27.07.2016
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Nach der Silvesternacht in Köln: Sexuelle Übergriffe werden nur selten geahndet

Mit einem Flashmob demonstrierten am Sonntag gut 1000 Frauen und einige Männer vor dem Kölner Dom gegen sexuelle Gewalt.

Mit einem Flashmob demonstrierten am Sonntag gut 1000 Frauen und einige Männer vor dem Kölner Dom gegen sexuelle Gewalt.

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dpa

Kreis Euskirchen -

Die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht am Bahnhof in Köln bestimmen seit Tagen die Schlagzeilen. Eine Welle der Empörung schwappt durch die Bevölkerung, sexuelle Gewalt erfährt plötzlich eine große öffentliche Aufmerksamkeit.

Was bei der Debatte deutlich zu kurz kommt: Übergriffe dieser Art sind keineswegs importierte Verhaltensweisen aus arabischen Kulturen, sexualisierte Gewalt von Männern gegen Frauen ist Alltag – auch in Deutschland. Täglich werden Frauen geschlagen, vergewaltigt, angegrapscht oder verbal attackiert, im öffentlichen Raum, aber noch viel öfter im vertrauten Umfeld.

„Unter den 83 Klientinnen, die sich 2014 wegen sexualisierter Gewalterfahrung an uns gewandt haben, gab es nur eine, die Opfer eines Fremdtäters geworden ist“, sagt Ute Schreckenberg, Fachberaterin der Frauenberatungsstelle Euskirchen des Vereins „Frauen helfen Frauen“. Alle anderen erlebten Vergewaltigung und sexuelle Nötigung im nahen Umfeld, in der Familie, im Freundeskreis.

Das Ausmaß der Empörung über die Taten in der Silvesternacht ist zunächst einmal erfreulich, findet auch Schreckenberg. „Aber die Empörung sollte der Tat gelten, nicht der Hautfarbe der Täter.“ In einer Stellungnahme der Bundesverbandes Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff), der sich die Euskirchener Beratungsstelle anschließt, heißt es: „Eine Unterscheidung der öffentlichen oder politischen Reaktionen auf sexualisierte Gewalt je nach Herkunft der Täter wird dem Thema nicht gerecht.“ Viel wichtiger wäre es, die Übergriffe der Silvesternacht zum Anlass zu nehmen, die herrschende Gesetzeslage in Augenschein zu nehmen, denn die sei mehr als unzureichend.

Seit Jahren fordern Organisationen wie der bff, dass „Schutzlücken im Straftatbestand der sexuelen Nötigung/Vergewaltigung endlich geschlossen werden“. Fakt ist: Maßgeblich für die Strafbarkeit eines Übergriffs ist nicht etwa der erklärte Willen einer Person, sondern die Frage, „ob sie sich ausreichend zur Wehr gesetzt hat und der Täter somit Gewalt anwenden musste“.

„Die Frauen werden aber oft von den Tätern überrumpelt und fallen in eine Art Schockstarre“, weiß Ute Schreckenberg. „Die wenigen Verfahren, die dann gegen Täter laufen, werden oft eingestellt aus Mangel an Beweisen.“ Dass Opfer also davor zurückscheuen, Anzeige zu erstatten, sei alles in allem nachvollziehbar.

Im Pressetext der bff heißt es: „Auch bezogen auf die Taten in Köln ergibt sich – gemäß den Darstellungen in den Medien – eine Schwierigkeit für die Strafbarkeit. Solche Überraschungsangriffe sind – so die Erfahrung der Beratungsstellen und von Anwältinnen – nicht durch den Straftatbestand der sexuellen Nötigung erfasst und damit systematisch straffrei.“

Karla Götze, Mitarbeiter bei „Frauen helfen Frauen“: „Die Botschaft aus den Vorkommnissen der Silvesternacht lautet ganz klar: Gewalt gegen Frauen ist mit allen Mitteln zu begegnen – völlig egal, wer sie verübt.“


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