29.08.2016
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Asylbewerber im Rhein-Erft-Kreis: Schicksale der Flüchtlinge berühren die Helfer

Bei der Vielfalt ihrer ehrenamtlichen Arbeiten in der Asylbewerber-Notunterkunft am Gutenberg-Gymnasium müssen Dorit und Wolfgang Rütten gelegentlich auf den Dienstplan schauen.

Bei der Vielfalt ihrer ehrenamtlichen Arbeiten in der Asylbewerber-Notunterkunft am Gutenberg-Gymnasium müssen Dorit und Wolfgang Rütten gelegentlich auf den Dienstplan schauen.

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Fratz

Rhein-Erft-Kreis -

Als Dorit und Wolfgang Rütten Ende Juli hörten, dass am nächsten Tag 150 Asylbewerber in Bergheim eintreffen würden, fuhren sie spontan zum Gutenberggymnasium und fragten den städtischen Organisationsleiter vor Ort: „Was können wir tun?“ Seitdem sind die Zievericher regelmäßig im Einsatz: Essensausgabe, Kinderbetreuung, Sortieren von gespendeten Spielsachen. Dorit Rütten (65) setzt sich ein, wo es geht und wo es nötig ist, oft mehr als zehn Stunden pro Woche. Als ihr jetzt für eine Kinderbetreuung ein kleines Honorar angeboten wurde, hat sie beschlossen, das Geld für die Anschaffung von Spielzeug für die Flüchtlingskinder zu spenden.

Wolfgang Rütten (67) kümmert sich um das Organisatorische. „Die Atmosphäre ist gut“, betont er. Viele Asylbewerber seien zwar „sehr zurückhaltend, aber froh und dankbar“. Rütten: „Die fehlende Privatsphäre für die Menschen ist natürlich schwierig.“ Er habe festgestellt, dass „Händedruck und Blickkontakt signalisieren, dass wir unsere Hilfe gerne geben“. Ihre Engagement wollen sie noch lange fortsetzen. Da gebe es keine Debatten zu Hause. Nicht zu kurz kommen sollen allerdings die vier Enkelkinder, für die es seit Jahren den festen wöchentlichen „Oma- und Opa-Tag“ gibt.

Für Julia Weitz sind die Flüchtlinge, die sie betreut, gute Freunde geworden. Die 22-Jährige lebt in Bedburg und hat irgendwann im vorigen Jahr angefangen Flüchtlingskindern Nachhilfestunden zu geben. Über die Kinder entwickelte sich der Kontakt zu den Familien, und sie zur Anlaufstelle für viele Probleme und Hilfestellungen, von Reparaturen im Haushalt über Arztbesuche und Behördengänge bis hin zu Stadtführungen.

Auch als Kummerkasten und Übersetzerin sei sie im Einsatz, sagt Weitz. „Zeitweise war ich 24 Stunden in Bereitschaft.“ Zwischen zwei Studiengänge habe sie das leisten können.

Aber auch heuten noch ist die angehende Polizistin täglich im Einsatz, mindestens zwei, drei Sunden pro Tag. Mit Gleichgesinnten gründete sie im Herbst 2014 die Flüchtlingshilfe „Bedburger Hände“, in der zurzeit rund 20 Leute aktiv sind und weitere 30 auf einer Liste stehen.

Wie kommt die Arbeit bei den Flüchtlingen an? „Meine Jungs lieben mich wie eine Schwester. Sie und ihre Familien, die wir schon mehr als ein Jahr betreuen, sind mir sehr ans Herz gewachsen.“ Die Schwester fährt beispielsweise Taxi: Sie sammelt die Jungs im Stadtgebiet ein und bringt Ronaldo, Messi, Neymar und Götze zum Fußballtraining.

„Nicht alles ist so lustig“, sagt sie. „Bei vielen Flüchtlingen, die seit mehr als einem Jahr in Bedburg leben und etwas zur Ruhe kommen, brechen nun die Traumata auf. Es ist unvorstellbar, was sie erlebt haben, auch die Kinder.“

Unterstützung benötigen auch die vielen Helfer. Die Stadt Hürth bot den Ehrenamtlern und auch den Mitarbeitern der Stadtverwaltung, die bei der Erstaufnahme der Flüchtlinge im Einsatz waren, Hilfe durch das PSU-Team der Feuerwehr an, das sonst Feuerwehrleuten nach belastenden Einsätzen psychosoziale Unterstützung leistet.

Die Eindrücke von dem Leid, das die Flüchtlinge in ihrer Heimat und auf der Flucht erlebt hätten, sei vielen Helfern nahe gegangen, berichtet Sozialdezernent Jens Menzel. „Viele Flüchtlinge waren in einer schlechten körperlichen und psychischen Verfassung, es waren auch viele Kinder dabei, zum Teil ohne Begleitung“. Das beschäftigt viele Helfer über den Tag hinaus.“

Ein Gesprächsangebot nahmen einige Helfer am Donnerstag an. „Allerdings haben wir den Eindruck, dass das Angebot noch etwas zu früh kommt“, berichtete Holger Reiprich, der Leiter des PSU-Teams. „Die Motivation der Helfer ist sehr hoch, sie zeigen größtes Engagement. Da geht es nicht nur um psychische Belastungen, sondern auch um physische Erschöpfung.“ Man werde erneut ein Gesprächsangebot unterbreiten. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass strukturierte Gespräche dabei helfen können, dass Belastungsmomente gar nicht erst aufkommen.“