26.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Ernährung: Gentechnik auf der Gabel
21. August 2014
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Ernährung: Gentechnik auf der Gabel

Gentechnisch veränderter Mais ist nichts Neues mehr - aber wie gefährlich ist die Manipulation der DNA von Lebensmitteln?

Gentechnisch veränderter Mais ist nichts Neues mehr - aber wie gefährlich ist die Manipulation der DNA von Lebensmitteln?

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Complize/Photocase

Wenn es stimmt, dass Worte viel Macht haben, dann ist „Genfood“ ein mächtiges Wort. Es klingt bedrohlich, krankmachend, alarmierend. Nach etwas, das man auf gar keinen Fall kaufen – geschweige denn essen – möchte. Aber was bedeutet es eigentlich?

Eigentlich ist Genfood einfach nur Essen, das DNA enthält, genetische Erbsubstanz. Wie jede Tomate, jedes Maiskorn und jedes Stück Geflügel auf der Welt. Wenn wir Genfood sagen, meinen wir aber tatsächlich Essen, dessen Erbgut gentechnisch verändert wurde. In dessen DNA gezielt ein oder mehrere fremde Gene eingebaut wurden. Möglicherweise ist unsere Reaktion auf dieses Wort symptomatisch für eine diffuse Angst, die die meisten Menschen haben. Nicht nur vor Gentechnik, vor allem, was wir nicht richtig verstehen und dessen Folgen wir nicht abschätzen können. Besonders aber vor der Gentechnik, weil wir wissen, dass sie in unser Innerstes eingreifen und die Natur grundlegend verändern kann.

Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, sagte neulich bei einer Konferenz zum Thema Lebensmittelsicherheit, dass die meisten Verbraucher sich vor gentechnisch veränderten Lebensmitteln und vor Rückständen von Pflanzenschutzmitteln fürchten. Dabei sei daran noch niemand gestorben. Viel höher sei beispielsweise das Risiko, an den Folgen einer Lebensmittelvergiftung zu sterben – die man vielleicht selbst hätte verhindern können, wenn man für eine gute Küchenhygiene gesorgt hätte.

Das bedeutet nicht, dass es falsch wäre, sich Sorgen über Gentechnik zu machen. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen und sich zu fragen: Wie gefährlich ist Grüne – also auf Pflanzen bezogene – Gentechnik eigentlich wirklich? Denn: Auch wenn der Anbau genmanipulierter Pflanzen in Deutschland verboten ist: Gentechnik spielt in unserem Leben bereits eine große Rolle. Und die könnte noch wachsen, wenn das Freihandelsabkommen der EU mit den USA (TTIP) in Kraft tritt.

Wofür wird Grüne Gentechnik verwendet?

Mehr als die Hälfte aller transgenen Pflanzen, die heute angebaut werden, ist resistent gegen Unkrautvernichtungsmittel oder Schädlinge. 16 Prozent der Pflanzen sind immun gegen Schädlinge und 27 Prozent gegen beides. Herbizidresistente Pflanzen überleben im Gegensatz zu allen anderen die Behandlung mit Unkrautvernichtungsmitteln. Im Falle von gentechnisch verändertem Mais sind Gene eines Bodenbakteriums in das Erbgut integriert worden, weshalb er ein Gift produziert, das die Raupe des Maiszünslers abtötet, wenn sie von ihm frisst. Für uns Menschen gilt das Gift als harmlos. Mehr Gewinn und weniger Arbeit für die Bauern – das ist der Nutzen solcher Pflanzen.

