26.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Hochhaus am Berliner Ring: Symbol für Niedergang eines Viertels
19. July 2013
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Hochhaus am Berliner Ring: Symbol für Niedergang eines Viertels

Ein bundesweit einmaliger Vorgang: Die Stadt Bergheim kauft alle Wohnungen dieses Hochhauses auf, um es abzureißen.

Ein bundesweit einmaliger Vorgang: Die Stadt Bergheim kauft alle Wohnungen dieses Hochhauses auf, um es abzureißen.

Foto:

Dennis Vlaminck

Bergheim -

Wer Peter Echterhagen besuchen will, muss gut bei Stimme sein oder einen kräftigen Schlag haben. Die Klingel seiner Wohnung funktioniert schon lange nicht mehr. Echterhagen (51) reagiert auf Rufe oder Trommeln gegen die Plastikverkleidung seines Balkons. „Ich wohne ja wenigstens noch im Erdgeschoss“, sagt er. „Aber die Leute oben …“

Nicht nur die Klingeln sind kaputt im bis zu zwölfstöckigen Hochhauskomplex am Berliner Ring 41–45 in Bergheim. In den meisten Wohnungen gibt es keinen Strom und kein Wasser mehr, etliche Balkone sind wegen Baufälligkeit gesperrt, in den Fluren riecht es nach Urin. Echterhagen gehört zu den letzten Bewohnern des riesigen Gebäudes. Die Stadt Bergheim will das Haus 2014 abbrechen lassen. Bis auf fünf sind alle 226 Wohnungen schon im Besitz der Stadt.

Ein bundesweit einmaliger Vorgang. „Unseres Wissens ist es noch nie zuvor einer Kommune gelungen, einen solchen sozialen Brennpunkt auf diese Weise zu beseitigen“, sagt Bergheims Beigeordneter Klaus-Hermann Rössler. Das Haus am Berliner Ring ist eines der Kernprobleme im schwierigen Stadtteil Süd-West. Von 2002 bis 2014 werden Stadt, Land, Bund und EU im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“ über 17 Millionen Euro in Süd-West hineingepumpt haben, für den Bau eines Bürgerzentrums, für Sozialarbeiter, für Sanierungen und mehr. Mit Erfolg, wie sich an den Grundstückspreisen ablesen lässt. „Sie sind wieder gestiegen“, sagt Horst-Günter Lankers, der im Rathaus für den Stadtteil zuständig ist.

Der Wohnpark am Berliner Ring ist 1974 als Vorzeigeprojekt gestartet. Gebaut für die Arbeiterschicht, bot er Schwimmbad, Sauna und Partyräume. Doch irgendwann geriet das Hochhaus in eine soziale Schieflage. In der Eigentümergemeinschaft kamen keine Mehrheiten mehr für Sanierungen zustande, Eigentümer zogen aus. „Das Haus ist eine Bausünde, architektonisch und strukturell missraten“, sagt Rössler. In der Anonymität dieses Klotzes sei keine Nachbarschaft entstanden.

„Das Haus ist eine Bausünde.“

Bergheims Beigeordneter Klaus-Hermann Rössler

Der Berliner Ring wurde zum Synonym für den sozialen Niedergang eines ganzen Bergheimer Viertels. Die Stadt versuchte, den Makel teils durch Umbenennung zu tilgen – die Straße erhielt fast auf der kompletten Strecke neue Namen. Auf dem letzten Rest vom ungeliebten Berliner Ring, etwa Hundert Metern, will die Stadtverwaltung nun Sozialpolitik mit der Abrissbirne betreiben.

Ein immenser Kraftakt, denn es galt, mehr als 200 Eigentümer zum Verkauf zu überreden. Beim Start des Projekts im vorigen Herbst waren noch 95 Wohnungen belegt, jetzt gibt es noch 25 Mietparteien. Eine städtische Entwicklungsgesellschaft hat eigens ein Büro eingerichtet, in dem zwei Mitarbeiterinnen den letzten Mietern bei der Wohnungssuche helfen. „Leider gibt es immer wieder einige Familien, denen die vermittelten Wohnungen nicht zusagen“, sagt Svenja Hamacher vom Vermittlungsbüro. „Meist sind das dann auch ausgerechnet solche Familien, die es ohnehin schwer haben dürften.“

Das fast leere Abbruchhochhaus, das inzwischen oft als Filmkulisse dient, lockt Kriminelle an, Metalldiebe sind gern im Haus unterwegs. Und vor gut einem halben Jahr quartierten sich mehrere Roma-Familien zwar guten Glaubens, aber doch illegal ein: Ein Bergheimer besorgte den etwa 50 Roma Schlüssel zu Wohnungen, die ihm gar nicht gehörten, und kassierte Miete. In der Kreisstadt machte sich Angst vor Duisburger Zuständen breit: Dorthin sind Tausende Roma gezogen, soziale Konflikte – unter anderem in einem Stadtteil namens Bergheim – sind an der Tagesordnung. Inzwischen sind aber fast alle Roma am Berliner Ring wieder ausgezogen. Die letzte Familie, die laut Hausverwaltung für gewalttätige Übergriffe auf zwei Hausmeister verantwortlich sein soll, hat ebenfalls angekündigt, in den nächsten Tagen die Koffer zu packen.

Mehr als sechs Millionen Euro sollen Wohnungskäufe und Abriss kosten. 70 Prozent davon übernimmt das Land. Und weil öffentliches Geld fließt, wird es später auch eine öffentliche Nutzung der Fläche geben. Der Bau einer Schule ist im Gespräch.