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Die Umsiedler: Im nächsten Frühjahr ist Richtfest

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Helmut Franke vor dem Bauplatz für das Mehrgenerationenhaus. Foto: Grönert
Das Dorf Kerpen-Manheim im Rhein-Erft-Kreis stirbt - es muss dem Tagebau Hambach Platz machen. ksta.de begleitet die Großfamilie Franke auf dem Weg in ihr Mehrgenerationenhaus in Manheim-Neu. Die ersten Dorfbewohner sind schon da.  Von
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Kerpen-Manheim

Helmut Franke schreitet die Front seines zukünftigen Zuhauses ab. Haupteingang, Normans und Jessis Wohnung, der Stellplatz für die Autos. Hinter dem Haus der große Gemeinschaftsgarten. Frankes Zeigefinger deutet nach rechts und nach links, während unser Schuhe langsam im Matsch versinken.
Ein Absperrband mit dem Aufdruck „RWE“ markiert die Grenzen des Grundstücks der Großfamilie Franke-Liegl. Inmitten von spätem Klee und falscher Kamille steht ein großes, handgemaltes Schild, auf dem die Namen der zukünftigen Bewohner zu lesen sind: Marvin, Mona, Isa, Jörg, Marie, Jessi, Norman, Elias, Elfi, Helmut, Manju. Zehn Personen und ein Hund werden in spätestens zwei Jahren am Germania-Ring Nummer 22 wohnen.

Kerpen-Manheim: Ein Dorf stirbt

Eisige Windböen fegen über Manheim-Neu. Der Flecken Erde unweit von Kerpen-Dickbusch soll den Bewohnern von Manheim-Alt zur Heimat werden, wenn die Bagger von RWE-Power ihr Dorf in wenigen Jahren unwiderruflich überrollt haben. Eine früh einsetzende Dämmerung lässt die Konturen der fünf, sechs Häuser, die bereits im Rohbau stehen, verschwimmen. Das erste Haus in Manheim-Neu ist seit dem ersten Dezember bewohnt, ein flacher Klinkerbau mit einem kleinen Erker hin zur Straße.

Auch die Straßenbeleuchtung im neuen Dorf ist inzwischen in Betrieb, die Straßen sind geteert, der Rodelberg ist fertig, der Friedhof in Arbeit. Seit Anfang Dezember wiegt sich am Ortseingang ein großer Weihnachtsbaum im Wind.

Einige Häuser in Manheim-Neu sind schon fertig.
Einige Häuser in Manheim-Neu sind schon fertig.
Foto: Grönert

In Manheim-Alt stehen inzwischen vor vielen Häusern Baucontainer, randvoll mit überflüssigem Hausrat und alten Möbeln, die nicht mehr taugen zum Umzug in ein neues Domizil. Häuser und Wohnungen stehen leer, die Fenster sind mit Brettern vernagelt. All jene Bewohner, die nicht übersiedeln wollen nach Manheim-Neu, ziehen allmählich fort aus dem sterbenden Dorf. „Es geht schneller voran, als wir alle dachten“, sagt Helmut Franke. Ein Hauch von Wehmut schwingt mit in seiner Stimme. Schon seien abends und an den Wochenenden mehr Manheimer im neuen als im alten Dorf anzutreffen.
Hinter der Familie Franke-Liegl liegt ein „hartes, aber zufriedenstellendes Jahr“. Das gemeinsame Haus an der Blumenstraße in Manheim-Alt, das Helmut und Elfriede Franke 1982 bauten, ist nach harten, doch letztendlich erfolgreichen Verhandlungen an RWE Power verkauft. Die Pläne für das Drei-Generationenhaus in Manheim-Neu stehen. Schlicht und modern soll es werden – das war der Wunsch vor allem der jüngeren Generation. Helmut Franke seufzt ein weiteres Mal. Mit Bedauern hat sich der Senior der Familie von seinem Traum von einem Haus im Toskana-Stil verabschiedet. „Früher habe ich alles entschieden“, sagt er mit einem leisen Lachen. „Heute entscheiden acht Leute, wie unser zukünftiges Heim aussehen soll.“ Das sei, vorsichtig formuliert, nicht immer einfach.

