28.07.2016
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Ernährung: Gentechnik auf der Gabel

Gentechnisch veränderter Mais ist nichts Neues mehr - aber wie gefährlich ist die Manipulation der DNA von Lebensmitteln?

Gentechnisch veränderter Mais ist nichts Neues mehr - aber wie gefährlich ist die Manipulation der DNA von Lebensmitteln?

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Complize/Photocase

Wenn es stimmt, dass Worte viel Macht haben, dann ist „Genfood“ ein mächtiges Wort. Es klingt bedrohlich, krankmachend, alarmierend. Nach etwas, das man auf gar keinen Fall kaufen – geschweige denn essen – möchte. Aber was bedeutet es eigentlich?

Eigentlich ist Genfood einfach nur Essen, das DNA enthält, genetische Erbsubstanz. Wie jede Tomate, jedes Maiskorn und jedes Stück Geflügel auf der Welt. Wenn wir Genfood sagen, meinen wir aber tatsächlich Essen, dessen Erbgut gentechnisch verändert wurde. In dessen DNA gezielt ein oder mehrere fremde Gene eingebaut wurden. Möglicherweise ist unsere Reaktion auf dieses Wort symptomatisch für eine diffuse Angst, die die meisten Menschen haben. Nicht nur vor Gentechnik, vor allem, was wir nicht richtig verstehen und dessen Folgen wir nicht abschätzen können. Besonders aber vor der Gentechnik, weil wir wissen, dass sie in unser Innerstes eingreifen und die Natur grundlegend verändern kann.

Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, sagte neulich bei einer Konferenz zum Thema Lebensmittelsicherheit, dass die meisten Verbraucher sich vor gentechnisch veränderten Lebensmitteln und vor Rückständen von Pflanzenschutzmitteln fürchten. Dabei sei daran noch niemand gestorben. Viel höher sei beispielsweise das Risiko, an den Folgen einer Lebensmittelvergiftung zu sterben – die man vielleicht selbst hätte verhindern können, wenn man für eine gute Küchenhygiene gesorgt hätte.

Das bedeutet nicht, dass es falsch wäre, sich Sorgen über Gentechnik zu machen. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen und sich zu fragen: Wie gefährlich ist Grüne – also auf Pflanzen bezogene – Gentechnik eigentlich wirklich? Denn: Auch wenn der Anbau genmanipulierter Pflanzen in Deutschland verboten ist: Gentechnik spielt in unserem Leben bereits eine große Rolle. Und die könnte noch wachsen, wenn das Freihandelsabkommen der EU mit den USA (TTIP) in Kraft tritt.

Wofür wird Grüne Gentechnik verwendet?

Mehr als die Hälfte aller transgenen Pflanzen, die heute angebaut werden, ist resistent gegen Unkrautvernichtungsmittel oder Schädlinge. 16 Prozent der Pflanzen sind immun gegen Schädlinge und 27 Prozent gegen beides. Herbizidresistente Pflanzen überleben im Gegensatz zu allen anderen die Behandlung mit Unkrautvernichtungsmitteln. Im Falle von gentechnisch verändertem Mais sind Gene eines Bodenbakteriums in das Erbgut integriert worden, weshalb er ein Gift produziert, das die Raupe des Maiszünslers abtötet, wenn sie von ihm frisst. Für uns Menschen gilt das Gift als harmlos. Mehr Gewinn und weniger Arbeit für die Bauern – das ist der Nutzen solcher Pflanzen.

Nutzen ja, aber bitte ohne Gentechnik, sagen dagegen Kritiker. „Schädlingsbekämpfung geht doch auch ganz anders“, sagt zum Beispiel Dirk Zimmermann, Gentechnik-Experte bei Greenpeace. „Zum Beispiel, indem man nicht Monokulturen von Mais anbaut, sondern mit Kulturmaßnahmen dem Schädlingsbefall vorbeugt. Der genmanipulierte Mais unterstellt ja schon den Angriff eines Schädlings. Das ist ja so, als würde ich permanent ein Antibiotikum schlucken, weil ich mich eventuell kratzen könnte.“ Es gibt aber auch Argumente, die den Anbau solcher Pflanzen aus Verbrauchersicht rechtfertigen: Ist eine Pflanze von sich aus resistent gegen Schädlinge, muss kein Schädlingsgift ausgebracht werden – das unter Umständen auch für die Anwohner schädlich sein kann. In Ländern wie Argentinien, wo solche Gifte großflächig mit dem Flugzeug versprüht werden, können das sogar weite Gebiete sein, die belastet sind.

