30.07.2016
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Schauspieler Haydar Zorlu: Eine Kultur mit zwei Sprachen

An den Festtagen steht Schauspieler Haydar Zorlu hinter der Theke im Geschäft seines Bruders - "auch eine Art Bühne", findet der 45-Jährige.

An den Festtagen steht Schauspieler Haydar Zorlu hinter der Theke im Geschäft seines Bruders - "auch eine Art Bühne", findet der 45-Jährige.

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Sandra Ebert

Eitorf/Istanbul -

Peperoni? Scharf oder eher mild? Gefüllte, kleine Tomaten? Mit oder ohne Knoblauch? Und wie viel vom Meeresfrüchtesalat darf es sein? Hinter der Theke von „Feinkost Zorlu“ an der Asbacher Straße drängeln sich die Verkäufer. Und vor der Theke wird noch mehr gedrängelt. Schließlich wollen die Kunden zum Fest unbedingt ein paar besondere Leckereien haben. Und wer Zeit hat, der gönnt sich in der anderen Ecke des Geschäfts einen Apfeltee mit Honig und ein Schwätzchen.

Über die Feiertage und vor Silvester ist immer besonders viel los bei Zorlus, und dann haben sie auch besonders viel Hilfe in ihrem Geschäft. Fast die ganze Familie und viele Freunde helfen. Für Schauspieler Haydar Zorlu gehört das Arbeiten zwischen eingelegten Oliven und frischem Obst zur Familientradition. „Eitorf war immer mein Ruhepunkt“, erzählt der 45-Jährige. „Ich käme mir komisch vor, wenn mein Bruder, meine Schwägerin und alle anderen hier im Laden stehen – und ich nicht. Außerdem ist das hier auch eine kleine Bühne. Und Feinkost biete ich schließlich auch in meinem Theater in Istanbul an.“

Literarische Feinkost allerdings: Seit Ende März 2009 spielt er Goethes „Faust“ als Solostück in der türkischen Stadt, zunächst auf Deutsch, mittlerweile auch in einer eigenen türkischen Übersetzung. Zorlus 80-minütige Bearbeitung des Goethe-Klassikers kommt so gut an, dass die Vorstellungen bereits ein Jahr im Voraus ausverkauft sind, immer mehr Schulen und Universitäten fragen an. Ab 2013 soll er sein „Faust“-Solo auch jeden Dezember im Theater im Park in Eitorf spielen. „Ich bringe die Essenz des Stücks auf die Bühne, und dadurch wird der Weg zum Original eröffnet.“ Sowohl die deutsche als auch die türkische Bühnenversion eröffnet Zorlu mit einer fünfminütigen Einleitung auf Deutsch, in der Zueignung erläutert Goethe seine Sicht auf das gesamte Werk. „Das ist der Schlüssel, und das funktioniert auch in der Türkei“, berichtet Zorlu. „Es ist mein Beitrag zur kulturellen Vielfalt.“

Der türkische Kultusminister schickte ihm Glückwünsche, als „symbolisch für die Tiefe der deutsch-türkischen Beziehungen“ lobte die deutsche Generalkonsulin Britta Wagener sein Stück, in dem er „ganz großes Theater im Taschenformat“ (WAZ) auf die Bühne bringt und dabei von Mephisto zu Gretchen und zurück zu Faust wechselt.

„Goethe hat die hellen und dunklen Vokale so gesetzt, dass beim Lesen die Mimik des jeweiligen Charakters entsteht“, sagt Haydar Zorlu. „Spricht Mephisto, entsteht ein diabolisches Gesicht, bei Gretchen ein kindliches.“ Deshalb hat er auch seine eigene Fassung auf Türkisch erstellt, obwohl der „Faust“ bereits in 15 verschiedenen Übersetzungen vorliegt.
Für ihn, so sagt Haydar Zorlu, sei das Deutsche und das Türkische „eine Kultur mit zwei Sprachen“. Umso mehr schmerzt es ihn, dass das Goethe-Institut in Istanbul eine Zusammenarbeit ablehnt. „Ich habe angeboten, das Stück unter die Leute zu bringen, die deutsche Sprache zu pflegen. Doch die Leiterin erklärte, nach Gustav Gründgens und Will Quadflieg brauche es keine weitere Faust-Inszenierung.“

Doch auch ohne das Goethe-Institut gehört das „Faust“-Solo in Istanbul längst zur Kulturszene. Dieses Jahr eröffnete Zorlu, der in Deutschland als Serienschauspieler unter anderem bei den „Anrheinern“ bekannt wurde, sogar ein eigenes Theater in Istanbul und unterrichtet Schauspielschüler. „Ich bekomme immer noch Serienangebote. Aber ich wollte endlich das machen, weshalb ich Schauspieler geworden bin“, erzählt er. „Ich habe auch schon während meiner Zeit als Fernsehschauspieler immer in meinen Drehbüchern Seiten mit Goethes Zitaten gehabt. Das war mein Ausgleich zu diesen ewig dummen, nicht glaubwürdigen Texten.“