24.08.2016
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Jubiläum: Kraftwerk seit 50 Jahren am Netz

Das Kraftwerk im Jahre 1963. Zwei 150-MW-Blöcke sind im neuen Kraftwerk am Netz.

Das Kraftwerk im Jahre 1963. Zwei 150-MW-Blöcke sind im neuen Kraftwerk am Netz.

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RWE-Archiv

Bergheim-Niederaußem -

Schon im November 1960 beginnt eine kleine Armee von Arbeitern damit, die Baustelle für das neue Kraftwerk "Fortuna IV" herzurichten. Vorerst vier Kraftwerksblöcke mit einer Gesamtleistung von 600 Megawatt (MW) sind geplant. Nach sechs Monaten sind die Aushubarbeiten abgeschlossen, das mächtige Betonfundament ist gegossen.

Am Morgen des 30. Mai 1961 ist die Betonplatte im Boden festlich geschmückt, es gibt eine hochempfindliche Mikrofonanlage, einen Plattenspieler für die Marschmusik und auch "ein Dutzend Kästen Flaschenbier", wie der "Kölner Stadt-Anzeiger" damals vermeldet. Gegen 12 Uhr verebbt der Lärm auf der Baustelle, und ein zylindrischer Behälter mit Dokumenten, Plänen, Zeitungen und Münzen wird feierlich und unter Anteilnahme von fast 1000 Arbeitern eingemauert. Zwei Jahre später, vor genau 50 Jahren, läuft Kraftwerk IV zur Probe an.

Asche mit Lastwagen

Zwei 150-MW-Blöcke produzieren von da an nicht nur Strom, sondern auch Lärm und jede Menge Dreck. In den ersten Wochen gibt es offenbar kein betriebsbereites Transportband für die beim Verbrennen der Kohle anfallende Asche. Die muss im Tagebau Fortuna deponiert werden. So bleibt im Sommer 1963 nichts anderes übrig, als die Asche mit Lastwagen Tag und Nacht abzutransportieren.

Die Auenheimer bringt das auf die Palme. Die Lastwagen verlieren oft große Mengen Asche, die Staubentwicklung ist erheblich. Die Bürger beschweren sich und schimpfen, sogar zu Pfingsten seien die Lastwagen gefahren und hätten dabei Kirchgänger mit ihrer flüchtigen Fracht belästigt.

Und noch etwas stört sowohl die Auenheimer als auch die Niederaußemer: Wenn das Kraftwerk Dampf ablasse, sei der Lärm ohrenbetäubend. "Das knallharte Heulen übertrifft nahezu die Phonstärken startender Starfighter über Oberbolheim", hält Hans Wüllenweber fest. Das Pfeifen hören die Anwohner noch lange.

Diskussion über Schadstoffe

Niederaußem bleibt eine Baustelle. Denn bevor die Blöcke A und B den ersten Strom produzieren, beginnt gleich nebenan der Bau der ersten 300-MW-Anlage. RWE dringt nach eigenen Angaben mit diesem Block, der durch zwei Kessel mit Dampf versorgt wird, in eine neue Dimension des Kraftwerkbaus vor. Im Sommer 1965 geht der neue Block ans Netz. Knapp zehn Jahre werden gleich zwei doppelt so große Blöcke mit einer Leistung von je 600 MW angefahren. Bis dahin sind mehr als 600 Millionen D-Mark in den Bau geflossen.

Zu Beginn der 80er Jahre beginnt eine Diskussion um die Schadstoffe, die Braunkohlekraftwerke ausstoßen. Der Aufschluss des neuen Großtagebaus Hambach zwischen Düren und Kerpen wird zwei Jahre zuvor erstmals von protestierenden Umweltschützern begleitet - und befördert die Diskussion um die Schadstoffe. Neue Grenzwerte und Umweltschutzauflagen veranlassen RWE 1986, ein milliardenschweres Programm zur Entstickung und zur Entschwefelung der Abgase aus den Kraftwerken zu starten.

Dem Kraftwerk Fortuna IV, das längst Niederaußem heißt, kommt dabei besondere Bedeutung zu. Denn als Nebenprodukt aus der Rauchgasentschwefelung fallen jährlich Tausende Tonnen Gips an. Gleich neben dem Kraftwerk entsteht eine Anlage, die den "Abfall zu einem handelsüblichen Produkt für die Baustoffindustrie verarbeitet".

1997 beginnt auf dem Gelände der Bau des bislang größten Kraftwerksblocks. Das Braunkohlekraftwerk mit optimierter Anlagentechnik (BoA) wird von neuen Superlativen gekennzeichnet. Ein 1000-MW-Block ist bis dahin einzigartig und erfordert mit einem Kesselhaus von 172 Metern den Bau des höchsten Industriegebäudes Deutschlands. Statt bisher 31 Prozent werden beim BoA-Kraftwerk 43 Prozent der eingesetzen Kohle in Strom verwandelt - für RWE-Ingenieure ein großer Erfolg. Der neue Block geht als "modernster der Welt" 2002 ans Netz. Diesmal drücken der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement den Knopf.

Blöcke in Flammen

Vier Jahre später, im Juni 2006, entgeht das Kraftwerk nur knapp einer Katastrophe. Gegen 1.15 Uhr in der Nacht bricht in der Bekohlungsanlage eines zu dieser Zeit stillgelegten 600-MW-Blocks ein Feuer aus. Die Flammen greifen auf andere Blöcke über. Die Werksfeuerwehr löst Großalarm aus. Es kommen nicht nur die Wehren aus der Region, sondern auch die Bayer-Werksfeuerwehr und die Einsatzkräfte der Kölner Flughafen-Wehr. Die 300 Helfer können den Brand unter Kontrolle bringen. Der Sachschaden liegt im zweistelligen Millionenbereich.

In den vergangenen zehn Jahren hat das Unternehmen hohe Beträge in die Ertüchtigung alter Blöcke investiert, die Abgasreinigung vorangetrieben. RWE forscht in Niederaußem an der Abscheidung von Kohlendioxid (CO2) und treibt die Trocknung der Braunkohle voran. Dennoch stößt das Kraftwerk 2010 nach Angaben des Europäischen Schadstoffregisters (PRTR) 28,1 Millionen Tonnen CO2 aus, mehr als 2008 und 2009.

Die Pläne, in Niederaußem noch einen Doppelblock mit einer Leistung von 1100 MW zu errichten, sind umstritten. Auch wenn dafür alte Blöcke mit einer Leistung von insgesamt 1200 MW stillgelegt werden sollen. Die ersten Blöcke A und B aus dem Jahr 1963 sind Ende vorigen Jahres in Niederaußem endgültig vom Netz genommen worden.