29.07.2016
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Sterbebegleitung: Wenn das Kämpfen aufhört

Die Betreuung von Todkranken in ihrem Zuhause ist Aufgabe des Palliativteams.

Die Betreuung von Todkranken in ihrem Zuhause ist Aufgabe des Palliativteams.

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Roland U. Neumann

Bergisch Gladbach -

Bleich und etwas gelb ist das Antlitz der alten Dame. Ganz schmal ist ihr Gesicht geworden. Tief atmet sie mit geöffnetem Mund, aber sie scheint ihre Umgebung schon nicht mehr wahrzunehmen. „Nein, sie hört, was wir sagen, auch wenn sie sich nicht mehr artikulieren kann“, sagt Palliativ-Krankenschwester Eleonore, streicht der Sterbenden sanft über den Kopf.

Eine entspannte Stimmung herrscht in dem Schlafzimmer, in dem die 90-Jährige ihre letzten Stunden verlebt. Sie hat keine Schmerzen, der abgemagerte Körper liegt auf einer speziellen Dekubitus-Matratze, die das gefürchtete Durchliegen des alten Menschen verhindert. Mit dem Team von der Palliativ-Station des Vinzenz Pallotti Hospitals hat Schwester Eleonore alles so eingerichtet, dass die alte Dame ruhig zu Hause sterben kann. „Das hat sie sich immer gewünscht“, sagt ihr Mann, der vertrauensvoll mit der Pflegekraft die nächsten Stunden bespricht. „Sie gibt mir die Gewissheit, dass meine Frau in aller Ruhe von mir gehen wird“, sagt er.

Seit ein paar Stunden ist Schwester Eleonore im ambulanten Einsatz bei den Schwerstkranken und Sterbenden, die ihre letzte Lebenszeit in ihrem gewohnten Umfeld verbringen können – zu Hause, im Altenheim oder bei ihren Kindern. Acht Stunden dauert ihr Dienst, danach folgt noch die 24-Stunden-Bereitschaft, ein paar Mal in der Woche. „Das kann ganz schön schlauchen, aber es ist nicht vergleichbar mit dem Kampf ums Überleben auf einer Intensiv-Station“, sagt sie auf der Fahrt zum nächsten Patienten. „Es geht nicht mehr ums Heilen, sondern um eine schmerzfreie Phase bis zum Lebensende.“

Ruhig und gelassen betritt sie die Wohnung, in dem eine 50-Jährige in ihrem Bett liegt. „Ich muss zuerst wieder meine Schmerzen in den Griff bekommen“, sagt die Tumorkranke. Sie hat einen Port, einen Dauerzugang in die Hauptgefäße, kann das starke Schmerzmittel selbst dosieren. Schon seit längerem kann sie keine Nahrung mehr zu sich nehmen – Flüssigkeit und Nährlösung erhält sie durch einen Katheter in einer der großen Venen. „Wie blau der Himmel heute ist“, sagt sie beim Blick aus dem Fenster. Ganz ruhig, ohne Wehmut. Sie hat sich eingelassen auf den Tod, sie weiß, dass ihr nur ein paar Monate bleiben.

Voller Vertrauen spricht sie mit Schwester Eleonore über ihre ganz persönlichen Bedürfnisse. Schon bald könnte es, sein, dass sie bittet, sie „palliativ zu sedieren“, sie in einen Dämmerzustand zu versetzen, in dem sie die Beschwernisse im finalen Stadium nicht mehr spürt. Sie wird sanft sterben. Mit ihrem Mann, Schwester Eleonore und den anderen vom Palliativ-Dienst hat sie das genau abgesprochen. „Sie hat ihre Situation angenommen, und ihre Familie auch – sie kann ganz in Ruhe gehen", sagt Schwester Eleonore.

Dies sind typische Situationen, die das Pflegepersonal vom Vinzenz Pallotti Hospital in der neuen spezialisierten ambulanten Palliativ-Versorgung (SAPV) oft mit einem Patienten erlebt –– in der heimischen Umgebung mit den Angehörigen. „Ich kann ihm Erleichterung verschaffen durch das Absaugen, die Schmerzmedikamentierung umstellen oder, wenn es nicht mehr anders geht, eine palliative Sedierung einleiten, die ihn ruhig schlafen lässt“, berichtet Schwester Bärbel aus dem Team von Pflegedienstleiterin Iris Rehbein über ihren Einsatz, den die Krankenschwester mit der Spezialausbildung oft im Hintergrund mit dem Oberarzt und den Kollegen abspricht. „Man muss auch die Angehörigen einbeziehen in diesen Prozess, sie müssen wissen, was wir machen mit unserer palliativen Berufserfahrung – und dazu braucht man auch Mut.“ Ihre schwere Aufgabe gibt ihr auch eine hohe Zufriedenheit: „Die Symptomkontrolle ist die eine Seite, die Begleitung der Familie die andere – man kann viel Gutes tun, um die Situation zu verbessern.“ Was ist anders beim Einsatz auf der Intensivstation? „Da bedeutet der Tod eine Niederlage. Doch bei uns ist klar, der Patient wird sterben, wir helfen ihm, seine Lebenssituation zu verbessern – das Kämpfen hört auf.“

Was dies bedeutet, hat auch Pflegedienstleiterin Iris Rehbein erfahren: „Die Patienten haben einen langen Leidensweg mit einer Odyssee von Therapien hinter sich. Das ist jetzt vorbei – für viele ist es etwas Schönes, dies zu erfahren und die letzten Dinge des Lebens zu ordnen.“ Dazu gehöre der Abschied von den Angehörigen und Freunden, einen letzten Wunsch zu erfüllen. „Den Karnevalszug anschauen gehört auch dazu, man kann auch trotz des traurigen Schicksals fröhlich sein“, hat Rehbein erfahren. „Hospizdienst ist eben: Leben bis zuletzt, da ist auch Lachen erlaubt.“ Eine Regel ist: nicht um den heißen Brei herumreden. „Sterben ist für den, der geht, oft nicht so schlimm wie für den Angehörigen, der bleibt.“
So wie bei dem jungen Mann, dessen letzter Wunsch es war, in seinem eigenen Bett zu Hause sterben zu dürfen. „Ich dachte damals, er könnte auch dein Sohn sein. Ich war in engem Kontakt mit seinen Angehörigen, als ich die palliative Sedierung einleitete“, erinnert sich Iris Rehbein. „Als er seine letzte Zeit im Dämmerschlaf verbringen und sterben konnte, dachte ich: Wie wunderbar, dass ich diesem Jungen seinen Wunsch erfüllen konnte.“ Dieser junge Mensch und auch viele andere Patienten sind ihr in Erinnerung geblieben. „Aber es tut gut, ein Abschiedsritual zu haben und auch an der Beerdigung teilnehmen.“

Empathisch bleiben und dennoch die Distanz der fachlichen Rolle halten, das ist nicht so einfach, obwohl in den medizinische Berufen die Trennung von Beruf und Privatleben enorm wichtig ist. Eine Woche Urlaub hat sie vor kurzem gehabt – in dieser Zeit sind sieben Patienten gestorben. „Mir hilft dann die Erkenntnis: Du kannst nicht dem Leben mehr Tage geben, aber den Tag mehr leben.“ Mit einem Sterben in Frieden – zu Hause.