28.08.2016
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Parfüm-Falle: Wie Allergiker unter Düften leiden

Unsichtbar und doch überall: Duftstoffe in Geschäften sollen unser Kaufverhalten zu beeinflussen.

Unsichtbar und doch überall: Duftstoffe in Geschäften sollen unser Kaufverhalten zu beeinflussen.

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dpa-tmn

Düfte sind unsichtbar und begegnen einem im Alltag überall. Ob es gut oder schlecht riecht entscheidet darüber, ob wir entspannen und bleiben oder lieber schnell flüchten. Das machen sich zunehmend auch Geschäftsleute zunutze und beduften in Läden gezielt ihre Artikel und Verkaufsräume. Eine Praxis, die sehr umstritten ist. „Duftstoffe stehen im Allergieranking nach den Metallen auf Platz zwei. Sie spielen für uns eine große Rolle“, erläutert sagt Prof. Thomas Fuchs von der Uniklinik Göttingen, Vorstandsmitglied im Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA).

Duftstoffe - ob künstlichen oder natürlichen Ursprungs - werden in vielen Bereichen eingesetzt. Wenn Verkaufsstrategen den Geruchssinn ins Visier nehmen, heißt das Neuromarketing. „Grundsätzlich sollen Düfte einen für die Marke charakteristischen Geruchseindruck vermitteln und die positiven Eigenschaften eines Produktes verstärken“, heißt es bei Vertretern der Herstellerfirmen.

Atemprobleme bei Asthmatikern

„Dabei macht man sich zunutze, dass Gerüche besonders gut erinnert werden“, beschreibt der Mediziner Wolfgang Straff vom Umweltbundesamt (UBA) das Vorgehen. Der Duft soll unverwechselbar sein, die eine Filiale einer Modekette genau so riechen wie die andere. „Es werden in der Regel Düfte eingesetzt, die einen angenehm frischen Eindruck schaffen“, sagt Straff. „Dabei kommt es zu einem aerogenen Hautkontakt“, erklärt Fuchs. Die Duftmoleküle berühren nicht nur die Haut, sondern beim Einatmen auch die Schleimhäute der Atemwege. Und das macht dem Allergologen Sorgen: „Je früher und öfter man mit potenziell allergieauslösenden Stoffen in Kontakt kommt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, eine Allergie zu bekommen“, sagt er.

Auch der Deutsche Allergie- und Asthmabund (DAAB) kritisiert die Beduftung von Innenräumen. „Wir bekommen verstärkt Rückmeldung von Betroffenen, dass Duftstoffeinsatz negativ auffällt“, erläutert die Chemikerin Sylvia Pleschka vom DAAB. Das reicht von Beschwerden über Unwohlsein bei den oft sensibel reagierenden Allergikern bis hin zu Berichten über echte Atemprobleme bei Asthmatikern. Pleschka kritisiert am Duftstoffeinsatz vor allem, dass nur sehr wenig darüber bekannt ist: „Es gibt keine Langzeitstudien.“

Unwohlsein, Husten, Kopfschmerzen

Wer an Asthma leidet oder aufgrund von Allergien erfahrungsgemäß empfindlich auf belastete Luft reagiert, dem bleibt nicht viel übrig, als in die saubere Außenluft zu flüchten. Unwohlsein, Husten, Kopfschmerzen und Kreislaufprobleme sind laut Pleschka Anzeichen für einen drohenden Asthmaanfall. Auch bei Allergien muss als erstes saubere Luft her. „Ein handelsüblicher Mundschutz hilft Allergikern nicht“, sagt Fuchs.

Sensible Menschen müssen Geschäfte mit besonders dicker Luft zur Not meiden und zum Beispiel auf deren Onlineshops ausweichen. Denn rechtlich ist dem Duftstoffeinsatz in Geschäften kaum eine Grenze gesetzt. Während es für Lebensmittel, Kosmetika und auch für die Beduftung von Spielzeug Richtlinien gibt, kann in Innenräumen unkontrolliert versprüht werden, was nicht giftig ist.

Duftstoffen permanent ausgesetzt

„Wir fordern einen Verzicht auf den Einsatz von Duftstoffen“, sagt Pleschka. Solange das nicht durchsetzbar ist, sollte es nach Ansicht des DAAB für Innenräume zumindest eine Hinweispflicht geben. Bei einer Umfrage aus dem Jahr 2009 zeigte sich, dass das kaum ein Geschäft tut: Von 132 waren es ganze 2, die per Aushang auf den künstlichen Geruch hinwiesen.

Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz (BAuA) in Dortmund befürwortet laut ihrem Sprecher Jörg Feldmann den Dufteinsatz nicht. Die Sorge gilt den Angestellten, die den Duftstoffen permanent ausgesetzt sind. „Das ist ein Riesenexperiment“, sagt auch Allergologe Fuchs. Er kennt Allergieprobleme durch Duftstoffe zum Beispiel bei Friseurinnen oder Kosmetikern, bei denen im Extremfall der Beruf aufgegeben werden muss. (dpa)