24.07.2016
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Pflegeberuf: Mehr Aufgaben, weniger Personal

Hektik in der Klinik: Brüssel will den Pflegeberuf durch einheitliche Regeln attraktiver machen.

Hektik in der Klinik: Brüssel will den Pflegeberuf durch einheitliche Regeln attraktiver machen.

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Archivbild: dapd

Rhein-Sieg-Kreis -

Seit gut einem Jahr tobt in Brüssel ein Kampf hinter den Kulissen, dessen Entscheidung auch Auswirkungen auf den Rhein-Sieg-Kreis hat: Es geht um die Frage, welche Qualifizierung ein Krankenpflege-Azubi mitbringen muss, um seine Ausbildung anzutreten. Reicht, wie in Deutschland bisher üblich, der Realschulabschluss? Oder soll die Mindestanforderung an das in der EU übliche Niveau von mindestens zwölf Schuljahren gehoben werden?
Einige Länder forderten sogar, für den Pflegeberuf ein Studium zur Pflicht zu machen.

Rasch brachten sich Interessenvertreter in Stellung: Auf der einen Seite Berufsverbände wie der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe, die die Neuregelung begrüßen – verspricht sie doch eine Aufwertung des Berufs. Auf der anderen Seite Bundesregierung und Pflegeversicherungen: Sie befürchten einen Pflegenotstand, wenn große Gruppen Jugendlicher vom Zugang zu der Ausbildung ausgeschlossen werden.
Seit Mittwoch ist diese Debatte erst einmal beendet. Nach Ansicht des Europaparlaments reichen zehn Jahre Schule. Der zuständige Ausschuss stimmte dafür, die Regelung in Deutschland als Ausnahme zuzulassen. Realschüler und qualifizierte Hauptschüler können hierzulande also weiterhin Pflegeberufe ergreifen.

Aber ein einheitlicher Katalog soll festlegen, welche fachlichen Anforderungen alle Gesundheitsfachkräfte am Ende ihrer Ausbildung erfüllen müssen – ob nun nach zehn oder zwölf Jahren Schule. Über diesen Vorschlag berät im Mai das Plenum des EU-Parlaments.

Viel Lärm um nichts also? Klar ist: Seit Jahren herrscht Mangel an Pflegekräften, und er wird immer größer. Im Rhein-Sieg-Kreis stieg die Zahl der offenen Pflegestellen in den vergangenen fünf Jahren von 1368 auf 1871, heißt es von der Agentur für Arbeit. Klar dürfte auch sein: Wenn der Beruf nicht attraktiver gemacht wird, bessert sich daran nichts.

„Die Ausbildungsvoraussetzungen hoch zu schrauben, hätte nichts gebracht“, sagt Arno Appelhoff, Gewerkschaftssekretär bei Verdi Bonn/Rhein-Sieg. Zum Vergleich zieht er die Situation auf dem Arbeitsmarkt in Großbritannien heran: „In englischen Krankenhäusern sind direkt am Patienten inzwischen nur noch etwa 30 Prozent gut ausgebildete Pflege-Fachkräfte tätig.“ Die Mehrheit des Pflegepersonals verfüge nur über Kurzausbildungen, „wenn überhaupt“. In Deutschlands Krankenhäusern hingegen stelle das Fachpersonal immer noch die große Mehrheit.

Um den Beruf aufzuwerten, findet Appelhoff, müssten vielmehr die Ausbildungsbedingungen verbessert werden – vor allem in den Kliniken selbst. „Der Standard der schulischen Ausbildung ist inzwischen gut, aber die Praxis kommt zu kurz.“ Für die Einweisung in die Arbeit am Patienten – klassischen Beispiele: einen Katheter legen, Hygienevorschriften umsetzen – sind so genannte Praxis-Anleiter zuständig. „Diese Anleiter sollen von den Kliniken für die Ausbildung freigestellt werden, doch das geschieht bei weitem nicht im ausreichendem Maße“, so Appelhoff. Gründe seien Personalmangel und Kostendruck. „Wir von Verdi fordern deshalb, dass die Krankenkassen die Praxisanleiter voll bezahlen.“

Daneben müssten auch Arbeitsbedingungen und Entlohnung verbessert werden. „Aber das Gegenteil ist der Fall“, sagt Appelhoff. Bei seinen Besuchen vor Ort stelle er fest, dass der einzelne Pfleger, die einzelne Krankenschwester immer mehr Aufgaben zu bewältigen hat. Steigende Fallzahlen, unregelmäßige Dienste, Überstunden, höherer Dokumentationsaufwand – das sei die Realität. Von vor einem Jahr stammt eine Belastungsanalyse aus drei Krankenhäusern in der Region. Befragt wurden Beschäftigte in den patientennahen Diensten (mit Ausnahme der Ärzte).

Im Asklepios Klinikum Sankt Augustin antworteten 93,4 Prozent auf die Frage „Fühlst du dich für deine Arbeit wertgeschätzt?“ mit „eher nicht“ oder „gar nicht“. Nur 6,6 Prozent fühlten ihre Arbeit „sehr“ oder „etwas“ wertgeschätzt. Gefragt wurden 404 Personen, Auskunft gaben 219 von ihnen. Zum Vergleich: Im Krankenhaus Gummersbach antworteten 64 Prozent, sie fühlten ihre Arbeit eher nicht oder gar nicht wertgeschätzt, in der Uniklinik Bonn waren es 71 Prozent.
Trotz allgemein schlechter Stimmung existieren also immer noch erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Krankenhäusern. Um hier etwas zu verbessern, braucht es allerdings keine Ausbildungsvorgaben von der Europäischen Union.