Nutzen ja, aber bitte ohne Gentechnik, sagen dagegen Kritiker. „Schädlingsbekämpfung geht doch auch ganz anders“, sagt zum Beispiel Dirk Zimmermann, Gentechnik-Experte bei Greenpeace. „Zum Beispiel, indem man nicht Monokulturen von Mais anbaut, sondern mit Kulturmaßnahmen dem Schädlingsbefall vorbeugt. Der genmanipulierte Mais unterstellt ja schon den Angriff eines Schädlings. Das ist ja so, als würde ich permanent ein Antibiotikum schlucken, weil ich mich eventuell kratzen könnte.“ Es gibt aber auch Argumente, die den Anbau solcher Pflanzen aus Verbrauchersicht rechtfertigen: Ist eine Pflanze von sich aus resistent gegen Schädlinge, muss kein Schädlingsgift ausgebracht werden – das unter Umständen auch für die Anwohner schädlich sein kann. In Ländern wie Argentinien, wo solche Gifte großflächig mit dem Flugzeug versprüht werden, können das sogar weite Gebiete sein, die belastet sind.

Hunger langfristig stillen

Es gab auch eine gentechnisch veränderte Tomate, die länger frisch und haltbar blieb. In den USA angebaut und verkauft, wurde sie von den Verbrauchern jedoch nicht angenommen. Vieles ist technisch aber noch gar nicht möglich. Ein ehrgeiziges Ziel vieler Wissenschaftler ist es, biotechnologische Verfahren zu entwickeln, die den Hunger der Weltbevölkerung langfristig stillen sollen. Einer von ihnen ist Andreas Weber, Leiter des Instituts für Biochemie der Pflanzen an der Universität Düsseldorf und einer der Initiatoren des Exzellenzclusters Ceplas der Universitäten Düsseldorf und Köln, des Max-Planck-Instituts für Pflanzenzüchtungsforschung und des Forschungszentrums Jülich.

Er und seine Kollegen arbeiten daran, Pflanzen auch mithilfe von Grüner Gentechnik ertragreicher zu machen. „Momentan produzieren wir weltweit pro Tag und Person etwa 2800 Kalorien“, rechnet Weber vor. Bereits eingerechnet seien die Kalorien, die bei der Produktion von Fleisch, Milch und Eiern in der Tierzucht verloren gehen. Das sind für die Herstellung von einem Kilo Rindfleisch etwa zehn Kilo Pflanzenkalorien. „Davon kann man gut leben. Weil aber der Fleischkonsum auch in den Schwellenländern dramatisch zunimmt und unsere Weltbevölkerung rasant wächst, werden wir bald nur noch 2100 Kalorien pro Person und Tag produzieren können. Und das reicht nicht mal mehr für den Grundumsatz.“ Hinzu kommt, dass Mais mittlerweile auch zur Herstellung von Biogas verwendet wird. Weber und seine Kollegen arbeiten deshalb daran, Pflanzen widerstandsfähiger gegen unwirtliche Umweltbedingungen zu machen und den Ertrag zu steigern. Zum Beispiel soll die Photosyntheserate bei Pflanzen gesteigert werden, damit sie besser wachsen.

Alternative Methoden

Dirk Zimmermann hält das nicht für den richtigen Weg: „Ertrag ist eine unglaublich komplexe Eigenschaft, die sich durch die Manipulation eines einzelnen Gens gar nicht beeinflussen lässt. Stattdessen solle man auf erprobte alternative Methoden wie etwa den Fruchtwechsel oder Mischkulturen zurückgreifen.“ Und das System hinterfragen, mit dem zuerst mithilfe intensiver Landwirtschaft zu viel produziert und der Überschuss dann ins Ausland verkauft wird, wo er Märkte kaputt mache. Andreas Weber hält dagegen: „Wir werden unseren heutigen Ertrag um das zweifache erhöhen müssen. Es gibt bisher in der Geschichte der Menschheit kein Beispiel dafür, dass eine derartige Steigerung der Ertragszunahme über einen solchen Zeitraum jemals geschafft worden wäre.“

