30.07.2016
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Gut Amtmannscherf: Tierische Entspannung garantiert

Die Hände nutzt der US-Therapeut sowohl für die Diagnose als auch für die Behandlung des Tieres.

Die Hände nutzt der US-Therapeut sowohl für die Diagnose als auch für die Behandlung des Tieres.

Foto:

Diethelm Nonnenbroich

Odenthal -

Jim Pascucci braucht kein großes Tamtam. In Jeans und T-Shirt steht der Amerikaner am Rande der Reithalle auf Gut Amtmannscherf und beobachtet, wie sich mehrere Pferde im Rund bewegen. Seine Augen verfolgen konzentriert, wie die Halter oder Tierpfleger mit ihren Tieren umgehen, wo die Longe zu heftig eingesetzt, zu sehr am Geschirr gerissen oder falsch geritten wird. Weder um sich selbst noch um die Sache macht Pascucci großes Aufhebens.

Pascucci ist Rolfing-Experte für Pferde. Das Rolfen ist eine von der Amerikanerin Ida Rolf entwickelte Behandlung für das Bindegewebe, mit dem Ziel, die Bewegungsabläufe von Menschen mit körperlichen Beschwerden zu verbessern. „Ein Pferd kann von Rolfing sehr profitieren, da die Faszien, die weichen Komponenten des Bindegewebes, ähnlich wie beim Menschen den Körper zusammenhalten. Sind sie durch Verletzungen, durch Fehlstellungen am Huf oder einen Sattel, der scheuert, nicht im Gleichgewicht, wird das Pferd krank“, erklärt der Therapeut. Im Rahmen eines dreitätigen Workshops im Scherfbachtal versucht Pascucci, sein Wissen, das er auch in einem unter Experten bekannten Buch festgehalten hat, an Pferdebesitzer und Tierärzte aus ganz Europa weiterzugeben. Andres Kohlbach, der auf Amtmannscherf eine Rolfingpraxis für Menschen betreibt, hat den Amerikaner nach Odenthal geholt. „Ich habe durch meine Tätigkeit von Jim gehört und ihn eingeladen, seine Techniken für Pferde hier zu lehren. Auch ich kann mir vorstellen, Pferde zu behandeln“, sagt Kohlbach.

Beide Männer wirken pragmatisch, verstehen auch, warum das Thema bei manchen Menschen Skepsis hervorruft. „Auch wenn die Anatomie von Pferd oder Hund der des Menschen ähnelt, gibt es einen ganz großen Unterschied: Sie sind Vierbeiner, ihr Bewegungsapparat ist ganz anders strukturiert. 60 Prozent des Körpergewichts liegen beim Pferd auf den Vorderbeinen. Deshalb braucht man einen eigenen Behandlungsansatz für Vierbeiner“, erläutert Pascucci seinen Zuhörern. Diese lauschen aufmerksam dem amerikanischen Singsang des in Colorado lebenden ehemaligen Managers.

Jim Pascucci kam bereits in den 1980er Jahren mit Rolfing in Berührung. Sein damaliger Bürojob bei einem Computerhersteller hatte ihm wiederkehrende Kopfschmerzen beschert, die er lange mit Tabletten bekämpfte. Doch erst als ein Rolfer seinen Körper wieder ins Gleichgewicht brachte, ließen die Beschwerden dauerhaft nach.

Ein Unfall seines Pferdes zehn Jahre später war schließlich für Pascucci der Anlass, seinen Job an den Nagel zu hängen und sich als Rolfer ausbilden zu lassen. „Mein Pferd hatte eine Verletzung und als ich einen Tierarzt rief, der ihm eine Spitze geben wollte, schlug das Pferd aus Angst nach ihm aus. Der Arzt drosch daraufhin auf das Tier ein, was ich sofort unterbunden habe. Er kann doch nicht meinen Freund schlagen“, erinnert sich Pascucci, und die Empörung über den Vorfall, der schon etliche Jahre zurückliegt, ist ihm immer noch anzumerken. Erst ein Rolfer für Pferde konnte seinem Tier helfen. Das war für den Familienvater die Initialzündung, umzuschulen und als Therapeut zu arbeiten.

Pascucci hat eine fünfstufige Behandlungsmethode entwickelt, deren erste drei Schritte er in Amtmannscherf vor den Zuschauern demonstriert. Nachdem die Muskulatur und das Bindegewebe gelockert sind, geht es um die Beweglichkeit der Pferdeschulter und schließlich um die Hinterhand, die besonders bei fürs Westernreiten eingesetzten Pferden belastet ist.

Anschließend haben Zuschauer, darunter mehrere Tierärzte, die Möglichkeit, das Gelernte selbst an Pferden einzusetzen. Lisa Praller ist aus Regensburg angereist, sie ist dabei, sich eine Rolfingpraxis aufzubauen, besitzt selbst ein Pferd. Für sie ist die zusätzliche Qualifikation durch den Experten aus Amerika wichtig. „Ich konnte merken, wie das Tier sich zunehmend entspannte“, schildert sie ihre Eindrücke nach der ersten Behandlung eines Pferdes. „Man darf nichts erzwingen wollen, muss hinnehmen, wenn das Tier weggeht“, hat sie gelernt.

Nach der Behandlung war Praller überrascht: „Das Tier, das vorher kaum zu bewegen war, seine Box zu verlassen, hat mich quasi zu einem Spaziergang über die Felder genötigt. Es hatte wieder richtig Spaß an der Bewegung.“
Auch Gastgeber Kohlbach ist nach dem dreitägigen Seminar mit dem Gast aus Colorado zufrieden. „Das Seminar ist so gut angekommen, das wir eventuell ein zweites Seminar nächstes Jahr planen, vielleicht auch mit Anwendungsmöglichkeiten an Hunden“, hofft Andres Kohlbach.

www.jimtherolfer.com