30.07.2016
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Wohnzimmer-Konzert in Lohmar: Musikalische Botschaft auf der Sahara

Weltmusik im Wohnzimmer: Mariem Hassan und Band bei einem Tourneeabstecher in Lohmar.

Weltmusik im Wohnzimmer: Mariem Hassan und Band bei einem Tourneeabstecher in Lohmar.

Foto:

Andreas Helfer

Lohmar -

Musikalische Freiheitsrufe, afrikanische Trommel-Rhythmen und perlende Gitarrenklänge sind im Wohnzimmer von Klaus Schönenberg nichts ungewöhnlich. Schließlich verfügt der Gründer der Initiative Kulturen der Welt über eine staatliche CD-Sammlung. Die Musik von Mariem Hassan und Band erklang aber diesmal nicht aus der Konserve, sondern live: Schönenberg hatte die westafrikanische Künstlerin eingeladen, auf ihrer Nordrhein-Westfalen-Tournee einen Abstecher in sein Wohnzimmer nach Lohmar zu machen, und selbiges erwies sich als groß genug für ein rund 50-köpfiges Publikum, das bei freiem Eintritt einen bewegenden Abend erlebte. Die Musiker nahmen auf dem Parkettboden vor Heizung und Topfpflanzen Platz.

Der Begriff Weltmusik trifft auf die Band in besonderer Weise zu. Der Multiinstrumentalist Gabriel Flores eröffnete den Abend an der Tidinit, einer Laute aus Holz und Tierhaut, deren Geschichte sich bis zu den alten Ägyptern zurückverfolgen lässt. Typisch für die Freiheitslieder in der Westsahara ist die Ablösung dieses Saiteninstruments durch die E-Gitarre, die umgestimmt wird und moderne Soundspektren eröffnet. So griff Flores später zu Flöte und Saxophon, während Luis Gimenez eine halbakustische Jazzgitarre spielte, mit verblüffendem Ergebnis. Sein Sound nahm die Musik der Sahara ebenso auf wie Anklänge an den typischen Highlife-Gitarrensound Westafrikas. Er streute aber auch Blues und Funk ein.

Zusammen mit dem Percussion-Spiel Vadiya Mint El Hanevi und dem kraftvollen Gesang von Hassan ergab das eine faszinierende Mischung, schwermütig und bewegend in den ruhigen Teilen, temperamentvoll und tanzbar bei den schnelleren Stücken, für europäische Ohren faszinierend in den Harmonien. Zazie Schubert-Wurr, die bei Hassans spanischem Plattenlabel Nubenegra arbeitet, war es zu verdanken, dass die Zuhörer nachvollziehen konnten, worum es ging: Ein Stück etwa war ein Beitrag der Band zum ägyptischen Frühling, der auch in der Westsahara Hoffnung aufkeimen ließ.

In ihrer Heimat gilt die Sängerin als Botschafterin ihres Volkes, der Sahrauis, dem Politik und Weltgeschichte übel mitspielten. Schubert-Wurr kennt das Schicksal des Nomadenvolks. Ihr Siedlungsgebiet, die Westsahara, war bis 1975, dem Todesjahr des Diktators Franco, spanische Kolonie. Als sich die Spanier zurückzogen, machte Marokko Ansprüche geltend.

Nur ein schmaler Streifen gehört heute zur Demokratischen Arabischen Republik Sahara der Ethnie. 200 000 Menschen, zwei Drittel aller Sahrauis, leben in Zeltlagern in Südalgerien. Im marokkanischen Teil gebe es immer wieder Menschenrechtsverletzungen, zudem ein Sprachverbot für den arabischen Dialekt der Nomaden. „Die Sahrauis sind ein ganz besonderes Volk“, sagt Schubert-Wurr, in ihrer Sprache gebe es keine beleidigenden Wörter. Ein Mann, der im Lager eine Frau schlage, werde von den anderen sofort ausgegrenzt. Etwas besonderes sei auch die Religiosität der sehr offenen Menschen: Die maurische Minderheit pflege ein sehr persönliches Verhältnis zum Propheten. Die Lieder Hassans seien keine Kampflieder im eigentlichen Sinne, sondern sehr viel poetischer, auch wenn die Sängerin an die Weltöffentlichkeit appelliert, den Status des Volks und seines Territoriums endlich zu klären. „Das höchste Ansehen bei den Sahrauis haben die Poeten.“ 1958 geboren, lebe die Sängerin außerhalb ihrer Heimat, seitdem sie 17 Jahre alt ist. „Das Exil hat die Sahrauis aus dem Mittelalter in die Neuzeit katapultiert“, so Schubert-Wurr.

Auch Klaus Schönenberg hat die Lager besucht und spricht von „Zelten in einer Geröllwüste“, in die die Flüchtlinge damals hätten umziehen müssen. Überleben sei dort nur durch Hilfsgüter der Vereinten Nationen möglich. Schönenberg ist aber auch aufgefallen, dass sich „bei diesem Volk alles um Musik dreht“. Egal ob in der Sahara oder in einem Lohmarer Wohnzimmer.