Eine erst kürzlich im Wissenschaftsmagazin Science vorgestellte Studie zeigt zwar, dass die nötige Steigerung der Ertragszunahme erreichbar wäre: Würden wir unserem Vieh kein Soja und Getreide mehr zu fressen geben, sondern diese Feldfrüchte selbst als Lebensmittel verwenden, könnten pro Jahr 413 Millionen mehr Menschen satt werden. Das würde natürlich bedeuten, dass die Kühe wieder auf die Weide müssen, um Gras zu fressen, und wir Menschen weniger Fleisch zu uns nehmen dürften. „Es bräuchte eine Weltregierung, um die vorgeschlagenen Änderungen tatsächlich durchzuführen“, sagt Andreas Weber. „Bevor ich darauf warte, forsche ich lieber weiter.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite alles über das Risiko von GV-Pflanzen.

Wie wird etwas gentechnisch verändert?

Was Wissenschaftler im Labor tun, passiert in der Natur ständig: Gene mutieren oder tauschen sich aus und bringen dabei mitunter eine neue Eigenschaft zum Vorschein. Nur passiert das in der Natur nicht zielgerichtet und es braucht eine sehr lange Zeit, bis sich so eine neue Eigenschaft entwickelt, die dem Organismus nützt – oder auch schadet. Im Labor beschleunigen die Wissenschaftler die Evolution, provozieren etwa mithilfe radioaktiver Strahlung Mutationen oder greifen gezielt ins Erbgut ein, indem sie Gene isolieren und verpflanzen. Schon lange versuchen Menschen, Pflanzen und deren Ertrag durch Züchtungen zu verbessern. Die Grüne Gentechnik hat das selbe Ziel, aber andere Methoden. Mit der herkömmlichen Pflanzenzüchtung ist es nicht möglich, das Erbgut völlig verschiedener Arten miteinander zu vereinen. Mithilfe von Gentechnik dagegen lässt sich auch die DNA fremder Organismen in die einer Pflanze integrieren.

Dazu nutzen Wissenschaftler häufig einen Mechanismus, der auch in der Natur vorkommt: Ein bestimmtes Gen wird in den DNA-Ring einer Bakterien- DNA eingeschleust. Der funktioniert nun als Taxi und bringt das neue Gen in die Pflanze ein.

Essen wir bereits gentechnisch veränderte Lebensmittel?

Einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung zufolge antworteten 53 Prozent der befragten Deutschen auf die Frage „Würden Sie gentechnisch veränderte Lebensmittel kaufen?“ ganz klar mit „Nein, unter keinen Umständen“. Damit hat die Zahl der Gentechnikverweigerer zugenommen: 2004 beantworteten nur 44 Prozent die Frage mit einem konsequenten Nein. Die meisten Deutschen wollen keine Gentechnik auf dem Teller. Wohl auch deshalb gibt es in Deutschland bislang kein erbgutverändertes Gemüse in den Supermärkten. Und doch ist die Gentechnik schon längst bei uns angekommen.

Auf zurzeit rund 175 Millionen Hektar Fläche werden weltweit gentechnisch veränderte Pflanzen (kurz: GV-Pflanzen) angebaut. Spitzenreiter sind mit rund 40 Prozent die USA mit einer Fläche von rund 70 Hektar. Gentechnisch veränderte Pflanzen sind vor allem Soja mit 48 Prozent weltweit, Mais mit 33, Baumwolle mit 14 und Raps mit 5 Prozent. Der weltweite Anteil an transgenen Pflanzen beträgt 3,5 Prozent. In Deutschland darf derzeit zwar keine gentechnisch veränderte Pflanze angebaut werden. Trotzdem gelangen GV-Mais und GV-Soja zu uns: In der konventionellen Tierhaltung werden sie an Masttiere verfüttert. In Argentinien stammen fast 100 Prozent des angebauten Sojas aus genmanipulierten Pflanzen. Er wird auch von Nutztieren in der EU gefressen.

