30.07.2016
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Organisierte Kriminalität: Rheinland im Griff der Mafia

Pistole

Köln ist Rückzugsraum für die italienische Mafia.

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Archiv

Köln -

Roberto Scarpinato, der oberste Mafiajäger aus Palermo, und Giuseppe Giunta, der Mafiamann aus dem Rheinland, der eigentlich anders heißt, sind sich in wesentlichen Punkten einig: Fünf Jahre nach den Mafia-Morden von Duisburg ist Deutschland für Mafiosi ein Paradies geblieben. Kein Lauschangriff, geringe Haftstrafen, keine Beschlagnahmung von Vermögen – es sei denn, es gibt Beweise für eine Straftat.

Auch in Köln fühle sich die Mafia ziemlich wohl, sagen Oberstaatsanwalt Scarpinato und Mafioso Giunta. „Wenn die Jungs wie im Fall der illegalen Kölner Baugeschäfte, bei der die Mafia Millionen verdiente, nach zwei Jahren aus dem Knast kommen, sind sie reich“, sagte Giunta der Journalistin Agnese Franceschini in der italienischen Sendung Radio Colonia im Funkhaus Europa des WDR. Viele Mafia-Mitglieder aus Italien ließen sich in Deutschland nieder, „weil sie sich hierzulande relativ ungestört ausbreiten können“, sagt Scarpinato (siehe Interview).

Scarpinato, der am Samstag im Kalker Polizeipräsidium über die Mafia spricht, fordert für Deutschland Ermittlungseinheiten aus Richtern, spezialisierten Kriminalbeamten und Polizisten, einen Anti-Mafia-Paragrafen, der es erleichtern würde, Mitglieder eines Mafia-Clans zu verurteilen und einen bundesweiten „Mafia Check up“ über die Umtriebe von Cosa Nostra, Camorra und ’Ndrangetha. Nur so könne das Bewusstsein wachsen, dass die Mafia im Begriff sei, die deutsche Gesellschaft zu unterwandern.

„Speziell die Cosa Nostra spielt in Köln seit 25 Jahren eine besondere Rolle“, bestätigt Kölns Kripochef Norbert Wagner. Seine Behörde steuert mit einem Kommissariat dagegen, das sich nahezu ausschließlich mit Straftaten der süditalienischen Verbrecherorganisation befasst. Warum ausgerechnet die Cosa Nostra? „Das hat historische Gründe“, sagt Wagner. Die meisten Gastarbeiter, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Köln kamen und sich vor allem in Kalk und Ehrenfeld niederließen, stammten aus Sizilien. Und dort herrscht die Cosa Nostra.

In Köln zählt die Polizei seit 1987 sechs Morde mit Mafia-Hintergrund. Hinzu kommen etwa 20 große Verfahren wegen Kokainschmuggels, Schwarzarbeit auf Baustellen, Geldfälschung, Autoverschiebung und Schutzgelderpressung. „Köln ist Rückzugs- und Ruheraum, aber auch Aktionsraum für die italienische Mafia“, sagt Wagner. Seine Sonderermittler sind vor allem in Steuerrecht und Buchhaltung fortgebildet, denn die Cosa Nostra verdient ihre Millionen in Deutschland vor allem durch Steuerhinterziehung und das Unterschlagen von Sozialleistungen im Baugewerbe. „Drogenhandel und Geldfälschung sind für sie längst nicht mehr so lukrativ wie früher“, sagt Wagner.

Rüdiger Thust, stellvertretender Landesvorsitzender der Kripo-Gewerkschaft Bund Deutscher Kriminalbeamter bemängelt ähnlich wie Scarpinato, dass in Deutschland „nicht mal diskutiert wird über einen Anti-Mafia-Paragrafen“. Die Mafia entwickele sich mehr und mehr zu einer „ernst zu nehmenden, unauffällig agierenden Wirtschaftsmacht“.

Thust bezweifelt, dass die Polizei ihr Personal aktuell richtig einsetze. „In Zeiten immer neuer ermittlungsintensiver Aufgaben – ich denke an Rockerbanden, den Rechtsextremismus oder die Terrorgefahr – brauchen wir deutlich mehr kriminalpolizeiliche Ermittler und Gesetze, die uns die Arbeit gegen internationale Verbrecherbanden erleichtern und nicht erschweren.“ Die Polizei müsse sich auf den Schutz des Bürgers und Ermittlungen in Kriminalfällen konzentrieren.

Beim Landeskriminalamt in Düsseldorf beurteilt man Gesetzesänderungen dagegen skeptisch. Die vorhandenen Gesetze reichten aus, um schlagkräftig zu ermitteln, heißt es, stärkere Eingriffe in die Grundrechte – etwa eine Ausweitung der Vorratsdatenspeicherung – seien politisch kaum durchsetzbar. Ohne Telefonüberwachung lasse sich die Mafia allerdings nicht effektiv bekämpfen, sagt Scarpinato, der gern von einem „Kreislauf des Schweigens“ spricht.

Schweigegelübde der Mafia

„Omertà“ flüstert der italienische Hotelbesitzer aus Kalk bedeutungsvoll. Er meint das Schweigegelübde der Mafia – nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Der Mann hat vor zwei Jahren den 43-jährigen Ricardo C. in seinem Haus beherbergt. C. hatte Kontakte zur Mafia, er wurde in Italien wegen Schutzgelderpressung gesucht. Im Januar 2010 fanden Spaziergänger seine Leiche in einem Müllsack an der Autobahnausfahrt Leverkusen-Rheindorf. „Er war ein gefährlicher Mann“, erinnert sich der Hotelchef. Womit C. sein Geld verdiente, welchen Umgang er pflegte, warum er nach Köln kam – der Hotelier lächelt und schweigt. Fahndungen gleichen mitunter dem Stochern im Nebel. Es gibt Ermittler, die glauben, dass in Köln 70 Prozent der italienischen Restaurants Schutzgeld zahlen. Fragt man Besitzer, zucken sie mit den Schultern oder sagen: „Wer kommt denn da drauf?“

Schutzgeld, sagt Scarpinato, spiele in Deutschland keine große Rolle mehr. Laura Garavini von der Berliner Initiative „Mafia – Nein danke!“ sagt: Aus abgehörten Telefonaten nach den Attentaten von Duisburg wisse man von Anweisungen eines ’Ndrangetha-Bosses an Verbündete in Deutschland, hierzulande kein Schutzgeld mehr zu kassieren – es könnte auffliegen, dann hätte man die Polizei auf den Fersen. „Die legen kein Feuer im Rückzugsgebiet, wo sie mit Steuerkriminalität Geld verdienen wollen“, sagt ein Kölner Ermittler. Scarpinato bestätigt das: „Je unauffälliger die Mafia hier arbeitet, desto besser für sie.“ Auch vor diesem Hintergrund wundert sich Polizeigewerkschafter Thust darüber, dass zum Anti-Mafia-Vortrag Scarpinatos vor einem Jahr zwar viele Politiker eingeladen gewesen seien, „aber keiner gekommen ist“. Für Mafiajäger Scarpinato und Mafioso Giuseppe bleibt Deutschland für Verbrecherkartelle ein gelobtes Land. Auch weil die Mafiosi sich vom Klischee des korrupten Pizzabäckers meilenweit entfernt haben. Scarpinato sagt: „Die Drahtzieher sind intelligente Manager, Akademiker, die mehrere Sprachen sprechen und bestens vernetzt sind.“