26.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Tag der Rückengesundheit: Haben Sie auch Rücken?
14. March 2013
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Tag der Rückengesundheit: Haben Sie auch Rücken?

Wissen tut weh: Eine deformierte Wirbelsäule muss nicht zu Problemen führen, sehen Patienten jedoch Veränderungen auf Röntgenbildern, kann dies schon zu chronischen Schmerzen führen.

Wissen tut weh: Eine deformierte Wirbelsäule muss nicht zu Problemen führen, sehen Patienten jedoch Veränderungen auf Röntgenbildern, kann dies schon zu chronischen Schmerzen führen.

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Es ist alles längst bekannt: dass viel zu vielen Patienten mit chronischem Rückenschmerz eine Operation empfohlen wird (jedem sechsten). Dass dann auch viel zu oft am Rücken operiert wird (und sechs von sieben Operationen gegen Rückenbeschwerden überflüssig sein sollen). Dass die Operationen sehr oft nicht helfen. Dass Patienten mit Rückenschmerzen viel zu oft in den Computer- oder Kernspintomographen (in die Röhre) geschoben werden. Dass sie zu häufig Spritzen bekommen. Und so weiter.

Wo liegt die Ursache?

Dass es vor allem am Rücken so häufig schiefläuft, hat viele Gründe: Unkenntnis, finanzielle Interessen, juristische Sicherheit – aber auch fordernde Patienten. Was soll ein Arzt etwa im hausärztlichen Notdienst tun, wenn ein chronischer Rückenpatient von ihm seine Spritze fordert? Wohlgemerkt: nicht „eine“, sondern „seine“ Spritze. Eine Formulierung, die zeigt, dass der Patient eben diese, „seine“ Spritze sehr gut kennt – einfach, weil er sie regelmäßig bekommt. Aber eine regelmäßige Schmerzspritze bei „Rücken“ kommt einem ärztlichen Kunstfehler schon sehr nahe. So wie die Bildgebung, sei es als Röntgenaufnahme, im CT oder Kernspin, die oft auch weniger medizinisch motiviert ist, sondern als juristische Absicherung und vertrauensbildende Maßnahme: Der Patient fühlt sich in seinen Schmerzen von seinem Arzt ernst genommen, wenn der „nur zur Sicherheit“ eine Aufnahme machen lässt. Und so werden unzählige Bilder der Wirbelsäule gemacht, vorgeblich um die Ursache der Rückenschmerzen zu finden.

Viele Röntgenbilder sind sinnlos

Das Problem ist nur: Man findet die Ursache nicht. Oder präziser: Man findet zwar sehr oft Veränderungen an Wirbelsäule oder Bandscheiben, die haben aber zumeist nichts mit den Beschwerden zu tun. Umgekehrt haben Patienten mit stärksten Rückenschmerzen oft keinerlei sichtbare Veränderungen im Röntgenbild. Einen ursächlichen Zusammenhang zwischen anatomischen Veränderungen und Beschwerden gibt es nur selten. Entsprechend sinnlos ist die Bilderwut. Und teuer. Aber nicht nur das: Sie ist gefährlich, auch jenseits der Strahlenbelastung. Denn knöcherne Veränderungen, die unterbewusst als Ursache der Schmerzen begriffen werden, können einen verhängnisvollen Kreislauf auslösen: Allein durch die Erwartung, dass eine solche Veränderung extrem wehtun muss, tut sie auch weh – die Schmerzen werden chronisch. Oder in den Worten eines Schmerztherapeuten: Der Grad der Chronifizierung ist proportional zu der Menge von Röntgenbildern, die der Patient mitbringt.

Wann also sind Röntgen oder Operationen sinnvoll? Die (unverbindlichen) Leitlinien sind eindeutig: Wenn Lähmungen vorliegen oder Taubheit, Blasen- oder Darmstörungen, dann ist der Rückenschmerz ein Notfall, muss notfallmäßig diagnostiziert und unter Umständen auch operiert werden. Sonst ist eine konservative Behandlung meist sinnvoller. Mit konsequentem Einsatz von Schmerzmitteln. Mit psychotherapeutischer Unterstützung. Vor allem aber: mit Bewegung. Die nämlich ist der entscheidende Punkt gegen den Schmerz.

Rückkehr ins normale Leben

Am Anfang einer guten Rückenschmerzbehandlung sollte der Therapeut versuchen, den Patienten zu seiner normalen Aktivität, möglichst in seinem Beruf, zurückkehren zu lassen. Das geht oft nur mit ausreichenden Schmerzmitteln. Die Rückkehr ins normale Leben ist aber entscheidend. Denn Schonung ist Gift für den Rücken, Bettruhe die Wurzel oft lebenslanger chronischer Schmerzen. Bewegung ist wichtig, aber wie?

Die besten Berater von Rückenschmerzpatienten sind gute Krankengymnasten – heute nennt man sie moderner Physiotherapeuten. Sie kennen sich am besten mit dem Rücken aus, mit Verspannungen, mit Schmerzen. Und sie können den schmerzgeplagten Patienten am ehesten vor Bewegungen warnen, die Schmerzen auslösen. Und ihnen Bewegungen zeigen, die schmerzneutral sind. Sie können dem Patienten beibringen, wie er morgens am besten aus dem Bett kommt, wie er sich wäscht, bewegt, arbeitet. Sie können ein schmerzlinderndes Rückenaufbautraining empfehlen. Denn eine kräftige Rückenmuskulatur ist wichtig, um den Kreislauf von Schmerz, Verspannung und weiteren Schmerzen zu durchbrechen.

Krankengymnastik als Investition

Allerdings setzt eine Behandlung beim Krankengymnasten erst einmal einen Besuch beim Arzt voraus: Der sollte dann ein Rezept für die Weiterbehandlung ausstellen. Aber auch wenn die Zahl der Rezepte und damit die Menge der Behandlungen nicht ausreichen, kann man sich – auf eigene Rechnung – intensiver behandeln lassen: Eine befreundete Krankengymnastin spricht von 20 Euro für eine halbe Stunde. Das mag zunächst ungerecht klingen, immerhin ist man ja versichert. Aber wenn ein guter Krankengymnast es schafft, in wenigen Sitzungen einen Rückenschmerz zu durchbrechen und ein normales Leben zu ermöglichen, dann ist das sicherlich die beste Investition, die denkbar ist.

Zweite Meinung vor OP wichtig

Zwei Dinge sollte man beachten: Wer sich, getrieben durch seinen Arzt, zu einer Operation gegen chronischen Rückenschmerz entschlossen hat, sollte auf jeden Fall vor dem Eingriff die Meinung eines zweiten Fachmannes einholen. Möglicherweise rät der von der Operation ab. Und selbst wenn nicht, ist mittlerweile ein bisschen Zeit vergangen – genug möglicherweise für die Spontanheilung der Rückenschmerzen. In neun von zehn Fällen gehen die Schmerzen nämlich innerhalb von wenigen Wochen von selbst zurück.


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