Ein Dorf stirbt - Neue Geschichten aus Kerpen

Isa Liegl sieht das genauso. „Wir alle mussten Kompromisse machen, wenn wir weiterhin als Familie zusammen wohnen wollen.“ Die Mutter von Marvin und Marie hat Kaffee gekocht für den Besuch; auf dem Tisch steht, wie schon in den vergangenen zwei Jahren in der Adventszeit, eine Dose mit selbstgebackenen Weihnachtskeksen. „Ich habe oft gedacht, dass wir alle uns in diesem Jahr noch ein bisschen besser kennengelernt haben, obwohl wir schon so lange zusammenwohnen“, sagt die 43-Jährige. Doch die Familie habe die Nagelprobe bestanden. „Trotz aller Diskussionen haben wir immer einen Mittelweg gefunden, mit dem jeder von uns leben kann.“

Isa Liegl zum Beispiel wird in dem neuen Haus nicht im Erdgeschoss, sondern in der ersten Etage wohnen und damit auf den direkten Zugang zum Garten verzichten. „Das war mein größter Kompromiss. Ich wollte aus meiner Küche hinaustreten können in den Garten.“ Statt ins Erdgeschoss, wo die Schwiegereltern und Norman mit seiner Familie wohnen werden, werden sie, Ehemann Jörg und Tochter Marie in die erste Etage ziehen und über ihren Balkon in den Garten gelangen. Sie freut sich inzwischen auf den Umzug. „Ich lebe lieber in einem neuen Dorf, auch wenn es noch Jahre dauern wird, bis dort alles schön ist, als in einem sterbenden Ort.“

Auch Norman Franke, der kürzlich geheiratet hat, ist froh, dass die interfamiliären Diskussionen ein Ende haben. „Man ist wieder freier im Kopf, wenn alles geklärt ist.“ Helmut Franke schüttelt nachdenklich den Kopf. „Ich hätte anfangs nicht gedacht, dass wir so viele Probleme werden lösen müssen“, sagt er. „Manchmal war ich darüber sehr erschrocken.“ Und noch etwas macht dem agilen 69-Jährigen in den letzten Tagen des Jahres zu schaffen: „Die emotionale Seite dieser ganzen Umsiedlung“. Die habe ihn „getroffen wie ein Keulenschlag. Ich habe das völlig unterschätzt.“ Fast scheint er selber verblüfft darüber. „Man verliert seine Heimat, seine ganze Sicherheit. Unser Haus ist weg, wir sind nicht mehr die Eigentümer. Jetzt müssen wir handeln, ob wir können oder nicht“.


In den nächsten Tagen will Helmut Franke eine Bauanzeige für den Germania-Ring 22 stellen. Schließlich soll im Frühjahr 2013 der erste Spatenstich für das Mehrgenerationenhaus erfolgen.

Was bisher geschah: Seit Weihnachten 2010 begleitet ksta.de die Umsiedlung der inzwischen neunköpfigen Großfamilie Franke-Liegl. Zur Familie gehören Helmut (69) und Elfriede Franke (64), die Söhne Jörg Liegl (44) mit Isa (43), Marvin (22) und Marie (18) sowie Norman Franke (30) mit Jessica (23) und Elias (1 1/2). Ebenfalls dabei: Marvins Freundin Mona und der Familienhund Manju.
Die Bewohner von Manheim wissen seit 1977, dass ihr Dorf Europas größtem Tagebau, dem Braunkohle-Tagebau Hambach der RWE Power AG, weichen muss. Das Abbaugebiet umfasst 85 Quadratkilometer und liegt zwischen Köln und Aachen. Die Umsiedlung hat offiziell am 1. April 2012 begonnen.

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