01.06.2016
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Zählung in Erftstadt: Nächtliche Suche mit dem Scheinwerfer nach den Feldhasen

Im Scheinwerferlicht werden die Hasen gezählt.

Im Scheinwerferlicht werden die Hasen gezählt.

Foto:

Jürgensonn

Erftstadt-Friesheim -

Ein bisschen verdächtig sah das schon aus: Vier Leute treffen sich abends um zehn auf dem Lechenicher Marktplatz. Ausgerüstet mit einem großen Scheinwerfer steigen wir in ein Auto und fahren wieder weg.

Wer sie verfolgt hätte, wäre erst recht misstrauisch geworden. Denn ein paar Minuten später rollt das Fahrzeug langsam über die Feldwege zwischen Lechenich und Friesheim, der Schein der starken Lampe gleitet über die Felder.

Wir vier haben nichts Ungesetzliches im Sinn. Wir zählen Feldhasen. Seit 19 Jahren unterhalten der Hegering Erftstadt (in ihm sind die Erftstädter Jäger zusammengeschlossen), die Kreisjägerschaft und der Naturschutzbund (Nabu) ein gemeinsames Lehr- und Versuchsrevier. Und seitdem wird dort jedes Frühjahr nachgezählt, wie viele Feldhasen es gibt. Ganz genau kann man die Tiere natürlich nicht erfassen – sie treten schließlich nicht zum Appell an. Doch Hans-Joachim Kühlborn geht davon aus, dass 80 bis 90 Prozent auf seiner Liste landen. Er ist bei der Stadt Erftstadt Leiter des Fachbereichs Umwelt und gleichzeitig Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Lehrrevier.

Lehr- und Versuchsrevier

Am Steuer sitzt an diesem Abend Hans-Peter Kretz. Dem Landwirt und Jäger gehört ein gutes Viertel der rund 420 Hektar des Reviers. Mit dabei ist auch Jens Hoffesommer, ebensfalls Mitarbeiter im städtischen Umweltamt. Dass Kretz und Kühlborn ein seit Jahren eingespieltes Team sind, merkt man sofort.

Gelassen lässt Kretz sein Auto rollen, hält mit einer Hand den Scheinwerfer aus dem Fenster. Kühlborn gibt die Richtung vor, „An der Kreuzung links, linke Seite.“ Was heißt, das Felder linker Hand abgeleuchtet werden. Nach dem immer gleichen Plan fährt man so die immer gleiche Strecke ab – nur das ergibt vergleichbare Zahlen. Wenn links gezählt wird, sind die Hasen auf der rechten Seite egal. Und auch das Exemplar, das hartnäckig mitten auf dem Weg sitzt, kommt nicht in die Statistik.

Man kann Hasen zählen und gleichzeitig diskutieren. Warum gibt es viel weniger Hasen als noch vor 20 Jahren? Immer wieder sehen wir an diesem Abend einen, den Kretz als Mitschuldigen ausmacht: den Fuchs. Andererseits müsse er als Landwirt den emsigen Mäusejäger doch schätzen. „Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust“, gibt er zu. Kühlborns Freude darüber, dass im Friesheimer Busch ein Uhu heimisch geworden ist, mag er auch nicht so ganz teilen: „Noch einer, der es dem Hasen schwer macht.“

Auch wenn sich die Hasen rar machen an diesem Abend, herrscht faszinierendes Leben auf den Feldern. Immer wieder sieht man die Augen eines Wildtieres aufleuchten, Wiesel sind ebenso unterwegs wie Kaninchen. An einer der Feldhecken stehen Rehe. „Da war was!“ „Das war nur ein alter Grasbüschel.“ „Es hat sich aber bewegt.“ Kretz legt den Rückwärtsgang ein, leuchtet nochmal an die Stelle, wo ich ein Tier gesehen zu haben glaube. Und richtig, da sitzt eine Eule. Auch sie kommt auch Kühlborns Liste. „Beifang“ nennt er scherzhaft all die Tierarten, denen unser Interesse diesmal nicht gilt, die aber trotzdem registriert werden.

Hans-Joachim Kühlborn führt die Statistik.

Hans-Joachim Kühlborn führt die Statistik.

In den Anfangsjahren des Lehr- und Versuchsrevier sind auf den kahlen Äckern einige Hecken angelegt worden, um dem Wild Schutz und Nahrung – Deckung und Äsung, wie der Jäger sagt – zu geben. Hans-Peter Kretz pflegt die Büsche. Profitiert hätten davon vor allem die Rehe, sagt Kühlborn, Hase und Fasan weniger. Die Landwirtschaft sei sicher ein Faktor für den Rückgang der Arten, vermutet er. Es gebe immer weniger Kräuter und Gräser, auch immer weniger Insekten. „Wie soll der Fasan das seine Jungen aufziehen?“

Prompter Widerspruch von der Landwirtsseite. „Früher ist doch viel mehr gespritzt worden“, sagt Kretz. Moderne Maschinen sorgten dafür, dass heute viel weniger Pflanzenschutzmittel ausgebracht würden.

Nach einem festen Plan fährt Hans-Peter Kretz die Feldwege ab und leuchtet über die Äcker.

Nach einem festen Plan fährt Hans-Peter Kretz die Feldwege ab und leuchtet über die Äcker.

Währenddessen schweift der Lichtstrahl über die Felder, auf denen das Getreide schon kräftig sprießt. Günstig ist immer, wenn wir in die Fahrspuren der schweren Maschinen hineinleuchten können. Dort sitzen die Hasen gern, weil es trockener ist als zwischen den feuchten Halmen. Feldhasen sind sehr witterungsabhängig. Die ersten Jungtiere dieses Jahres, da sind die Fachleute einig, dürften die nassen letzten Wochen wohl kaum überlebt haben.

101 Hasen haben wir nach zweieinhalb Stunden auf der Liste. Viel ist das nicht. Nur 2005 waren die Zahlen noch schlechter, ansonsten lagen sie meist über 150, in den Jahren 1998 und 1999 sogar über 200. Entsprechend gedämpft ist die Stimmung, als wir wieder auf dem Lechenicher Marktplatz ankommen. „Die Zahlen sind eine Aufforderung, zu handeln“, sagt Kühlborn. „Wenn man nur wüsste, was man tun kann.“

  1. Nächtliche Suche mit dem Scheinwerfer nach den Feldhasen
  2. Statistik
  3. Verwechslung mit Wildkaninchen
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