Außerdem befindet sich importierter genmanipulierter Soja und Mais in vielen Produkten, die es bei uns zu kaufen gibt, und unser Käse wird meist nicht mehr mit echtem Kälberlab, sondern mit genmanipulierten Enzymen hergestellt. Übrigens tragen wir alle mit hoher Wahrscheinlichkeit gentechnisch veränderte Pflanzen auf der Haut: 81 Prozent der weltweit angebauten Baumwolle ist transgen. Bald könnte zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder eine GV-Pflanze bei uns angebaut werden: Der Mais 1507 steht kurz vor der Zulassung auf dem Europäischen Markt – auch, weil Deutschland sich bei der Abstimmung enthalten hat, nachdem sich SPD und CDU nicht einigen konnten.

Was ist eigentlich das Risiko, das von GV-Pflanzen ausgeht?

Andreas Weber antwortet auf diese Frage nach „bestem Wissen und Gewissen: Es ist keines, das uns Menschen direkt betrifft.“ Davor, dass unser eigenes Erbgut durch den Verzehr gentechnisch veränderter Lebensmittel verändert wird, muss sich niemand fürchten. Schließlich wird die transgene DNA gemeinsam mit den anderen Bestandteilen der Nahrung im Magen zersetzt. Mögliche Allergien und sogar eine Steigerung des Krebsrisikos stehen im Raum – allerdings gibt es keine ernstzunehmenden Studien, die das belegen. Unmittelbare gesundheitliche Folgen hat der Verzehr gentechnisch veränderter Lebensmittel für uns nicht. Das Toxin der schädlingsresistenten Pflanzen ist für Menschen ungiftig.

„Uns geht es nicht nur um die Lebensmittel“, sagt Gentechnik-Experte Zimmermann. „Wir sehen ganz große Risiken im Anbau.“ Das Gift in den GV-Pflanzen tötet nämlich nicht nur die Raupen der Schädlinge, sondern könnte unter Umständen auch anderen Schmetterlingen und Bienen gefährlich werden, die mit dem Pollen oder anderen Teilen des Maises in Kontakt geraten. Aus diesem Grund ist der Anbau des Maises MON 810 seit 2009 in Deutschland verboten. Fest steht: Ist das gentechnisch veränderte Erbgut der Pflanzen einmal auf den Feldern gewachsen, kann es sich verbreiten. Mindestens 150 Meter Abstand müssen deshalb zwischen einem Feld mit Gen-Pflanzen und einem mit konventionellen Pflanzen eingehalten werden. 300 Meter sind es sogar, wenn ein Feld mit ökologischem Anbau danebenliegt.

Kritikern reicht das nicht, da Pollen vom Wind auch weiter weggetragen werden können und es so zu Kreuzungen kommen kann. „Wir haben es mit einer Technik zu tun, die wir immer noch nicht verstanden haben“, sagt Dirk Zimmermann. „Einer Technik, die wir, einmal in die Umwelt losgelassen, nicht mehr zurückholen können.“ Deshalb müssen Pflanzen, an deren Erbgut zu Forschungszwecken experimentiert wurde, vernichtet werden. „Wir haben ganz große Wissenslücken, die uns gar nicht erlauben, die Sicherheit von gentechnisch verändertem Mais wirklich zu bewerten“, sagt Zimmermann in Hinblick auf die bevorstehende Zulassung des GV-Maises 1507.

Baumwolle

Andreas Weber sieht ein anderes Problem: Der Vorteil der Herbizid- und Schädlingsresistenten Pflanzen auf den Feldern lässt heute, nach zehn bis 15 Jahren Einsatz, langsam nach. Der Grund: „Wenn Baumwolle ein Gift gegen die Raupe der Baumwolleule bildet, wird der Falter damit unter einen Selektionsdruck gesetzt und es können sich Resistenzen gegen das Gift ausbreiten. Das ist Evolution.“ Das heißt: Wenn die auf Baumwolle spezialisierte Raupe nicht mehr von der gentechnisch veränderten Baumwolle fressen kann, ohne daran zu sterben, bekommen die Raupen, die zufällig aufgrund einer spontanen Veränderung im Erbgut eine Resistenz gegen das Gift entwickelt haben, einen Vorteil gegenüber den anderen Tieren. Sie überleben und können sich vermehren – und damit auch die Resistenz.

