24.08.2016
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Puppenpavillon in Bensberg: Brücken ins Reich der Fantasie

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Christopher Arlinghaus

Bergisch Gladbach -

Mit ihren Händen erwecken sie Puppen zum Leben, mit ihren Stimmen schenken sie ihnen Charakter, mit ihren Geschichten berühren sie Seelen. In einem Betonpavillon, versteckt auf dem Schulhof der Johannes-Gutenberg-Realschule, bauen die Puppenspieler von Bensberg seit einem Vierteljahrhundert Brücken ins Reich der Fantasie. Vor 25 Jahren gründete Heide Hamann den Puppenpavillon Bensberg. Seit 2009 führt ihn Gerd J. Pohl mit dem gleichen Idealismus weiter.

Gerade einmal 80 Zuschauer fasst der Theatersaal. Ein paar Stühle, mit blauem Samt bezogene Kissen auf niedrigen Bänken, historische Plakate von Puppentheatern. Mehr als 100 000 Zuschauer haben hier im Laufe der Jahre gesessen und darauf hingefiebert, dass der Vorhang sich hebt, die Musik erklingt, die Puppen zu sprechen beginnen.

„Die Welt ein wenig heiler und bunter zu gestalten“ sah Heide Hamann als eine der Hauptaufgaben des Puppenspiels. Sie löste diese Aufgabe mit leisen Tönen, sanft erzählten Geschichten und einem Kasperle mit Charme statt Rute. „Diese Art war damals schon selten. Heute noch viel seltener“, sagt Pohl. Er sieht dies als bewusstes Gegengewicht zur schrillen und lauten Medienlandschaft und zu einem Kinderalltag, in dem beständig die Geschwindigkeit gesteigert wird. „Wir brauchen das heute dringender denn je“, sagt er.

„Die Seele kitzeln“ nennt Gerd J. Pohl das, was die Puppen tun sollen. Nie dürfe ihr Spiel schneller sein, als Herz und Verstand mitkommen können. Von Heide Hamann habe er gelernt, Pausen zu setzen, Stille auszuhalten. Er selbst könne es „durchaus auch mal krachen lassen“, aber das dürfe nie die Grundstimmung sein.

Die Stücke im Puppenpavillon waren und sind immer von den Puppenspielern selbst geschrieben. Manche mit bekannten Märchen als Vorlage, andere ganz neu und noch nie erzählt. Drei Stücke hat Pohl von seiner Vorgängerin übernommen. Darunter das allererste Stück des Puppenpavillons: „Der verschwundene Zauberstein“. Das Publikum wächst immer wieder nach, und die uralte Magie des Puppenspiels ist zeitlos, solange der Puppenspieler es versteht, dessen Zauber zu beschwören. „Wir leben in einer so fantasieverlorenen Welt“, sagt Gerd J. Pohl. „Der Glaube an das, was man nicht mit den Händen anfassen kann, geht verloren. Das brauchen wir aber, sonst trocknen wir aus.“

Immer gab es im Puppenpavillon auch Stücke für Erwachsene. Seit Jahren spielen die Puppen den Dr. Faustus und den kleinen Prinzen. Demnächst soll Dracula hinzukommen. „Aber mit einem ganz großen Augenzwinkern“, sagt Pohl. Auch Lesungen gehören zu seinem Programm und die Ausstellung mit historischen Puppen im Nebenraum. Sogar der Spatz vom Wallrafplatz aus der gleichnamigen WDR-Kindersendung der 60er und 70er Jahre sitzt hier.

Die Nähe zwischen Puppenspieler und Publikum in dem kleinen Theater ist groß. Bereits an der Kasse wird jeder Gast persönlich begrüßt, auch das mitgebrachte Kuscheltier. Besonders intensiv wird die Vertrautheit, wenn beide nicht direkt miteinander kommunizieren, sondern über jene, die auf der Bühne „stehen“. Spricht der Puppenspieler durch die Puppe, kann er Emotionen und Vertrauen wecken, wie er es sonst kaum vermag. Mit den Jahren sind viele Puppen hinzugekommen, die nur gemeinsam haben, dass sie alle handgefertigt sind. Die „Besetzung“ ist abhängig vom Stück, wie es sich anfühlt oder anfühlen soll. Schon immer gingen die Puppen mit ihren Spielern auch auf Tournee. Reisebühne nennt sich das, was den Puppenpavillon in der Stadt und weit über diese hinaus bekannt machte. Das ist schön, aber es ist auch notwendig, denn ohne hätte sich das kleine Theater finanziell nie tragen können. Eine öfffentliche Förderung erhält es nicht. Weder Hamann noch Pohl haben sich je darum bemüht. Es ging ihnen um Autonomie und darum, das Geld mit eigener Hände Arbeit zu verdienen.

Heide Hamann lebte in einem Campingwagen in Lindlar und setzte sich und ihr Geld für Roma und Kriegsflüchtlinge ein. In einem Interview aus dem Jahr 2000 sagte sie: „Ich brauche diese ganzen Sachen nicht, die man sich angeblich anschaffen muss, ich vermisse gar nichts. Ich kann mein Geld für vernünftigere Sachen ausgeben, für andere Menschen.“

Ob wegen der engagierten Puppenspieler, des charmanten Kasperle oder der geglückten Suche nach der verlorenen Fantasie – Unterstützung hatte das kleine Theater immer. Ein Förderverein sammelt, Ehrenamtler packen mit an, die Zusammenarbeit mit Verwaltung und Politik, Schulen und Kindergärten, dem Bestattungsunternehmen Pütz-Roth ist fruchtbar.

Wie sehr die Menschen in der Stadt ihr Puppentheater lieben, zeigten sie 1998. Fünf Minuten vor der Vorstellung zum zehnjährigen Bestehen entstand ein Feuer durch ein defektes Verlängerungskabel. Der Theatersaal brannte ab. Die Puppen, die Bühnenbilder, die Stücke, die Stühle: alles weg. Das traurige Bild der Zerstörung in der Lokalpresse hatte eine Welle der Hilfsbereitschaft zur Folge. Kinder schrieben rührende Briefe: „Hoffentlich spielst du bald wieder“, der Förderverein sammelte Spenden, und nur zwei Monate nach dem Brand konnte wieder gespielt werden.

Als Heide Hamann mit 68 Jahren aufhörte, kam Gerd J. Pohl von Bonn nach Bensberg. Neuland war das Puppenspiel für ihn nicht. Bereits mit 13 hatte er seinen ersten Auftritt als Puppenspieler. Das war vor 30 Jahren. 1987 gründete er die Piccolo-Puppenspiele. Dafür, dass er Heide Hamanns Weg in ihrem Sinne fortsetzt, braucht es keine Theaterkritiken. Es reicht ein Blick ins Publikum. Dorthin, wo die Kinder gebannt die Zeit vergessen und das sanfte Kitzeln der Seele dankbar zulassen. Zusammengefasst sei das mit den Worten einer fünfjährigen Besucherin, die nach einer Vorführung sagte: „Das war wie ein Urlaub.“