laufen gefährlich wird

Unterstützung bei einem Marathon ist zwar richtig. Aber kein Sportler sollte sich weiter quälen, wenn er nicht mehr kann.

Unterstützung bei einem Marathon ist zwar richtig. Aber kein Sportler sollte sich weiter quälen, wenn er nicht mehr kann.

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dpa-tmn

Wenn in diesen Tagen die Volkslaufsaison beginnt, werden wieder tausende ambitionierte Freizeitsportler auf die Strecken gehen. Sie tun es aus Spaß, um abzunehmen, weil es der Arzt rät oder um einer gesellschaftlichen Norm von Fitness zu entsprechen. Besonders Letzteres birgt vor allem bei Anfängern und Wiedereinsteigern die Gefahr, sich zu überfordern.

Zwar gilt Laufen grundsätzlich als gesundheitsfördernd. Aber: „Sport nur aus Schuldbewusstsein zu machen, ist sehr ungünstig. Teilweise werden die Leute sogar krank, weil sie das Gefühl haben, Sport treiben zu müssen“, sagt Prof. Jens Kleinert, Psychologe an der Deutschen Sporthochschule Köln.

Kopfschmerzen oder Herz-Kreislauf-Kollaps

Die Folgen falschen oder zu exzessiven Laufens können mehr oder weniger stark sein: Langfristige Schäden betreffen eher den Bewegungsapparat, führen also etwa zu Rückenproblemen, erklärt Prof. Thomas Wessinghage, Ärztlicher Direktor dreier Rehakliniken in Bad Wiessee und Ex-Weltklasse-Leichtathlet. Akute Überlastungssymptome seien meist internistischer oder neurologischer Natur, zum Beispiel Orientierungsstörungen, Kopfschmerzen oder Herz-Kreislauf-Kollaps.

Im Extremfall kann es zum Herzinfarkt oder plötzlichen Herztod kommen, wie es bei verschiedenen Marathonveranstaltungen geschehen ist. Wessinghage empfiehlt daher nicht nur Laufanfängern, stets auf die Signale des Körpers zu hören. Man solle die eigene „somatische Intelligenz“ nutzen. Der Körper sage einem, „wann es zu viel ist und wann es vielleicht ein bisschen mehr sein darf“.

Beschwerden nicht herunterspielen

Doch genau da fangen die Probleme an. „Menschen sind es nicht gewohnt, sich physisch zu hinterfragen“, sagt Kleinert. „Wir achten eigentlich nicht besonders auf unseren Körper. Viele Menschen laufen mit der Fokussierung, beispielsweise fünf Kilometer zu schaffen und versuchen nicht, über ihr Körpergefühl nachzudenken.“

Wessinghage rät Freizeitsportlern, anders heranzugehen, als es der moderne Mensch in Zeiten von Budgetplanung und Umsatzzielen oft mache. „Richtig wäre zu sagen: Ich laufe erstmal in einem Wohlfühltempo los und schaue, welche Rückmeldung mein Körper mir gibt.“ Kritisch kann es bei dem werden, was Mediziner Dissimulation nennen: Beschwerden herunterzuspielen und einfach weiterzulaufen. Ignoriere man gar Krankheiten oder Infekte, könne Leib und Leben in Gefahr sein, sagt Wessinghage. „Das ist einfach dumm.“

Auf der Suche nach neuen Zielen

Überfordern würden sich Menschen gerade in Lebensphasen, in denen sie besonders verletzlich sind, zum Beispiel wenn sie sich umorientieren, sagt Kleinert. Das können Jugendliche sein, aber auch Männer oder Frauen um die 40 oder 50, die neue Ziele suchen. In diesen „empfindsamen“ Phasen komme es eher vor, dass man sich äußeren Zwängen unterordne, weil man selbst nicht stabil ist. Wessinghage sieht auch den Mittvierziger gefährdet, der erstmals merke, dass es biologisch ein bisschen abwärtsgehe und der sich dem entgegenstemme.

Ab einem Alter von 35 Jahren oder nach einer Pause von zwei Jahren und mehr sollte man sich vor dem Einstieg sportmedizinisch untersuchen lassen, rät Christian Venter, niedergelassener Sportmediziner in Reutlingen. Eine Untersuchung sei auch wichtig, weil die Fitness von Kindern und Erwachsenen im Schnitt deutlich abnehme. Er rät zu einer umfassenden Anamnese, inklusive dem Abklopfen früherer Beschwerden oder des Familienhintergrunds. „Das kommt in der heutigen Medizin viel zu kurz“, sagt Venter.

Prinzipiell aber ist Bewegung Medizin, betont Venter. Doch ob man zehn Kilometer oder einen Marathon läuft: Einsteiger sollten vor der Teilnahme ein bis zwei Jahre trainieren, empfehlen die Experten. Wichtig dabei: nicht zu viel, nicht zu weit, nicht zu schnell. (dpa)