Als Folge dessen müssen wieder Pestizide eingesetzt werden, sogar mehr als vorher. Ähnlich ist es bei den Pflanzen, die resistent gegen ein Unkrautvernichtungsmittel gemacht wurden. Weil sie immer mit demselben Mittel gespritzt wurden, das von den Konzernen gemeinsam mit den resistenten Pflanzen vertrieben wird, hat sich beim Unkraut ebenfalls eine Resistenz gebildet – es nimmt überhand. In den USA ist das Problem bereits bekannt. Um die Verbreitung von Resistenzen zu verhindern, waren die Bauern von den Produzenten angehalten, fünf bis zehn Prozent ihres Ackerlandes mit nicht gentechnisch veränderter Baumwolle zu bepflanzen. Daran haben sich jedoch nur wenige auch gehalten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite über potenzielleGentechnik in Deutschland und Alternativen

Warum also nicht lieber gleich biologisch anbauen?

„Weil die meisten Leute für ein T-Shirt eben nur fünf Euro bezahlen wollen und nicht acht“, sagt Andreas Weber. „In einer idealen Welt, in der jeder bereit ist, das zu zahlen, was es tatsächlich kostet, bräuchten wir das alles nicht“, sagt er, und fügt hinzu: „Die Welt ist aber nicht ideal.“ Weber und seine Kollegen bemühen sich deshalb um Aufklärung in der Bevölkerung. Sein Kollege Peter Westhoff hielt in Düsseldorf eine Vortragsreihe zum Thema Gentechnik. Auch Lehrerfortbildungen geben sie regelmäßig. „Wir bekommen eigentlich viel positives Feedback“, sagt er. „Viele Menschen sagen uns: Wenn uns das vorher mal jemand erklärt hätte, dann hätten wir ganz anders darüber gedacht.“ Er verstehe, dass viele Menschen der Gentechnik skeptisch gegenüberstünden, betont Weber: „Es ist eine Technologie, und eine risikofreie Technologie gibt es nicht.“ Allerdings sei das Leben an sich nicht risikofrei. „Ich steige in ein Flugzeug und gehe das Risiko ein, damit abzustürzen. Weil ich aber an einem grauen Novembertag in die Sonne fliegen möchte, gehe ich dieses Risiko ein.“

Bei der Gentechnik sei für die meisten Menschen dagegen kein direkter Nutzen sichtbar. „Das Problem der wachsenden Weltbevölkerung hat man nicht auf dem Radar, wenn man im Luxus und Überschuss lebt wie bei uns.“ Man habe nur dieses ungute Gefühl im Kopf: Was bekomme ich eigentlich, wenn ich dieses Risiko eingehe? Es gibt durchaus konkrete Nutzen, die auch wir in Wohlstandsländern von gentechnisch veränderten Pflanzen hätten. Beispielsweise könnten Allergene aus Pflanzen eliminiert werden – das Wissen dafür ist da. Und das Risiko für einen Erdnussallergiker, an einem anaphylaktischen Schock zu sterben ist größer, als einen Schaden durch gentechnisch veränderte Pflanzen davonzutragen.

