29.09.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Homöopathie: Tierchen, die heilen sollen

Mit einem Milchkaffeelöffel und viel Fingerspitzengefühl setzt Heilpraktikerin Minika Czech die Blutegel bei Margret Engels an.

Mit einem Milchkaffeelöffel und viel Fingerspitzengefühl setzt Heilpraktikerin Minika Czech die Blutegel bei Margret Engels an.

Foto:

Britta Havlicek

Brühl-Vochem -

Wenn Monika Czech zu einem ihrer Heilmittel greift, wird einem zunächst einmal etwas anders. Denn die 45-jährige Heilpraktikerin aus Brühl therapiert in ihrer Praxis viele Patienten mit Blutegeln. Und das ist alternativ, ungewöhnlich, für viele möglicherweise abschreckend, aber erwiesenermaßen heilsam. „Wer erst einmal am eigenen Leib erlebt, was diese Tiere für kleine Wunder vollbringen, sieht sie mit anderen Augen“, sagt Monika Czech.

Margret Engels ist eine Patientin, die unter Arthrose im Kniegelenk leidet und die – wie sie sagt – die „Heilkraft der Blutegel“ bereits erlebt hat. Alle paar Monate kommt sie in die Praxis und bittet Monika Czech, ihr Blutegel anzusetzen. Auf das geschwollene Knie. „In meinem Knie steckt so ein Druck“, klagt die Seniorin. „Das platzt gleich. Deshalb freue ich mich schon auf meine kleinen Freunde.“

Es ist so weit. Margret Engels macht es sich auf der Liege in einem Behandlungsraum bequem und entblößt ihr rechtes Knie. Monika Czech piekt eine Nadel in die Haut auf der Kniescheibe. Ein Blutstropfen quillt hervor. Dann angelt die Heilpraktikerin mit einem Latte-Macchiato-Löffel in einem großen Gurkenglas und fischt einen dunklen, glänzenden Blutegel heraus. Das wurmartige Tier windet sich, bis es mit seinem Beißwerkzeug an die blutige Stelle am Knie andockt. Mit seinen vielen Zähnen sägt sich der Egel in die Haut ein und hält sich mit einem Saugnapf, den er am Hinterteil trägt, fest. Dann beginnt der dunkelgrüne Körper zu pulsieren. „Der hat es aber eilig“, sagt Margret Engels und schmunzelt. Einen Schmerz spüre sie aber nicht. Im Gegenteil. „Ich merke jetzt schon, wie der Druck im Knie nachlässt“, sagt Margret Engels.

„Dass das Blutsaugen nicht schmerzt ist die Überlebensstrategie des Blutegels.“
Monika Czech

Monika Czech erklärt: „Dass das Blutsaugen nicht schmerzt, ist die Überlebensstrategie des Blutegels. Er sorgt dafür, dass er möglichst unbemerkt Blut absaugen kann.“ Das funktioniert dank eines Serums namens Hirudin, das der Egel beim Sägen in die Wunde abgibt. Czech: „Das Serum wirkt blutverdünnend, schmerzstillend und entzündungshemmend.“ Das helfe vor allem Patienten, die Schmerzen an Bändern, Gelenken und Sehnen hätten. Oder Durchblutungsstörungen. Monika Czech setzt die Blutegel außerdem bei akuten und chronischen Gelenkschmerzen ein, bei Krampfadern, Sehnenscheidenentzündungen, Bluthochdruck, Rheuma, Mittelohrentzündungen, Abszessen und weiteren Beschwerden. Die 45-Jährige ist seit 19 Jahren Heilpraktikerin, hatte damals ihre Prüfung beim Gesundheitsamt Köln abgelegt und hat sich auf Homöopathie spezialisiert. In den vielen Jahren, in denen sie praktiziert, hat sie ihre Spezialthemen gefunden und ausgebaut. Sie kümmert sich insbesondere um Wechseljahrsbeschwerden, allgemeine Immunschwäche, um Allergien, seelische Störungen und Asthma. Auch bei Säuglingsbeschwerden, Schlafstörungen und häufigen Infekten bei Kindern steht sie den Patienten zur Seite. Mit der Blutegeltherapie ist Monika Czech in der Region eine Seltenheit. „Es nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, denn man muss ja die ganze Zeit bei dem Patienten bleiben“, erklärt sie.

Margret Engels gehört zu den erfahrenen Patienten. Sie hatte bereits eine Blutegeltherapie, um ihre Krampfadern behandeln zu lassen. Damals hatte sie nach jeder Sitzung die Blutegel mit nach Hause genommen – und zum nächsten Termin wieder mitgebracht. „Die Tiere taten mir irgendwie leid“, erklärt sie. Denn es ist Vorschrift, die Blutegel nach der Therapie zu töten. „Entweder legt man sie in Alkohol oder friert sie ein“, sagt Monika Czech. „Das muss leider sein. Aber ich bin froh um jeden Patienten, der seine Egel mit nach Hause nimmt.“

Bei der aktuellen Therapie verzichtet Margret Engels darauf, die als Medikament deklarierten Tierchen mit nach Hause zu nehmen. Noch hängen die fünf Egel an ihrem Knie und haben nach knapp einer Viertelstunde ihren Körperumfang verdoppelt. Der erste Egel ist satt und lässt sich fallen. Nacheinander purzeln die vollgesogenen Tiere auf die mit Tüchern ausgelegte Liege, und Monika Czech sammelt sie flink ein. Ab in eine alte Kartoffelsalatdose mit den Egeln, bevor sie im Tiefkühlfach landen. Währenddessen rinnt das Blut aus den Bisswunden am Knie. Auch das gehöre zur Therapie, versichert Czech. Das Nachbluten sei gesund. „Das gestaute, kranke Blut läuft aus dem Körper.“ Und so kann sich neues Blut bilden.