27.08.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Eisenbahnmuseum: Ein Leben unter Volldampf

Sein ganzer Stolz: Wolfgang Clössner vor der Dampflok 53 im Eisenbahnmuseum Asbach

Sein ganzer Stolz: Wolfgang Clössner vor der Dampflok 53 im Eisenbahnmuseum Asbach

Foto:

Michael Bause

Asbach -

Wolfgang Clössner (59) lebt seinen Traum. Den von der Liebe zur Eisenbahn. Aber das soll man bloß nicht schreiben, sagt er, weil das mit den üblichen Klischees verbunden sei. Clössner hat mit Modellbahnen nichts am Hut. Er gehört nicht zu denen, die Tage damit verbringen können, im Kölner Hauptbahnhof auf eine bestimmte Lokomotive zu warten, weil die in der Foto-Sammlung fehlt.

Für ihn ist das "Kulturgut Eisenbahn" entscheidend. Er ist mit seiner Kamera unterwegs, wenn Fußballfans betrunken aus einem Zug taumeln oder auf dem Heimweg vom Rock am Ring irgendwo über die Gleise hüpfen. In der Szene bekannt geworden ist er durch eine Foto-Serie, die er nach dem Mauerfall in der ehemaligen DDR erarbeitet hat. "Da bin ich auch nicht wegen der Lokomotiven, sondern wegen der einmaligen Atmosphäre hingefahren. Die DDR-Verantwortlichen hatten ja seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr viel in die Bahn investiert. Es war sehr interessant, dieses Wechselspiel der Reichsbahn zwischen alt und neu, zwischen Planwirtschaft und Kapitalismus zu dokumentieren."

Das interessiert Wolfgang Clössner, den gelernten Zahntechniker, der heute bei der Postbank arbeitet. Doch bevor wir weiter reden, muss eine Sache geklärt werden. Weil die Eisenbahn eng mit seinem Lebensschicksal verbunden ist. 1987 wurde er auf einer seiner Foto-Reisen auf einer Dampflok schwer verletzt. Er erlitt einen Stromschlag, verlor dabei ein Bein und sitzt seither im Rollstuhl. An seiner Bahn-Faszination hat das nichts geändert.

Clössner wohnt inzwischen in einem kleinen Bahnhof in der Gemeinde Asbach im Westerwald. Der Bahnhof gehörte einst zur Bröltalbahn, eine der ersten deutschen Schmalspurbahnen überhaupt, "die dem Basaltabbau diente und die Gegend zwischen Beuel und dem Westerwald erschlossen hat". Die Bahn, die wegen der Verwechslungsgefahr mit der Brohltalbahn bald unter Rhein-Sieg-Eisenbahn firmierte, gibt es längst nicht mehr. Was noch existiert, ist die Dampflokomotive 53. Und die steht im renovierten Asbacher Lokschuppen - Wolfgang Clössner sei Dank. 100 000 D-Mark hat er 2001 bezahlt, um sie von einem Museum zu erwerben, das sich in Auflösung befand - und für die Restaurierung. "Der Laie würde sagen, dass das ein Wrack war. Ich habe mir gesagt, einmal Sand strahlen, das hält sie aus, und danach bauen wir sie wieder auf. "

Doch eine Lokomotive macht noch lange kein Museum. Das sei ihm klar gewesen, sagt Clössner und lacht. "Im Grunde habe ich damals mit der Wurst nach dem Schinken geworfen. Ich investiere mal in die Lok. Vielleicht bekommen sie Lust auf mehr."

Das hat funktioniert. Heute ist Asbach mit seinen 6000 Einwohnern stolz auf ihr Kleinod. Der Bahnhof wird gerade restauriert, die alten Feldbrandziegel mit den Riemchen und die Sprossenfenster erneuert. Mit ein paar Helfern hat Clössner vom Lokschuppen aus wieder Gleise verlegt, inzwischen gibt es die zweite Lokomotive, eine Diesellok aus der DDR, die an Museumstagen das Prunkstück aus der Halle zieht. Fahrtüchtig ist die Dampflok nicht mehr, "dazu müssten wir erst die Zulassung als Eisenbahnunternehmen beantragen".

Eisenbahn-Romantik kommt in Asbach auch so auf, wenn Clössner und seine Mitstreiter an Museumstagen den Bahnhof nachts mit Baustellenstrahlern beleuchten und als Dampfersatz ein paar dicke Diskotheken-Nebelwerfer einsetzen. "Darauf sind schon viele Eisenbahner reingefallen."

Kommt da etwa der Romantiker durch? Auf keinen Fall, sagt Clössner und berichtet von seiner letzten Reise, die ihn in die Innere Mongolei geführt hat. "Mitten in den Rostgürtel Chinas, der immer noch von Schwerindustrie und Kohleabbau geprägt ist." Die Bilder, die er mitgebracht hat, erzählen von Eisenbahnen in Mondlandschaften, von Umweltzerstörung in ihrer brutalsten Form, von den Auswüchsen eines Industriezeitalters, das es so selbst in China nicht mehr geben wird. Bahnreisen dieser Art, sagt Clössner, "werden immer seltener". Nicht, weil sie für einen Rollstuhlfahrer beschwerlich sind, sondern, weil die Züge weltweit uniformer werden. "In China hat man die gleichen Dieselloks wie in den Rocky Mountains." Nicht zuletzt deshalb hat Clössner die Provinz Sichuan besucht. "Das ist eine Gegend, in die man mit dem Auto gar nicht kommt." Dort hat er mit seiner Videokamera alles festgehalten, entstanden ist ein Dokumentarfilm über das Leben in einer zerstörten Landschaft.