Offenbar sind die Deutschen dann eher bereit, gentechnisch veränderte Pflanzen zu akzeptieren, wenn diese einen gesundheitlichen Nutzen versprechen: Einer im Juni veröffentlichten Umfrage des Vereins „Forum Grüne Vernunft“ zufolge befürworten 47 Prozent der Deutschen die Zulassung von Goldenem Reis. Die Pflanze ist gentechnisch so verändert worden, dass der eigentlich nährstoffarme Reis Provitamin A enthält. Rund 250 Millionen Kinder weltweit leiden an Vitamin-A-Mangel, der zu Erblindung und schlimmstenfalls zum Tod führen kann. Und zwar besonders in Dritte-Welt-Ländern, wo Reis das Hauptnahrungsmittel ist. Allerdings bezieht sich die Umfrage nicht auf die Gentechnik im Allgemeinen. Von einem „Stimmungswandel“, wie der Pro-Gentechnik-Verein ihn feiert, kann also keine Rede sein.

Könnte das bevorstehende Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen Europa und den USA der Gentechnik in Deutschland Tür und Tor öffnen?

Der Mensch, sagt Weber, könne doch selbst entscheiden, ob er Dinge kauft, die gentechnisch verändert sind. Er entscheide mit seiner Kaufkraft, was auf dem Markt Bestand hat. Nur – gilt das auch, wenn die EU und die USA über ein Abkommen verhandeln, das beiden enorme wirtschaftliche Vorteile bringen könnte – wenn die EU ihre Richtlinien in Bezug auf Lebensmittelproduktion lockern würde? Und wenn am Ende möglicherweise gar nicht mehr ersichtlich ist, was gentechnikfrei ist und was nicht? Tatsache ist: In den USA ist der Anbau und Verzehr gentechnisch veränderter Pflanzen und Tiere längst Alltag. Eine Kennzeichnungspflicht gibt es nicht. Sogar Fleisch von geklonten Tieren ist seit 2009 zum Verkauf freigegeben. Ein Produkt wird dort verboten, wenn nachgewiesen wird, dass es schädlich ist. In Europa muss der Hersteller bereits vor Einführung des Produktes beweisen, dass es unschädlich ist.

Nun, da das Freihandelsabkommen zwischen EU und den USA möglicherweise bevorsteht, fürchten Verbraucherschützer in Deutschland, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel auch hier selbstverständlich werden – gegen den Willen der Bürger. Denn die USA haben natürlich ein Interesse daran, ihre Produkte hier abzusetzen, für die ganz andere Richtwerte gelten als für unsere Lebensmittel. Um ein Produkt hier vermarkten zu können, müssen also die Richtlinien angeglichen werden. „Die amerikanische Agrar-Lobby will den Export von US-Produkten nach Europa ausweiten und unsere Regelungen für Gentechnikzulassungen sind ihnen dabei ein Dorn im Auge“, sagt Jürgen Knirsch, Handelsexperte bei Greenpeace. „Das Freihandelsabkommen soll dazu genutzt werden, sie zu Fall zu bringen.“

Gültiges EU-Recht

Das gültige EU-Recht schreibt vor, dass Lebensmittel gekennzeichnet werden müssen, wenn sie pro Inhaltsstoff „zufällige oder technisch unvermeidbare“ Spuren gentechnisch veränderter Organismen von mehr als 0,9 Prozent enthalten. Werden bewusst GV-Organismen verwendet, muss in der Zutatenliste zum Beispiel „enthält genetisch veränderte Organismen“ stehen. Für Deutschland ist der Abbau von Handelsbarrieren wirtschaftlich ein Vorteil – und eine Lockerung der Regelungen möglicherweise ein vergleichsweise kleines Übel.

Das Abkommen würde die Rechte der Industrie gegenüber dem Staat stärken. Kommt es zustande, gibt es in unseren Supermarktregalen womöglich bald nicht gekennzeichnete, gentechnisch veränderte Lebensmittel. Zwar wird vonseiten der EU immer wieder betont, dass an unseren Standards nicht gerüttelt werde. Doch Jürgen Knirsch bezweifelt das: „Das liegt an der Art und Weise, wie verhandelt wird: Es werden ja alle Aspekte des Freihandelsabkommens parallel verhandelt und dann zu einem Zeitpunkt abgeschlossen. Und am Ende konkurriert vielleicht die Frage nach den Gentechnikzulassungen mit der Frage nach dem Autoexport. Dann ist die Frage, wer die größte Lobby ist. Und bisher sieht es so aus, dass die Lobby für Verbraucher- und Naturschutz eher die kleinere ist.“ Eine Tendenz zeichnet sich bereits ab: Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kanada, CETA, gilt als Barometer für TTIP und ist in Teilen bereits veröffentlicht worden. Darin heißt es, dass man bei Schwellenwerten für Gentechnik-Verunreinigungen international kooperieren wolle.

