28.07.2016
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Andere Länder: Ein Schnäpschen nach jedem Happen

Julbord

Das Julbord, das Weihnachtsbüfett, besteht vor allem aus Fisch in allen Variationen und dem traditionellen Anchoviskartoffelauflauf.

Kall -

Der Traum eines jeden schwedischen Mädchens ist es, einmal die Lucia zu sein: im langen weißen Gewand mit rotem Band um die Taille und auf dem Kopf der Lichterkranz aus brennenden Kerzen. „Weil die Lucia blond sein und lange Haare haben sollte, bin ich dafür erst mal nicht in Frage gekommen“, erzählt Pia Fridhill in der Küche ihres gemütlichen Heims, das sie sich gemeinsam mit Ehemann Jens Hoffmann im ehemaligen Forsthaus zwischen Kall und Keldenich eingerichtet hat.
Seit etwas mehr als zehn Jahren lebt die Schwedin nun schon in Deutschland und hat inzwischen in der Eifel eine zweite Heimat gefunden. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ wollte von der 42-Jährigen wissen, wie in Schweden Weihnachten gefeiert wird und wie sich die Bräuche dort von den hiesigen Traditionen unterscheiden.

Milder als in der Eifel

Zunächst räumte Fridhill mit dem Vorurteil auf, dass es in ihrem Heimatland im Durchschnitt kälter sei als bei uns: „Die Temperaturen in Südschweden, wo ich herkomme, sind in etwa vergleichbar mit der Eifel, durch die Lage an der Ostsee manchmal sogar etwas milder.“ In Nordschweden allerdings gebe es an Weihnachten regelmäßig viel Schnee und Minustemperaturen.

Im Kreis Euskirchen und darüber hinaus ist Pia Fridhill als Sängerin und Chefin eines eigenen Trios bekannt, das hin und wieder zu einer richtigen Band aufgestockt wird. Aufgewachsen ist sie in Dalby in der Nähe von Malmö, wo ihr Vater ein mittelständisches Unternehmen betrieb, in dem unter anderem Ansauganlagen für Holzpellets gefertigt wurden. Die Tochter trat in seine Fußstapfen und studierte Ingenieurwesen.

Als Firmenrepräsentatin kam sie in den 1990er Jahren nach Deutschland, lernte dort einige Musiker kennen und entschied sich irgendwann, ihren Beruf aufzugeben und sich ganz ihrer wahren Leidenschaft, der Musik, zu widmen. Die weihnachtlichen Traditionen Schwedens vermisst sie in der Eifel nicht wirklich, weil sie ist oft genug in Malmö bei ihrer Familie ist. „Bei uns in Schweden ist der Lucia-Tag am 13. Dezember ein ganz besonderes Datum“, erzählte die Musikerin. Schon morgens in den Familien werde gefeiert, und in der Regel falle der ältesten Tochter die Aufgabe zu, ins Gewand der Heiligen zu schlüpfen, die ursprünglich in Sizilien zu Hause war. In den Kindergärten, Schulen und Betrieben wird anschließend weitergefeiert. Santa Lucia wird meist begleitet von anderen Mädchen in weißen Gewändern, von Pfefferkuchenmännchen und Wichten.

Der Lichterkranz bestand früher stets aus echten Kerzen, bei Kindern nimmt man inzwischen elektrische. Schon als Studentin war Pia Fridhill mit Freundinnen am Luciatag von morgens bis abends im Einsatz, weil Chöre bei diesem Fest sehr gefragt sind. Durch ihre Mutter, eine ausgebildete Kantorin, lernte Pia, wie man Choräle setzt und einstudiert.

Im vergangenen Jahr ließ sich die Neu-Kallerin im Lucia-Gewand ablichten, um für ein vorweihnachtliches Konzert im Gemünder Hotel Friedrich zu werben. Bei dieser Gelegenheit präsentierte sie gemeinsam mit ihren Musikern Jens Hoffmann und Wilhelm Geschwind Lieder und Bräuche der schwedischen Weihnacht.

Vor der Bescherung ist auch in Schweden Fernsehgucken angesagt. Und zwar jedes Jahr die gleichen Sendungen wie „Donald Duck im Dschungel“, „Der Stier Ferdinand“ oder „Aschenputtel“. „Die Leute in meiner Generation können ganze Passagen aus diesen Filmen zitieren. Es ist ein bisschen wie hier mit dem »Dinner for one«“, so Fridhill.

Eingelegter Hering

Wichtigster Bestandteil der anschließenden Festfolge ist das „Julbord“, das Weihnachtsbüfett, das an Heiligabend angerichtet wird. Sobald es dunkel wird, also in Südschweden schon um 15.30 Uhr am Nachmittag, trifft sich die Familie, um alle möglichen Sorten von eingelegtem Hering und den traditionellen Anchoviskartoffelauflauf zu genießen.

Nach jedem Lied, das gesungen wird, und nach jedem Happen, der verdrückt wird, stößt man mit Schnaps an. Beim ersten Weihnachtsfest, das Jens Hoffmann mit seiner späteren Frau in Malmö verbrachte, hatte er nicht mitbekommen, dass die Schweden nur am Schnaps nippen, während der Gast aus Deutschland das Zeug in einem Zug weghaute.

„Um halb neun war Jens so betrunken, dass er quasi unter dem Tisch lag“, erinnerte sich Pia Fridhill lachend. Seither weiß ihr Mann, dass man beim Schnapstrinken mit mehr Augenmaß vorgehen sollte, um am Weihnachtsabend nicht vorzeitig ins Bett zu müssen. „Am liebsten trinke ich Holunderschnaps oder Glögg, den Schwedenpunsch“, verriet die Sängerin.

Zum Winterwendfest, als das Weihnachten ja ursprünglich gefeiert wurde, wird in Schweden als Nachtisch ein Milchreispudding gereicht, in dem eine Mandel versteckt ist. Wer die Mandel auf seinem Teller findet, soll angeblich im darauffolgenden Jahr heiraten.

Der erste Weihnachtstag, der „Jul otta“, wird in Schweden ganz unterschiedlich begangen. Viele gehen schon um 7 Uhr in der Frühe zum Gottesdienst. Die überwiegend protestantischen Nordländer sind nach Einschätzung von Fridhill nicht sonderlich religiös. „Schweden ist wie ein großes Dorf, Individualität wird nicht sehr geschätzt. Man hält an Traditionen fest“, charakterisierte sie ihre neun Millionen Landsleute.

Trotzdem gibt es ein paar ganz Knochenharte, die am Weihnachtsmorgen statt in die Kirche in die Sauna gehen und sich an schließend ein Loch ins Eis hacken, um sich vom heißen Schwitzbad abzukühlen. Besonderen Spaß macht das in einer Sauna, die auf einem Felsen direkt am Meer in Malmö liegt.