28.08.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Interview: Kinder-Orthopäde: Der richtige Ranzen

Köln -

Herr Niethard, was macht einen guten Schulranzen aus?
Niethard Er sollte möglichst leicht sein. Außerdem sollte der Schulranzen stabil gebaut sein, damit sich das Gewicht gleichmäßig am ganzen Rücken verteilen kann. Bei schwereren Ranzen sollte es außerdem im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule eine Abstützung geben.

Wie schwer darf ein Schulranzen denn sein?
Niethard Das hängt von der Dauer der Tragezeit ab. Allgemein werden aber bei gepacktem Ranzen zehn Prozent des Körpergewichtes als Grenze angesehen. Wiegt ein Kind beispielsweise 30 Kilogramm, sollte der gepackte Ranzen nicht schwerer sein als drei Kilogramm. Bei kurzen Strecken kann es auch einmal etwas mehr sein.

Aber können zu schwer gepackte Ranzen nicht zu Haltungsschäden führen?
Niethard Die Entstehung von Haltungsschäden durch Schulranzen ist bisher nicht bewiesen. Bei langem Schulweg ist allerdings die Zehn-Prozent-Regel sinnvoll. Entscheidend ist die Kraft der Wirbelsäulenmuskulatur. Viele Kinder leiden heute wegen überwiegend sitzender Tätigkeit vor Fernseher oder Computer unter muskulären Schwächen. Wenn die Zehn-Prozent-Grenze nicht überschritten wird, kann das Tragen des Schulranzens durchaus als Trainingseffekt verstanden werden. Wichtig ist dabei natürlich, dass der Ranzen auch richtig getragen wird.

Worauf kommt es denn beim richtigen Tragen an?
Niethard Um die Wirbelsäule zu schonen, muss der Schulranzen am Körper anliegen. Außerdem darf er nicht am Körper hin und her pendeln, wenn sich das Kind bewegt – insbesondere beim Laufen. Hier kann es von Vorteil sein, wenn die Tasche mit einem Hüftgurt zusätzlich fixiert werden kann. Ganz schlecht ist es, wenn die Tasche nur einseitig, also nicht auf beiden Schultern, getragen wird. Insbesondere bei kleinen Kindern sollte der Ranzen ausschließlich auf dem Rücken getragen und dort gut befestigt sein.

Gibt es solche Regeln auch für das richtige Packen?
Niethard Vorrangig ist, dass das Gewicht nicht zu groß ist. Kinder sollten daher nur die Dinge mit in die Schule nehmen, die sie auch wirklich brauchen. Oft ist es auch möglich, mit dem Lehrer zu vereinbaren, dass zum Beispiel besonders dicke Bücher in der Schule deponiert werden können. Das Innenleben des Schulranzens sollte zudem – zum Beispiel durch Zwischenfächer – verhindern, dass Bücher beim schnellen Laufen innerhalb des Ranzens hin und her fliegen können. Zum einen ist das nicht gut für die Wirbelsäule, zum anderen kann das Kind dadurch umgerissen werden, wenn es plötzliche Bewegungen macht.

Sie beschäftigen sich als Kinder-Orthopäde seit vielen Jahren mit dem Thema. Beobachten Sie eine Entwicklung?
Niethard Ja, die Haltungsschäden haben zugenommen. Sie sind aber nicht auf das Tragen von Schulranzen zurückzuführen, sondern vorrangig auf die abnehmende körperliche Aktivität der Kinder während des Wachstumsalters. Die sitzende Tätigkeit in der Schule sollte daher durch sportliche Aktivitäten ausgeglichen werden. Ein Kind, das vom Sitzen in der Schule nach Hause kommt und dort die Zeit nur vor PC oder Fernseher verbringt, ist besonders gefährdet.

Das Gespräch führte Felix Ohmes