Gibt es Alternativen zur Gentechnik?

Die gibt es. Die gab es schon, bevor der Mensch begonnen hat, Organismen gentechnisch zu verändern. Erwünschte Eigenschaften kann man schließlich auch durch Zucht erzeugen – nur weniger gezielt. „Wir haben große Fortschritte gemacht in der genetischen Grundlagenforschung und können diese Erkenntnisse sehr gezielt nutzen, um Pflanzen zu züchten, die all das können, was die Gentechnik sich erhofft, aber nie hinbekommen hat“, sagt Dirk Zimmermann. „Das sehen wir durchaus als Möglichkeit.“ Dabei spielt Biotechnologie ebenfalls eine Rolle, allerdings wird das Erbgut nicht verändert. Vielmehr gelangt man durch eine gentechnische Untersuchung zu der Erkenntnis, ob eine Pflanze eine bestimmte erwünschte Eigenschaft besitzt. So kann man herausfinden, welche Elternpflanzen sich zur Zucht eignen.

Auch Andreas Weber forscht an dieser Möglichkeit der Selektion von Genomen: „Man versteht die Genome und die durch die Genome bestimmten Eigenschaften schon so gut, um vorhersagen zu können: Wenn ich Eltern 1 und Eltern 2 zusammenbringe, kriege ich besonders große Maiskolben, wenn ich Eltern 3 und Eltern 4 kombiniere, besonders gute Resistenzen.“ Weber und seine Kollegen gehen noch einen Schritt weiter und beschäftigen sich außerdem mit „Genome Editing“, dem Umschreiben von Genomen. Dem zugrunde liegt die Beobachtung, dass ein Bakterium erkennt, wenn ein Virus seine Gene in die Bakterien-DNA einschleusen will. Das Virus will das Bakterium damit umprogrammieren und es dazu bringen, statt eines neuen Bakteriums einen Virus zu produzieren. Das Bakterium findet die manipulierten Stellen mithilfe sogenannter „Guide-RNAs“ und schickt nun ein Restriktionsenzym los, um die DNA zu zerschneiden und das fremde Genom zu zerstören.

„Man weiß, wie man über „Guide RNAs“ Restriktionsenzyme zu bestimmten DNA-Stellen dirigieren kann“, erklärt Weber. Ein Forscher kann also die DNA an einer bestimmten Stelle schneiden lassen. Die Zelle ist nun darum bemüht, die Stelle schnell wieder zu reparieren. „Bei der Reparatur können dann Mutationen entstehen, die genau das sind, was ich haben möchte“, erklärt Weber. Diese Methode könne so eingesetzt werden, dass der resultierende Organismus nach heutigem Gentechnikgesetz als gentechnikfrei eingestuft werden müsste. Greenpeace-Experte Zimmermann sieht das allerdings anders: „Genome Editing ist Gentechnik, auch wenn gerne das Gegenteil behauptet wird“, protestiert er. „Der Eingriff ist ebenso tief wie bei konventioneller Gentechnik, die Risiken sind die gleichen und die Möglichkeiten ähnlich limitiert wie bei anderen gentechnischen Methoden.“

Gentechnik bleibt umstritten. Die Meinungen der Experten gehen weit auseinander. Für uns Verbraucher bedeutet das vermutlich: Sorgen sind berechtigt, Angst unnötig.

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