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Krebs: „Offen mit Kindern reden“

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Regine Dülks
Kinder- und Jugendpsychologin Regine Dülks (Bild: Privat)

Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Familientherapeutin Regine Dülks hat das Projekt „Kinder krebskranker Eltern“ im Verein Haus LebensWert mit aufgebaut. Der psychoonkologische Verein kooperiert mit der Uniklinik Köln und bietet von Krebs betroffenen Eltern und ihren Kindern eine Reihe von kostenlosen Therapiemöglichkeiten an.

Frau Dülks, was denken Kinder über Krebs?

DÜLKS: Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder, wenn sie das Wort Krebs hören, an Tod denken, ist relativ hoch. Früher war das ja auch häufig ein Todesurteil, aber das ist es heute, durch den Fortschritt der Medizin, längst nicht mehr. Erkrankt ein Elternteil, dann sind auch die Kinder in der Familie intensiv davon betroffen. Der erkrankte Elternteil steht dem Kind nicht mehr wie gewohnt zur Verfügung und der gesunde Elternteil ist durch die in der Regel für ihn entstehende Doppelbelastung so beansprucht, dass auch er sich dem Kind nur eingeschränkt widmen kann. Das Kind spürt diese Veränderungen und bemerkt eine sorgenvolle Anspannung. Fragen, die es in dieser Situation nicht stellt und Antworten, die es nicht kindgerecht erhält, können Angst- aber auch Schuldgefühle entstehen lassen.

Warum Schuldgefühle?

DÜLKS: Die Kinder denken häufig, dass sie die Krankheit von Mutter oder Vater mit verursacht haben könnten. Aus tiefenpsychologischer Sicht ist es zum Beispiel so, dass Kinder, die sich in der ödipalen Phase besonders mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil verbunden fühlen, sich manchmal den anderen Elternteil weg wünschen. Erkrankt dieses Elternteil, denkt das Kind, sein Wunsch habe dazu beigetragen. Oder in einem anderen Fall ist es so, dass ein Kind sich an einen heftigen Streit mit dem erkrankten Elternteil erinnert und sich fragt, ob die Krankheit nicht seine Schuld sei.

Wie verhalten sich die Kinder dann?

DÜLKS: In der Regel bemühen sie sich, angepasst und lieb zu sein. Sie wollen die Familie nicht zusätzlich belasten. Dazu kann auch gehören, Fragen nicht zu stellen, von denen die Kinder spüren, dass sie die Eltern emotional bedrängen. Die Anpassung kann bis zu einer sogenannten Parentifizierung führen – das heißt, die Kinder versuchen die Eltern emotional zu stützen und Verantwortung im Alltag zu übernehmen. Besonders häufig kann man dieses Verhalten bei jugendlichen Mädchen beobachten, die alle Aufgaben der Mutter übernehmen und zur kleinen Hausfrau werden.

Ist das denn gefährlich?

DÜLKS: Ja, diese Situation ist ein Risiko für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Zum Beispiel bei Jugendlichen, die sich im Ablösungsprozess vom Elternhaus befinden, kann es sein, dass sie für sie wichtige jugendliche Aktivitäten und Beziehungen einschränken, weil sie sich auf die innerfamiliären Aufgaben konzentrieren. Einerseits wollen sie unter ihres gleichen sein und Abstand zum Elternhaus gewinnen, andererseits wollen sie ihre Familie nicht im Stich lassen.

Wann sollten betroffene Eltern denn aufmerksam werden?

DÜLKS: Wenn Kinder sich stark verändern. Zum Beispiel wenn sie aggressiv werden. Die Aggression speist sich einerseits aus den inneren Spannungen, der Angst um die Eltern und andererseits, aus der Frustration nicht mehr im Fokus der Familie zu stehen. Viele Kinder zeigen auch Symptome wie Einnässen oder emotionalem Rückzug, andere klagen über somatische Reaktionen – Kopf- und Bauchschmerzen. Letztere zeigen sich häufig in der Schule, um z.B. nach Hause geschickt zu werden und nachschauen zu können, ob es dem erkrankten Elternteil noch gut geht.

Wie sollten Eltern reagieren?

DÜLKS: Zunächst ist es wichtig, das soziale Umfeld zu informieren. Lehrer und Erzieher sollten über die Erkrankung Bescheid wissen. Außerdem ist es besonders wichtig, dass Eltern offen und ehrlich mit den Kindern sprechen und die Krankheit nicht verheimlichen, egal, wie alt das Kind ist. Die Kinder spüren, wenn in der Familie etwas nicht in Ordnung ist – die Fantasien, die sie sich dann ausmalen sind meist schlimmer als die Realität. In den meisten Fällen ist eine professionelle Betreuung der Kinder hilfreich.

Die Kinder sollten also psychologisch behandelt werden. Wie können Sie als Psychotherapeutin den Kindern helfen?

DÜLKS: In der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie sollen die Kinder einen sicheren Rahmen erhalten, der es ihnen ermöglicht, über ihre krankheitsbezogenen Fragen, Sorgen, Gefühle und Ängste zu sprechen, diese altersgerecht auszudrücken, zum Beispiel über malen, szenisches Rollenspiel und andere Methoden. In der begleitenden Elternarbeit ist es wichtig, den Eltern einen Zugang zu den Gefühlen ihrer Kinder zu ermöglichen. Die Eltern sollen vor allem ermutigt werden, offen und transparent mit ihren Kindern über die Erkrankung und ihre Folgen zu kommunizieren. Durch die Enttabuisierung der Krankheit können Eltern und ihre Kinder häufig angstfreier miteinander umgehen. Dies führt in der Regel bei allen Familienmitgliedern in der Krisensituation zu mehr Orientierung und Stabilität.

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