26.08.2016
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Vogelhilfe Rhein-Sieg: Gänse beschützen die Patienten

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ebert

Eitorf -

Stacheldraht hat König Arthur schwer zugesetzt. Die ganze Brust tief aufgerissen, das Beinchen verletzt. Dass sein Leben gerettet werden konnte, verdankt der Wachtelkönig Angelika Bornstein von der Vogelhilfe Rhein-Sieg. In Eitorf-Bach wurde das seltene Tier aufgepäppelt. Und soll nun wieder in die Freiheit entlassen werden. „Dazu bringen wir ihn nach Soest, wo es ein Schutzprogramm für die vom Aussterben bedrohte Art gibt“, so Bornstein.

Doch der scheue hellbraune Vogel ist längst nicht der einzige Patient, der auf dem 3500 Quadratmeter großen Grundstück von Bornstein gepflegt wird. In den fünf großen und etlichen kleinen Volieren piepsen und zwitschern, krächzen und zirpen rund 30 weitere Vögel, Krähen und Finken, Spatzen und Schwalben, sprechende Eichelhäher und sogar eine flugunfähige Stadttaube. Sie wird immer in einer Voliere leben müssen, genau wie die Rotdrossel, die eigentlich in Sibirien heimisch ist. Der Vogel ist auf einem Auge blind und deshalb mit einem Auto zusammengestoßen.

„Sie hatte den Flügel und das Bein gebrochen, was beides gut verheilt ist. Aber auswildern kann man sie nicht mehr – der nächste Zusammenprall ist vorprogrammiert“.
Manch einem Patienten gefällt es in der Station in Bach so gut, dass er gar nicht mehr in die Freiheit zurück will. „Die kleine Bachstelze würde ich gerne auswildern, aber sie setzt sich immer auf meine Schulter und will nicht weg“, erzählt Bornstein. Und dann sind da noch die Dauergäste, die nicht ausgewildert werden können und für die Paten gesucht werden, wie zum Beispiel die neunjährige Eichelhäherdame Hemdchen, die zu sehr an Menschen gewöhnt ist, oder Krähe Jakob. „Der hängt die Wäsche von der Leine und verteilt sie in fremden Gärten!“ Dann ist da noch Elstermann Schneckchen, der seinen Namen vor sich hin brabbelt und verliebt ist in eine männliche Dohle. Auch Rudi Reiher, der schon seit sieben Jahren in der großen Voliere lebt, wird bis zu seinem Lebensende bleiben müssen: Er hat einen steifen Flügel.

Das erste Küken ist schon da und reißt den Schnabel auf: Ein winziger Grünfink sitzt in der 28 Grad warmen Aufzuchtbox und fängt laut an zu zirpen, sobald Bornstein den Raum betritt. Gerade mal acht Tage war der Piepmatz alt, als ihn ein heftiger Regenguss aus seinem Nest spülte. Sein Geschwisterchen überlebte nicht. Eine Spaziergängerin fand das hilflose Vogelbaby und brachte es zur Station, wo es mit mit einem speziellen Handaufzuchtbrei gefüttert wird. „15 Mal am Tag jede Stunde“, berichtet Angelika Bornstein.

Sie warnt jedoch davor, jedes kleine Vogelbaby auf dem Boden als hilfsbedürftig einzustufen und mitzunehmen. „In einem Nest mit bis zu sechs Küken wird es ganz schön eng! Die Kleinen suchen Platz, und werden von den Eltern auch am Boden versorgt!“

Dennoch ist sie sich sicher, dass der kleine Grünfink nicht das einzige Vogelkind in Bach bleiben wird – die Versorgung ist ein Fulltime-Job, der um 5 Uhr morgens beginnt und erst nach 21 Uhr endet. Unterstützt wird sie dabei ausgerechnet von zwei Gänsedamen. „Rondi und Joy sind hervorragende Mütter, die sich um Wildgänse- und Schwanenküken kümmern und auch erwachsene Wildvögel sofort unter ihre Fittiche nehmen, wenn sie verletzt zu mir kommen“. Einmal hätten die resoluten Gänsedamen sogar einem Greifvogel schwer zugesetzt, der eine in Pflege befindliche Amsel schlagen wollte. „Den musste ich dann vor den Gänsen retten!“

403 Vögel wurden allein im letzten Jahr in der Station gepflegt. Hinter dem Engagement steckt allerdings nicht nur reine Tierliebe, sondern auch der Artenschutzgedanke. Die Bestände vieler Vogelarten nehmen rapide ab, Spatz und Schwalbe zum Beispiel stehen mittlerweile schon auf der Vorwarnliste zur Roten Liste. Zippammer oder Rebhuhn sind vom Aussterben bedroht.

Deshalb such die Ehrenamtlerin der Wildvogelhilfe, die den BUND als neuen Träger gewinnen konnte, dringend Unterstützung. „Gerade in der Brutzeit ist Hilfe – auch stundenweise – ganz wichtig. Wir bieten auch drei- bis sechsmonatige Praktika für junge Leute, die sich für Veterinärmedizin, Zoologie oder den Beruf des Tierpflegers interessieren.“ Besonders gefragt sind starke Arme: „Einen renitenten Schwan festzuhalten oder einen 25-Kilo-Sack mit Futter zu stemmen, das ist harte Arbeit.“