Hunger langfristig stillen

Es gab auch eine gentechnisch veränderte Tomate, die länger frisch und haltbar blieb. In den USA angebaut und verkauft, wurde sie von den Verbrauchern jedoch nicht angenommen. Vieles ist technisch aber noch gar nicht möglich. Ein ehrgeiziges Ziel vieler Wissenschaftler ist es, biotechnologische Verfahren zu entwickeln, die den Hunger der Weltbevölkerung langfristig stillen sollen. Einer von ihnen ist Andreas Weber, Leiter des Instituts für Biochemie der Pflanzen an der Universität Düsseldorf und einer der Initiatoren des Exzellenzclusters Ceplas der Universitäten Düsseldorf und Köln, des Max-Planck-Instituts für Pflanzenzüchtungsforschung und des Forschungszentrums Jülich.

Er und seine Kollegen arbeiten daran, Pflanzen auch mithilfe von Grüner Gentechnik ertragreicher zu machen. „Momentan produzieren wir weltweit pro Tag und Person etwa 2800 Kalorien“, rechnet Weber vor. Bereits eingerechnet seien die Kalorien, die bei der Produktion von Fleisch, Milch und Eiern in der Tierzucht verloren gehen. Das sind für die Herstellung von einem Kilo Rindfleisch etwa zehn Kilo Pflanzenkalorien. „Davon kann man gut leben. Weil aber der Fleischkonsum auch in den Schwellenländern dramatisch zunimmt und unsere Weltbevölkerung rasant wächst, werden wir bald nur noch 2100 Kalorien pro Person und Tag produzieren können. Und das reicht nicht mal mehr für den Grundumsatz.“ Hinzu kommt, dass Mais mittlerweile auch zur Herstellung von Biogas verwendet wird. Weber und seine Kollegen arbeiten deshalb daran, Pflanzen widerstandsfähiger gegen unwirtliche Umweltbedingungen zu machen und den Ertrag zu steigern. Zum Beispiel soll die Photosyntheserate bei Pflanzen gesteigert werden, damit sie besser wachsen.

Alternative Methoden

Dirk Zimmermann hält das nicht für den richtigen Weg: „Ertrag ist eine unglaublich komplexe Eigenschaft, die sich durch die Manipulation eines einzelnen Gens gar nicht beeinflussen lässt. Stattdessen solle man auf erprobte alternative Methoden wie etwa den Fruchtwechsel oder Mischkulturen zurückgreifen.“ Und das System hinterfragen, mit dem zuerst mithilfe intensiver Landwirtschaft zu viel produziert und der Überschuss dann ins Ausland verkauft wird, wo er Märkte kaputt mache. Andreas Weber hält dagegen: „Wir werden unseren heutigen Ertrag um das zweifache erhöhen müssen. Es gibt bisher in der Geschichte der Menschheit kein Beispiel dafür, dass eine derartige Steigerung der Ertragszunahme über einen solchen Zeitraum jemals geschafft worden wäre.“

Eine erst kürzlich im Wissenschaftsmagazin Science vorgestellte Studie zeigt zwar, dass die nötige Steigerung der Ertragszunahme erreichbar wäre: Würden wir unserem Vieh kein Soja und Getreide mehr zu fressen geben, sondern diese Feldfrüchte selbst als Lebensmittel verwenden, könnten pro Jahr 413 Millionen mehr Menschen satt werden. Das würde natürlich bedeuten, dass die Kühe wieder auf die Weide müssen, um Gras zu fressen, und wir Menschen weniger Fleisch zu uns nehmen dürften. „Es bräuchte eine Weltregierung, um die vorgeschlagenen Änderungen tatsächlich durchzuführen“, sagt Andreas Weber. „Bevor ich darauf warte, forsche ich lieber weiter.“

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